Herr Krankl, wann waren Sie zuletzt im Camp Nou?

Voriges Jahr. Joan Laporta (Prä­si­dent des FC Bar­ce­lona, Anm. d. Red.) hat mich auf den VIP-Balkon im Sta­dion ein­ge­laden. Ich muss sagen, was Benehmen und Auf­treten anbe­trifft, sind die Leute aus der jet­zigen Füh­rungs­riege sen­sa­tio­nell.

Was ist das Beson­dere daran, beim FC Bar­ce­lona zu spielen?


In Wien heißt es, dass Rapid eine Reli­gion sei. In Bar­ce­lona sagt man, Barça sei mehr als ein Club bzw. més que un club“, wie es auf Kata­la­nisch heißt. Wenn man als Spieler vor­ge­stellt wird, dieses Sta­dion und die Anhänger sieht, erkennt man, was es bedeutet: Der FC Bar­ce­lona ist der größte und beste Fuß­ball­verein der Welt.

Spürt man auf dem Platz diese beson­dere Bin­dung des Publi­kums zu Barça?

Man spürt diese Wucht, diese 100 000 Men­schen, die hinter einem stehen. Es ist nicht so wie in Eng­land, wo die Fans das ganze Spiel über singen. Es ist eine ganz eigene Stim­mung in Bar­ce­lona. Wenn die Mann­schaft die Fans braucht, sind sie immer da.

Die Barca-Fans nannten Sie zu Ihrer Zeit als Spieler zwi­schen 1978 bis 80 den Goleador“. Werden Sie heute noch in Bar­ce­lona erkannt?

Der Taxi­fahrer, der mich vom Flug­hafen in die Stadt chauf­fierte, hat mich gleich erkannt. Im Sta­dion arbeiten nur noch wenige aus meiner aktiven Zeit. Die jungen Zuschauer kennen mich nicht mehr. Aber es spricht sich rum, der eine sagt’s dem anderen weiter. So läuft das auch beim Team. Den jün­geren Spie­lern, die ich traf, wurde gesagt, wer ich bin.

Waren Sie vor ihrem ersten Spiel im Camp Nou ner­vöser als bei anderen Pre­mieren?

A bis­serl. Mein erstes Pflicht­spiel war eines der wenigen Spiele, das nach­mit­tags ange­pfiffen wurde. Wir traten am 3. Sep­tember 1978 gegen San­tander vor 95000 Zuschauern an – das war schon etwas Bewe­gendes. Es kochte im Sta­dion bei über 40 Grad. Wir haben durch einen Weit­schuss von Carles Rexach 1:0 gewonnen.

Hatten Sie nie Angst vor fast 100.000 Zuschauern einen Fehler zu begehen oder ein­fach schlecht zu spielen? Schließ­lich wurden die Zuschauer nach schlechten Spielen auch mal hand­greif­lich…

Im Gegen­teil, ich habe mich immer schon darauf gefreut, alle 14 Tage auf dieses Feld laufen zu dürfen. Wir waren zu meiner Zeit äußerst heim­stark. Ich habe zu Hause viele Tore geschossen und wurde am Ende sogar Tor­schüt­zen­könig. Du wirst von der Begeis­te­rung der Men­schen getragen, das war für mich nie eine Belas­tung, son­dern eine große Moti­va­tion.

Nach einem Spiel ver­un­glückten Sie mit dem Auto. Barça-Vize­prä­si­dent Joan Gas­part hat damals ihre schwer ver­letzte Frau ins Kran­ken­haus gefahren.

Die Men­schen haben mich in dieser vor allem für meine Frau schwie­rigen Phase sehr unter­stützt. Der Unfall war ein sehr schlimmer Moment, der Gott sei Dank glück­lich aus­ge­gangen ist. Durch die Anteil­nahme, die die Bevöl­ke­rung damals uns gegen­über offen­barte, bin ich ihnen weit über den Fuß­ball hinaus ver­bunden. Sie zeigten mehr Sym­pa­thien dem Men­schen Hans Krankl gegen­über als dem Tor­jäger, Mit­tel­stürmer und Tor­schüt­zen­könig.

Hun­derte Anhänger folgten den Auf­rufen, für ihre Frau Blut zu spenden. Inge ist eine Kata­lanin. In ihr fließt nur noch kata­la­ni­sches Blut“, sagten Sie später.

