Seite 4: Der Höhepunkt seiner Karriere

Die Möwen folgen dem Fisch­kutter, weil sie denken, dass Sar­dinen ins Meer geworfen werden. Vielen Dank.“ Dann stand er auf und ging. Das war alles. Gerade war in der Beru­fungs­kammer seine zwei­wö­chige Gefäng­nis­strafe in 120 Stunden Sozi­al­ar­beit umge­wan­delt worden, der Ver­band hatte ihm eine acht­mo­na­tige Sperre auf­ge­brummt, und das war alles. Es war ein genialer Coup. Bis die Jour­na­listen begriffen hatten, dass wohl sie die Möwen waren und Can­tona ihnen gerade Sar­dinen in Dosen hin­ge­worfen hatte, die sie erst einmal auf­be­kommen mussten, war er längst wieder über alle Berge. Hatten sie wirk­lich eine Erklä­rung erwartet, eine Ent­schul­di­gung gar? Was sie bekommen hatten, war Futter. Akkurat ver­packt. Eines der bekann­testen Zitate der Fuß­ball­ge­schichte.

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Can­tona hat in der Öffent­lich­keit nie ein Wort des Bedau­erns über die Attacke ver­loren, im Gegen­teil, er bezeich­nete sie später sogar als Höhe­punkt seiner Kar­riere. Wenn man dem dama­ligen Ver­bands­vor­sit­zenden David Davies glaubt, der später in seinen Memoiren FA Con­fi­den­tial“ davon berich­tete, ent­schul­digte sich Can­tona wäh­rend der Ver­hand­lung vor dem Sport­ge­richt bei Man­chester United, Alex Fer­guson, Mau­rice Wat­kins, meinen Mann­schafts­ka­me­raden, dem Ver­band – und der Pro­sti­tu­ierten, die letzte Nacht mein Bett mit mir geteilt hat“, was nur des­wegen nicht zu einer höheren Sperre führte, weil zwei der drei Richter Can­tonas fran­zö­si­sches Eng­lisch nicht ver­standen. Bei Mat­thew Sim­mons, den er immer nur als den Hoo­ligan“ bezeich­nete, ent­schul­digte er sich nicht.

Ich ent­schul­dige mich bei Man­chester United, Alex Fer­guson, Mau­rice Wat­kins, meinen Mann­schafts­ka­me­raden, dem Ver­band – und der Pro­sti­tu­ierten, die letzte Nacht mein Bett mit mir geteilt hat“

Es ging nicht anders. Sich öffent­lich zu ent­schul­digen, hätte bedeutet, den Medien zu geben, was sie von ihm erwar­teten. Was sie von jedem anderen erwartet hätten. Das konnte er nicht. Er mochte Gegen­stand der Bericht­erstat­tung sein, ihr Spiel­ball würde er nicht werden. Er ließ sich nicht ver­ein­nahmen, von nie­mandem. Und er recht­fer­tigte sich nicht. Nie­mals. Das ist es, was Eric Can­tona bis heute aus der Masse der soge­nannten Rebellen her­aus­hebt. Er ist nie an den Punkt gelangt, an dem er sich ein­ge­stehen musste, dass das System größer ist als er selbst.

Nach seiner Sperre kam er noch einmal zurück und führte Man­chester United zu zwei wei­teren Meis­ter­schaften. Dann erklärte er, auf dem Zenit seines Schaf­fens, mit nicht einmal 31 Jahren, seinen Rück­tritt. End­gültig. Wie immer hatte er sich bis zuletzt die Mög­lich­keit offen­ge­halten, am Ende mit aller Kon­se­quenz das zu tun, was nie­mand erwar­tete. Dieser Maxime ist er immer treu geblieben, und ob er sich damit in Wider­sprüche ver­strickte oder jemanden vor den Kopf stieß, spielte für ihn keine Rolle. Er rief in Inter­net­vi­deos zum Sturz des Ban­ken­sys­tems auf und warb gleich­zeitig für inter­na­tio­nale Groß­kon­zerne. Er kün­digte an, bei den fran­zö­si­schen Prä­si­dent­schafts­wahlen kan­di­dieren zu wollen, und amü­sierte sich könig­lich über die Auf­re­gung der Medien, ehe er das Ganze als PR-Kam­pagne für eine Obdach­lo­sen­stif­tung ent­larvte.

Er arbeitet heute abwech­selnd als Sport­di­rektor für den wie­der­be­lebten Ope­ret­ten­klub New York Cosmos und als ernst­zu­neh­mender Schau­spieler in Frank­reich. Er ist noch immer ein Mann der Gegen­sätze. Er ist noch immer Eric Can­tona, Erlöser von Man­chester United, König der Möwen.