Der Platz an der Sonne ist für ihn reser­viert. Natio­nal­spieler lüm­meln auf den Sofas im Innenhof des Frank­furter Nobel­ho­tels Villa Ken­nedy“ und geben Inter­views. Auf den Tischen stehen Schilder mit den Namen, damit jeder Profi weiß, wo sein Platz ist. In der prallen hes­si­schen Mit­tags­sonne bemisst sich die Hier­ar­chie in der Mann­schaft heute nach der Menge an Schatten, die ein Spieler an seinem Platz bekommt. Die Eis­würfel im Glas von Mario Götze sind längst geschmolzen. Der Dort­munder Jung­profi rückt unge­lenk seinen Stuhl ein Stück nach hinten, um den Kopf unter die Aus­läufer des Schirms zu kriegen. Götze ver­sucht, sich nichts anmerken zu lassen. Der Schweiß läuft ihm die Schläfen hin­unter. Er blin­zelt, er lächelt. Ein Mann auf der Son­nen­seite des Lebens.


Hinter dem 19-Jäh­rigen liegt eine rausch­hafte erste Pro­fi­saison, die mehr Geschichten pro­du­ziert hat als manch veri­table Lauf­bahn. Götze wurde Stamm­spieler beim BVB, als er gerade voll­jährig war. Er absol­vierte 33 Meis­ter­schafts­spiele, in denen es schnell nur noch um den Titel ging. Er wurde Meister und kaum hatte sich der Rauch der Fei­er­lich­keiten ver­zogen, brach er zur Natio­nalelf auf, zu deren Kader er inzwi­schen gehört. Er ist die Gali­ons­figur der neuen Pro­fiära, der Genera­tion Götze“. Ein 171 Zen­ti­meter großer Super­lativ. Der deut­sche Lionel Messi.

Shoo­ting­star-Klad­de­ra­datsch

Ziem­lich viel Gepäck für einen jungen Mann, in dessen Gesicht sich gerade die letzten Relikte der Pubertät ver­flüch­tigen. Er sagt: Es ist nicht so ein­fach, das klar zu sor­tieren, aber gene­rell ist es per­fekt gelaufen.“ Dieser Shoo­ting­star-Klad­de­ra­datsch will gar nicht zu dem Youngster passen. So wie ihm auf dem Platz fast immer noch eine bes­sere Lösung als dem Gegner ein­fällt, um die Situa­tion für sich zu ent­scheiden, hat Götze auch kon­krete Ideen, was pas­sieren muss, damit sein Erfolg von Dauer ist: Zunächst mal möchte ich schleu­nigst meinen linken Fuß und mein Kopf­ball­spiel ver­bes­sern. Und ich muss zusehen, wie im letzten Jahr ver­let­zungs­frei zu bleiben.“

Was nach Phrase klingt, ent­springt der Gewiss­heit, dass es im Pro­fi­ge­schäft auch anders laufen kann. Als er Ende 2009 zum Pro­fi­kader des BVB stieß, wech­selte sein zwei Jahre älterer Bruder Fabian zum FSV Mainz. Dort warf den Großen erst ein Husten zurück, anschlie­ßend konnte er auf­grund von Schul­ter­be­schwerden nicht spielen. Er wurde ins Mainzer Reser­ve­team beor­dert und schaffte die Rück­kehr in die Bun­des­li­gaelf nie mehr. Nun hat Fabian Götze bei der Zweiten des VfL Bochum unter­schrieben und wohnt wieder 200 Meter von seinem Eltern­haus ent­fernt. Ganz nach Hause wollte er nicht, zumal sich im Ober­ge­schoss mit sepa­ratem Bad und Balkon, wo er bis zu seinem Auszug wohnte, inzwi­schen Mario breit­ge­macht hat. Und auch wenn dessen Markt­wert nun bei 12,5 Mil­lionen Euro liegen soll, denkt der Zweit­ge­bo­rene gar nicht daran, das Leben daheim auf­zu­geben, wo Mut­tern die Wäsche macht und das Abend­brot auf den Tisch stellt.