Die Blut­spenden, die Briefe, die wir bekommen haben, die Madon­nen­sta­tuen- und Bild­nisse, die Kreuze – es war ein­fach unglaub­lich. Es kamen Tau­sende Sen­dungen, nicht nur aus Kata­lo­nien, son­dern aus ganz Spa­nien. Etwas Ver­gleich­bares kann ich mir in Deutsch­land oder Öster­reich nicht vor­stellen.


In der Saison 78/79 gelang Ihnen nur ein Aus­wärts­sieg. Ist das Publikum so wichtig für einen Klub?

Johan Nees­kens sagte mir, dass man in Spa­nien Meister wird, wenn man zuhause alle Spiele gewinnt und aus­wärts unent­schieden spielt. Wir haben nur in Ali­cante gewonnen: 2:1, durch zwei Tore von mir. Wir haben dann noch ein paar Mal Remis gespielt, aber zur Meis­ter­schaft hat es nicht gereicht.

Wel­ches Spiel im Camp Nou ist Ihnen in beson­derer Erin­ne­rung geblieben?

Da gibt es zwei Spiele: Das 3:0 gegen den amtie­renden Euro­po­kal­sieger RSC Ander­lecht am 1. November 1978. Wir hatten das Hin­spiel in Brüssel 0:3 ver­loren und mussten eine Reihe von Platz­ver­weisen hin­nehmen. Im Rück­spiel ging es dann ins Elf­me­ter­schießen, in dem wir die Partie für uns ent­scheiden konnten. Anschlie­ßend sind die Zuschauer noch zwei Stunden im Sta­dion geblieben. Die Aus­gangs­si­tua­tion war aus­sichtslos, doch die Fans und wir haben die Situa­tion gedreht. Das zweite Spiel, an das ich mich gerne erin­nere, war gegen Rayo Valle­cano: Wir haben 9:0 gewonnen und ich habe sechs Tore geschossen.

Sie waren der unmit­tel­bare Nach­folger von Johan Cruyff als Stürmer beim FC Bar­ce­lona. Haben Sie sich mit ihm über die Situa­tion bei Barca vorab aus­ge­tauscht?

Ich hab ihn erst wäh­rend eines Trai­nings getroffen. Es war nicht ein­fach für mich, dass alle sagten, ich käme als Nach­folger von Cruyff. Das konnte ich nicht sein, denn für mich war und ist er der größte Spieler aller Zeiten. Außerdem spielte er auf einer anderen Posi­tion als ich und war ein kom­plett anderer Spie­lertyp. Ich war ein Tor­jäger und habe dem­entspre­chend mehr Tore geschossen als er, aber dem Spieler Johan Cruyff konnte ich nicht das Wasser rei­chen.

Im Januar 1980 ver­ließen sie den FC Bar­ce­lona, um mit First Vienna wieder in kleinen öster­rei­chi­schen Sta­dien auf­zu­laufen. Sehnten Sie sich schon bald nach dem großen Camp Nou?

In Bar­ce­lona hatte ich Pro­bleme mit dem neuen Chef­trainer Carlos Rifé, der vorher Co-Trainer war. Ich ging zu dem spä­teren Absteiger First Vienna, was ein Kul­tur­schock war: Gerade spielte ich noch in Bar­ce­lona vor 100 000 Zuschauern und plötz­lich lief ich vor vier- bis fünf­tau­send in Öster­reich auf. Ich bin dann nach einem halben Jahr wieder nach Bar­ce­lona zurück, blieb aber nur ein paar Monate, dann war die Tren­nung end­gültig.

Bei diesem zweiten Inter­mezzo in Bar­ce­lona, das im Sommer 1980 begann, trai­nierten Sie unter László Kubala, für den, der Sage nach, Camp Nou errichtet wurde. Umgab ihn noch die Aura des großen Fuß­bal­lers, der er einst gewesen sein soll?


Absolut. Kubala war ein groß­ar­tiger Mensch, Trainer und Vor­bild. Genau wie der Straß­burger Lucien Muller, mein erster Trainer in Bar­ce­lona. Sie waren Respekts­per­sonen. Nach dem Trai­ning hab ich noch häufig Frei­stöße und Flanken trai­niert. Kubala, der damals schon deut­lich über 50 war, hatte uns gezeigt, wie es funk­tio­niert. Der war topfit.

