Seite 2: „Cantona war mehr als nur ein Fußballer – wie Mehmet Scholl“

Eigent­lich soll es ja keine Typen mehr geben?
Das ist sicher auch eine Genera­ti­ons­frage. Elf‑, zwölf­jäh­rige Talente, die heute bei Spit­zen­klubs trai­nieren, geraten in eine Fahr­bahn, in der sie außer Fuß­ball wenig von der Welt mit­kriegen. Viel­leicht ist es auch so, dass die Spieler im sehr tak­tisch geprägten modernen Fuß­ball gar nicht mehr zu viel Cha­rakter haben sollen. Der Mangel an Typen könnte also auch damit zusam­men­hängen, wie sich das Spiel ent­wi­ckelt hat. Die Trainer werden immer wich­tiger, sie ope­rieren mit den Spie­lern auf dem Platz fast ein biss­chen wie mit Sol­daten. Gleich­zeitig gibt es diese Momente, wo einer mit einer indi­vi­du­ellen Aktion ein­fach den Unter­schied machen kann. Und diese Typen, glaube ich, wird es immer brau­chen.
 
Can­tona war so einer. 
Auf jeden Fall. Aber der war eben nicht nur Fuß­baller, son­dern viel mehr als das. Bei ihm hatte ich immer das Gefühl, dass er Fuß­ball nur als Teil­be­reich seines Lebens und über­haupt der Mensch­heit sah. Auch der Schweizer Alain Sutter oder Mehmet Scholl sind solche Typen. 

Haben Sie Can­tonas berühmten Kung Fu-Tritt gegen einen pöbelnden Fan 1995 damals mit­be­kommen?
Ja. Da war ich zwölf. Ich las die Fuß­ball­hefte meines Bru­ders und sah die Spiele im Fern­sehen.

Es ist eine iko­no­gra­fi­sche Szene. Einer­seits umstritten, ande­rer­seits fas­zi­nie­rend. Sehen Sie das auch so?
Ja, es hatte vor allem eine große Sym­bolik. Nach der Aktion erklärte Can­tona, dass es zwar ein Fehler gewesen sei, er aber in dem Moment den Schmerz von vielen Men­schen aus­ge­lebt habe. Dass er in diesem Moment die Ernied­ri­gung ein­fach nicht aus­hielt und sich davon befreien musste – das ver­stehe ich. Irgendwie muss man sich ja als Mensch gegen solche Ernied­ri­gungen wehren und es gibt Situa­tionen, wo man sich ein­fach befreien muss.

Ähn­lich wie Zine­dine Zidane im WM-Finale 2006?
Die gleiche Situa­tion. Man kann von einem Spieler nicht erwarten, keine Iden­tität mehr zu haben. Auch wenn das viele Fans tun und sagen: Hey, warum hat der Dumm­kopf das nicht ein­fach von sich abprallen lassen? Nein, Zidane ist ein Mensch mit einer bestimmten Geschichte, er ist in den Ban­lieues auf­ge­wachsen, ohne seine Familie wäre er nichts. Seine Geschichte hat ihn in dem Moment voll getroffen. Mir geht es so: Ich will keine Spieler, keine Men­schen ohne Iden­tität. Solche Men­schen werden unter Umständen zu Kil­lern und Psy­cho­pa­then und kalten Tieren, die keine Moral mehr kennen.

Ist es auch ein Fan­pro­blem, wenn Zuschauer beides wollen: Typen und erfolg­reiche Fuß­baller, die dafür aber mehr denn je in einem System funk­tio­nieren müssen?
In dem Punkt sind die Fans als Person sehr unge­recht und als Kol­lektiv dumm. Dagegen bleibt der Spieler immer der Ein­zelne. Diese Mecha­nismen muss er ver­stehen und da auch mehr von sich abprallen lassen, was in jungen Jahren natür­lich schwer ist. Der Spie­lertyp, der heute gebraucht wird und funk­tio­nieren soll, muss als Per­sön­lich­keit hoch kom­plex sein.