Sein Vater ist Pro­fessor für Daten­technik

Mit seinem Vater, einem Pro­fessor für Daten­technik an der Uni Dort­mund, hat er lange dis­ku­tiert, ob er die Schule vor­zeitig abbre­chen kann. Für die Götze-Spröss­linge stand nie zur Debatte, dass sie nicht das Abitur machen. Vor gut einem Jahr aber ent­schieden Vater und Sohn gemeinsam, dass Mario nach dem Fachabi auf­hören darf, um sich ganz auf die Pro­fi­kar­riere zu kon­zen­trieren. Bis zuletzt redete der Hoch­schul­do­zent auf den Jungen ein, ob das eine Jahre nicht doch noch drin sei. Fabian habe das Abi doch auch gebaut. Am Ende aber däm­merte Jürgen Götze, dass die Drei­fach­be­las­tung aus Pro­fi­alltag, Abi­stress und Junio­ren­na­tio­nalelf auf Dauer kein Zustand ist. Der Pro­fessor sagt: Ein Junge in dem Alter braucht auch Erho­lungs­zeit.“ Das Fach­ab­itur aller­dings war eine feste Auf­lage des Vaters, damit auch Mario die Chance behält – im Falle eines Falles – noch ein Stu­dium zu absol­vieren. Ein biss­chen unheim­lich ist dem Aka­de­miker der sport­liche Erfolg seines Juniors näm­lich schon: Als ich zwanzig war, wollte ich Ten­nis­profi werden, heute bin ich fünfzig und kann guten Gewis­sens sagen, dass mir mein Leben an der Hoch­schule auch viel Spaß macht. Des­wegen kann ich mir auch immer noch ein anderes Leben für Mario vor­stellen, wenn er großes Ver­let­zungs­pech hätte.“

Ratio­na­lität und Demut, über die offenbar auch der hoch­be­gabte Filius ver­fügt. Mario Götze gilt als zurück­hal­tend und über­legt, aber den­noch als Mann, der klare Vor­stel­lungen hat. Bei der Natio­nal­mann­schaft loben sie ihn, dass er sich erst mal in Ruhe ein Bild von der Situa­tion gemacht hat, ohne ansatz­weise den jungen Wilden raus­hängen zu lassen. Er selbst sagt, er habe sich gefreut, bei der DFB-Elf die Bayern-Spieler, die 2010 im Cham­pions-League-Finale gestanden haben, oder Mesut Özil oder Sami Khe­dira ken­nen­zu­lernen. Dirk Reim­öller, der den her­an­wach­senden Götze vor sieben Jahren bei der West­fa­len­aus­wahl trai­nierte, sagt: Es klingt fast profan, aber Mario spielt ein­fach Fuß­ball. Der hat Spaß daran, sich mit den Besten auf dem Platz zu messen.“ Von seinem Platz in der Hitze blickt Götze nun hin­über, dorthin wo Philipp Lahm im Schatten mit einem Jour­na­listen plau­dert und sagt: Ich treffe hier auf Leute, die ich bisher nur aus dem Fern­sehen kannte – und denen begegne ich mit viel, viel Respekt.“ Mario im Wun­der­land.

Ein Allein­gang wie ein Road­movie

Als er nach einem Allein­gang, der fast einem Road­movie gleichkam, in der Rück­serie das vor­ent­schei­dende Spiel gegen Han­nover 96 drehte, wid­mete er den Treffer dem Ersatz­mann Dede. Einem Profi, der beim BVB spielt, solange Götze denken kann. Die Szene, als der alternde Bra­si­lianer dem Jung­spund um den Hals fällt, ist in dieser magi­schen Saison der Dort­munder Wie­der­kehr ein Symbol für die innere Geschlos­sen­heit der Meis­terelf gewesen. Sie ist aber auch ein Beweis für den guten Instinkt des 19-Jäh­rigen. Ohne lange zu über­legen, macht Götze ein­fach vieles richtig. Als er in der Hin­runde das Gefühl bekam, das Inter­esse der Medien könne ihn zu sehr vom Fuß­ball ablenken, gab der Verein auf seine Initia­tive eine Inter­view­sperre bekannt. Trainer beschreiben ihn als einen, der vor großen Spielen sehr sen­sibel mit­unter sogar nervös reagiert. Der ehe­ma­lige U 17-Natio­nal­coach Marco Pez­zai­uoli, der mit Götze 2009 den EM-Titel holte, sagt: Aber wenn er auf den Platz geht, ist diese Ner­vo­sität wie weg­ge­wischt.“ Sein Talent gibt ihm das Selbst­be­wusst­sein, um auch unter größtem Druck durch den Gegner oder vor 80 000 Zuschauern die Nerven zu behalten.

