Seite 3: Der Kampf eines einzelnen gegen das System

In den Redak­tionen waren sie begeis­tert, aber sie ver­standen ihn nicht. Wer war dieser Froggy mit dem grau­en­haften Akzent, der immer so rät­sel­haft sprach und regel­mäßig vom Platz flog? Der angab, die Fans von Leeds ver­stehen zu können, die ihn nach seinem Wechsel ver­ach­teten, und dann einen von ihnen bei seiner Rück­kehr an die Elland Road anspuckte, weil er ihn belei­digt hatte? Der mit 28 eine Auto­bio­grafie ver­öf­fent­lichte, bei der man sich auf jeder Seite fragen musste, was erfunden war und was echt? Er passte nicht in ihre Schub­laden. Wenn er ihnen von Rim­baud erzählte, ver­standen sie nur Rambo“ und bil­deten ihn mit nacktem Ober­körper ab. Also hörte er auf, mit ihnen zu spre­chen. Was inter­es­sierten ihn ihre Schub­laden?

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Auf den Rängen von Old Traf­ford, dem Theatre of Dreams“, ver­standen sie ihn intuitiv, auch dann, wenn ihm nichts gelang, wenn er sich vergaß, vom Platz flog, wenn er zuschlug. Sie riefen seinen Namen in immer neuen Gesängen, sie machten ihn zu ihrem König und ihrem Erlöser. Oh! Ah! Can­tona! Sie ver­standen ihn, weil sie wussten, dass er sie ver­stand. Dass er, auch wenn sie ihm zuju­belten, doch noch einer von ihnen war. Er ver­diente Mil­lionen und lebte in einer kleinen Dop­pel­haus­hälfte am Stadt­rand. Er scherte sich einen Dreck darum, was andere von ihm erwar­teten. Was er tat, tat er einzig und allein des­halb, weil er es für richtig hielt. Viele erfolg­reiche Leute wollen zeigen, dass sie anders sind. Sie wohnen in rie­sigen Häu­sern und ver­su­chen, in einer anderen Welt zu leben“, sagte er Jahre später in einem Inter­view. Ich wollte immer in der­selben Welt leben.“ Dann kam der Abend des 25. Januar 1995, und diese Welt geriet ins Wanken.

Scho­ckie­rend und fas­zi­nie­rend zugleich, brutal und anmutig, häss­lich und schön

Der Satz wurde so oft zitiert, dass man gerne ohne ihn aus­kommen würde. Wann immer von Can­tona gespro­chen wird, ist auch von diesem Zitat die Rede. Man kann es auf T‑Shirts gedruckt kaufen. Man kann es eigent­lich nicht mehr hören. Aber es geht nicht ohne. Der Satz ist sein Ver­mächtnis, ein vor­weg­ge­nom­mener Abschieds­gruß, eine Remi­nis­zenz an eine andere Zeit. When the seagulls follow the trawler, it is because they think sar­dines will be thrown into the sea.

Die Attacke war scho­ckie­rend und fas­zi­nie­rend zugleich, brutal und anmutig, häss­lich und schön, ein Akt der Kör­per­ver­let­zung und gleich­zeitig der Rebel­lion. Sie war wie Eric Can­tona: alles auf einmal. Er war beim Spiel gegen Crystal Palace im Sel­hurst Park gerade wieder mal vom Platz geflogen und auf dem Weg in die Kabine, als aus der Viel­zahl der Beschimp­fungen ein Ruf sein Ohr erreichte, der mit seiner Natio­na­lität zu tun hatte und mit seiner Mutter. Er machte den Schrei­hals in der Menge aus, fixierte ihn und rannte los. Er erwischte Mat­thew Sim­mons, einen vor­be­straften 20-jäh­rigen Hilfs­ar­beiter mit einer Ten­denz zu rechts­ex­tremen Ansichten, mit einem form­voll­endeten Kung-Fu-Kick an der Brust, fiel, wenig anmutig, auf das Geländer, das die Zuschau­er­ränge vom Spiel­feld trennte, rap­pelte sich in Sekun­den­schnelle auf und schickte noch ein paar Faust­schläge hin­terher. Dann war Peter Schmei­chel end­lich bei ihm und zerrte ihn in die Kabine.

Der Auf­schrei war gewaltig. Man­chester United sperrte Can­tona umge­hend (und wohl auch zu seinem eigenen Schutz) bis zum Sai­son­ende. Doch vielen war das nicht genug, Stimmen, die eine lebens­lange Sperre, ein nie dage­we­senes Urteil for­derten, wurden laut. Doch so brutal Can­tonas Attacke auch gewesen war, so hatte sie doch auch eine ver­ruchte Fas­zi­na­tion, weil in ihr ein so raues Auf­be­gehren steckte, der Kampf eines Ein­zelnen gegen ein System. Denn der Tritt gegen Sim­mons hatte ja vor allem des­halb so scho­ckiert, weil Can­tona mit ihm ein ein­zelnes Indi­vi­duum aus einer anonymen Masse her­aus­ge­bro­chen und somit erst angreifbar gemacht hatte. Er hatte, indem er eine Grenze über­schritt, klar­ge­macht: Es gab noch Grenzen. Egal wie auf­ge­blasen das Geschäft auch geworden sein mochte, egal wie viel die Spieler ver­dienten und egal wie viel jemand bezahlen musste, um sie zu sehen.