Hatten Sie die Pro­bleme mit Rifé, weil dieser Ihnen unter anderem das Pri­vileg entzog, nach Län­der­spielen einen Tag Son­der­ur­laub zu bekommen, was Ihnen Muller und Kubala zuge­standen hatten?

Nicht nur. Rifé war ein Co-Trainer. Als Chef­trainer ver­suchte er dann, den großen Macker zu mimen. Es hatten neben mir auch noch vier, fünf wei­tere Spieler Pro­bleme mit ihm. Für seine Art wurde Rifé nach wenigen Monaten auch die Rech­nung prä­sen­tiert. Er hatte nicht die Per­sön­lich­keit, die man braucht, um einen Verein wie Bar­ce­lona zu trai­nieren. Die Spieler hatten keinen Respekt vor ihm – woran er aller­dings selbst schuld war.

Sie gingen dem Kon­flikt mit dem Verein aber auch nicht aus dem Weg und fuhren trotzdem zu jedem Län­der­spiel.

Diese Kon­flikte hatte ich des Öfteren. Ich bin ein großer Patriot und stolzer Öster­rei­cher. Ich bin in Wien geboren, in Wien auf­ge­wachsen, und auch der größte Verein der Welt, der FC Bar­ce­lona, konnte mich nicht davon abhalten, für mein Hei­mat­land auf­zu­laufen.

Was fehlte Rifé, das man braucht, um einen Verein wie den FC Bar­ce­lona zu trai­nieren?

Die Per­sön­lich­keit, das Auf­treten und das tech­ni­sche Know-How, wie es Muller und Kubala bei­spiels­weise hatten. Rifé hatte nichts außer seiner Erfah­rung als Co-Trainer. Er ist ein guter zweiter Trainer gewesen, aber Bar­ce­lona braucht einen Trainer mit großem Namen, mit einem Fach­wissen par Excel­lenze, er muss eine Respekts­person, eine Auto­rität und eine Per­sön­lich­keit sein. Wer das nicht mit­bringt, kann Barça nicht trai­nieren. Aus­ge­schlossen.

Bei Real Madrid gelten sicher­lich ähn­liche Maß­stäbe. Erfüllt Bernd Schuster diese?

Absolut. Er ist der rich­tige Trainer für Real Madrid. Ich hab ihn in Bar­ce­lona kennen gelernt, als er als 20-Jäh­riger sechs Wochen mit uns trai­nierte. Bernd Schuster ist als Trainer einen schweren Weg gegangen und hat sich bei Donezk und klei­neren Ver­einen in Spa­nien durch­ge­setzt. Das habe ich nicht gemacht. Er hat es auf­grund der groß­ar­tigen Erfolge mit Getafe ver­dient, Trainer bei einem Klub zu werden. Und ich freu mich riesig für ihn.

Warum ist Ihre Trainer-Kar­riere anders ver­laufen als die von Bernd Schuster?

Sie ist eigent­lich gar nicht so anders ver­laufen. Ich war öster­rei­chi­scher Natio­nal­trainer und habe in der Zeit – glaube ich – das Beste aus der Mann­schaft her­aus­ge­holt. Leider konnten wir uns nicht für ein Tur­nier qua­li­fi­zieren, da die Gegner zu groß waren. Ich glaube, dass ich diese Kraft, wie sie Bernd Schuster für ein Enga­ge­ment bei Donezk oder kleinen spa­ni­schen Ver­einen auf­brachte, bisher nicht hatte. Bernd hat sich ein­fach mehr durch­ge­bissen.

Beneiden Sie Schuster? Als er 1980 nach Bar­ce­lona kam, wurden Sie aus­ge­mus­tert.

Über­haupt nicht. Damals durften nur zwei Aus­länder auf dem Spiel­be­richt erscheinen. Das waren bis dato Allan Simonsen und ich, aber wir haben uns super mit Bernd Schuster ver­standen. Unser neuer Trainer Helenio Her­rera hat sich dann gegen mich und für Schuster ent­schieden, da wir mit Quini schon einen etat­mä­ßigen Mit­tel­stürmer im Kader hatten. Es war allein die Ent­schei­dung des Trai­ners, es gab also keinen Grund für eine beson­dere Riva­lität zwi­schen Bernd und mir. Wäre ich noch einen Monat länger geblieben, hätten sie sich von Allan Simonsen getrennt und mich gehalten. Aber ich wollte zurück nach Öster­reich.