Er bewun­dert Lionel Messi und Zine­dine Zidane und bedauert Ronald­inho und Adriano, die es nicht geschafft haben, ihr Talent in eine lang­fris­tige Kar­riere in umzu­münzen. Er ver­sucht, es besser zu machen. Götzes Kon­stanz in der zurück­lie­genden Saison aber ist auch die Folge akri­bi­scher Vor­be­rei­tung. Als er in den Jugend­mann­schaften wegen seiner Statik immer wieder mit Muskel- und Gelenk­bles­suren zu kämpfen hatte, ver­fiel er nicht ins Grü­beln, son­dern setzte sich mit dem Pro­blem pro­aktiv aus­ein­ander. Wäh­rend andere in die Ferien gingen, ver­brachte er die freie Zeit im Reha-Zen­trum in Donaus­tauf, um seinen Körper zu stählen und wei­teren Ver­let­zungen vor­zu­beugen.

Als Kind spielte er Base­ball, Bas­ket­ball und Tennis

Es gibt Trainer, die für sich gern ver­an­schlagen, das Talent Götze ent­deckt zu haben. Doch die Liebe zum Ball wurde ihm in die Wiege gelegt. Bei den Aus­lands­se­mes­tern des Vaters in den USA spielte er schon als Klein­kind Base­ball, Bas­ket­ball und Tennis. West­falen-Coach Dirk Reim­öller ist über­zeugt: Spieler wie Mario werden nicht von einem Trainer ent­deckt, solche Aus­nah­me­ta­lente ent­de­cken sich selbst.“ Jürgen Götze, der die beson­deren Momente auf dem Platz von seinem zweiten Sohn schon seit der E‑Jugend kennt, hat sich ein Moment unwi­der­ruf­lich ins Gedächtnis ein­ge­brannt: Mario, obwohl vom Alter her noch B‑Jugendlicher, saß beim Spiel der A‑Jugend des BVB gegen den VfL Bochum auf der Bank. Er war mal wieder län­gere Zeit ver­letzt gewesen. Bochum führte zur Halb­zeit 3:0, und Trainer Peter Hyballa wech­selte ihn ein. Götze ging aufs Feld, schoss zwei Tore und berei­tete ein drittes vor. Der BVB gewann 4:3. Als ihn der Vater nach dem Schluss­pfiff eupho­risch fragte, wie er das denn bitte hin­ge­kriegt hätte, ant­wor­tete der Sohn mit kecker Bei­läu­fig­keit: Ich habe dem Trainer gesagt, ich sei fit, aber er hat mich nicht spielen lassen. Da wollte ich dem mal zeigen, was ich kann.“

Götze ist kein Stra­ßen­fuß­baller“, er ist ein Wohn­stu­ben­ki­cker“. Seit jeher gibt es im Rei­hen­end­haus der Familie im Dort­munder Stadt­teil Lück­lem­berg ein zwanzig Qua­drat­meter großes Tep­pich­feld mit zwei kleinen Toren. Der Platz, wo der Vater noch regel­mäßig mit seinen drei Söhnen kickt – auch Felix Götze, 13, spielt bereits in der BVB-Jugend –, der Ort, wo die Jungs enge Ball­füh­rung und ihren Fin­ten­reichtum schärften, liegt im Kel­ler­ge­schoss.

Mario Götze – der Platz an der Sonne

Kel­ler­kind Mario sonnt sich inzwi­schen im Glanz der Natio­nalelf. Zehn Minuten“, sagt ein DFB-Spre­cher. Zehn Minuten bleiben, um Fotos von Mario Götze zu machen, dann erwartet Jogi Löw seinen Eleven pünkt­lich zum Mit­tag­essen. Andere Spieler sind für solch enge Ter­min­vor­gaben dankbar. Medi­en­ar­beit ist für die meisten nur eine läs­tige Pflicht. Doch Götze ist noch neu hier. Ihm ist anzu­sehen, dass er sich wegen der kom­pro­miss­losen Regel­aus­le­gung des Pres­se­be­auf­tragten ein Schmun­zeln ver­kneifen muss. Am Ende bleibt er 19 Minuten beim Shoo­ting und flitzt dann wie von der Tarantel gesto­chen zum Essen. Mario Götze ist kein Spiel­ver­derber. Der Platz an der Sonne ist ihm sicher. Auch wenn der dem­nächst wohl im Schatten liegt.