Ärgern Sie sich rück­bli­ckend noch über Ihren Stolz? Sie hätten mit Bar­ce­lona und Schuster 1982 den Euro­pa­pokal holen können.

Ja, heute ärgere ich mich. Aber nicht dar­über, dass ich nicht in Bar­ce­lona blieb, son­dern dass ich auch ein tolles Angebot des AC Milan aus­schlug. Milan hätte mich aus dem Ver­trag her­aus­ge­kauft und ich hätte drei Jahre bei diesem groß­ar­tigen Verein gespielt. Aber mein Stolz und meine Eitel­keit waren ver­letzt. Ich war sehr traurig, dass mich der FC Bar­ce­lona abge­meldet hatte. Ich wollte sofort heim nach Öster­reich. Es war der größte Fehler meiner Kar­riere.

Das Ganze bei Bar­ce­lona ein­fach aus­zu­sitzen, kam für Sie nicht in Frage?

Das wollte ich nicht. Der Allan Simonsen war auch mein Freund. Ich wollte nicht darauf warten, auf seine Kosten wieder ins Team rein­zu­rut­schen.

Nach der Aus­mus­te­rung haben Sie sich das 0:4 ihrer Mann­schaft im UEFA-Cup-Rück­spiel gegen den 1. FC Köln von der Tri­büne aus anschauen müssen. Waren Sie scha­den­froh?

Es war das erste Match von Bernd Schuster (lacht). Dem Trainer habe ich es gegönnt, aber nicht den Kame­raden, mit denen ich zwei Jahre zusam­men­ge­spielt hatte.

Wie wäre das Spiel gelaufen, wenn Sie dabei gewesen wären?


Mit mir wäre das nicht pas­siert. Es kann schließ­lich keiner das Gegen­teil beweisen. Außerdem haben Allan Simonsen und ich beim 1:1‑Hinspiel in Köln sehr gut gespielt. Wir hatten für eine gute Aus­gangs­lage gesorgt, Barça galt als der Favorit für das Rück­spiel. Aber dann resul­tierte aus jedem Konter der Kölner ein Treffer.

Im Moment läuft eine Aus­schrei­bung zur Moder­ni­sie­rung des Camp Nou. Spielen Sie doch mal den Hob­by­ar­chi­tekten: Was hat Ihnen auf der Tri­büne an Ser­vice gefehlt?

Beim 0:4 hat nur der Mit­tel­stürmer Hans Krankl gefehlt (lacht). Im Ernst: Damals wie heute ist es für mich das schönste Sta­dion in Europa. Dagegen kommt nichts an, auch wenn es der­zeit sicher nicht das modernste ist. Den­noch ist es besser als das Sant­iago-Ber­nabeu-Sta­dion in Madrid oder das Gui­seppe-Meazza-Sta­dion in Mai­land.

Was hebt das Camp Nou von den großen deut­schen WM-Arenen in Mün­chen, Berlin, Schalke oder Dort­mund ab?

Das Camp Nou hat unfassbar steile Ränge. Wenn man beim Prä­si­denten sitzt, fühlt man sich wie im sechsten Rang. So hoch über dem Spiel­feld sitzt man da. Dieses Sta­dion ist atem­be­rau­bend. Alle anderen Sta­dien wünschten so wie das Camp Nou zu sein.

Wie wäre es gewesen für den AC Milan im Camp Nou gegen Barça auf­zu­laufen?

Gute Frage und ein sehr schönes Gedan­ken­spiel, aber leider ist es nie wahr geworden. Aber in einem bin ich mir sicher: Die Zuschauer hätten mich nicht aus­ge­pfiffen. Per­sön­lich­keiten, die sie mochten, pfeifen diese Men­schen dort nicht aus.

Sind Sie stolz auf das, was Sie in Bar­ce­lona erreicht haben?
Ich bin nur ein kleiner Öster­rei­cher und habe es geschafft, zwei Jahre beim besten Klub der Welt zu spielen, Tor­schüt­zen­könig zu werden und den Euro­pa­pokal zu holen. Es ist eines der schönsten Kapitel meiner Fuß­ball­ge­schichte. Nicht mehr und nicht weniger.