Viel­leicht hätte Dieter Wern­scheid schon in den Som­mer­fe­rien 1965 ahnen können, was da noch alles auf ihn zukommen würde. Als der damals 17-Jäh­rige aus dem Zelt­lager daheim anrief, fragte ihn sein Vater näm­lich, ob er nicht noch ein biss­chen bleiben und für ein paar Tage sein Zimmer zur Ver­fü­gung stellen wolle. Schalke 04 habe da einen neuen Spieler aus Siegen ver­pflichtet und dieser Ger­hard Neuser brauche eine Unter­kunft. Als Dieter Wern­scheid zurückkam, war sein Zimmer immer noch belegt, und daran sollte sich auch in den kom­menden fünf Jahren nichts ändern, die Neuser in Gel­sen­kir­chen spielte. Ich habe dann in der Abstell­kammer gewohnt“, sagt Wern­scheid.

Es wurde auch des­halb nichts frei, weil Neuser nur die Vorhut war. In den kom­menden Jahren zogen immer wieder neue Spieler in das Eck­haus an der Steeler Straße im Orts­teil Rott­hausen. Die Zimmer über dem Café Wern­scheid wurden für Rolf Rüss­mann, Klaus Scheer, Jürgen Sobieray, Hartmut Huhse und etliche andere Neu­zu­gänge zur ersten Sta­tion in Gel­sen­kir­chen. Der Anschluss dort war fami­liär und das Ganze sehr, sehr ange­nehm“, sagt Huhse.

Ei in Rot­wein

Kein Wunder, dass der lang­jäh­rige Ver­tei­diger die guten Zeiten bis heute nicht ver­gessen hat, denn Schalke-Fan Heinz Wern­scheid liebte die Spieler seines Klubs so sehr, dass er sie auch gerne ver­hät­schelte. Wenn mein Vater denen Früh­stück gemacht hat, da war das Hilton ein Scheiß dagegen“, erin­nert sich sein Sohn Dieter und denkt dabei beson­ders an das geschla­gene Ei in Rot­wein. Die 100 Mark im Monat für Kost und Logis waren über­dies auch in den späten sech­ziger Jahren nicht son­der­lich teuer. So ließ es sich leben in Gel­sen­kir­chen.

Das Café war aber nicht nur gemüt­li­cher Hort für die Spieler, son­dern in der Erin­ne­rung von Dieter Wern­scheid sogar die geheime Zen­trale von Schalke 04“. Hier saßen seine Eltern fast täg­lich mit dem Prä­si­denten Günter Sie­bert, Geschäfts­führer Hans Hörs­ter­mann und anderen Hono­ra­tioren des Klubs zusammen. Auf­re­gend war das, denn wir wussten heute schon, was morgen in der Zei­tung steht“. Das galt auch für eine Idee, die Anfang der sieb­ziger Jahre zwi­schen Kaffee und Cognac aus­bal­do­wert wurde und für jene Zeit völlig neu war.

Die geheime Zen­trale“

Damals war die Jugend­ar­beit in der Bun­des­liga noch kein großes Thema, gemeinhin ging man davon aus, dass die besten Talente schon irgendwie ihren Weg finden würden. Auch Eli­te­kon­zepte gab es keine, gespielt wurde lange nur auf regio­naler Ebene. Der erste deut­sche A‑Jugendmeister wurde erst 1969 ermit­telt, und bis zur Grün­dung einer Bun­des­liga in dieser Alters­klasse sollte es sogar noch wei­tere 34 Jahre dauern.

Inso­fern war der Plan von Günter Sie­bert im Jahr 1972 unge­heu­er­lich, dass Schalke aus einem Umkreis von 50 oder 60 Kilo­me­tern in Gel­sen­kir­chen die Extra­ta­lente“ zusam­men­holen wollte, wie der dama­lige Jugend­trainer Uli Maslo sie nennt. Sollte es für sie zu weit sein, um täg­lich wieder nach Hause fahren zu können, würden sie in einem Internat unter­ge­bracht. Und dieses würde eben dort sein, wo es doch schon den Profis so gut gegangen war: bei den Wern­scheids.

Womit auch die große Zeit von Anne Wern­scheid begann, die im Sommer 1972 Dieter Wern­scheid gerade erst gehei­ratet hatte. Doch wäh­rend ihr Mann unter der Woche beim Stu­dium war, küm­merte sich die gelernte Bank­kauf­frau um die Schalker Hoff­nungs­träger. 22 Jahre alt war sie damals gerade mal, also nicht so viel älter als die jungen Spieler, für die es mor­gens zwar kein geschla­genes Ei mit Rot­wein gab, die aber von ihr Früh­stück bekamen und abends ein paar Schnitt­chen. Außerdem half sie bei den Schul­auf­gaben. Mit Fried­helm Schütte habe ich beson­ders gebüf­felt“, sagt sie.

Erzie­hungs­auf­trag für ver­nünf­tige Kerle

Der war mit 14 Jahren aus dem Sauer­land gekommen und gehörte im August 1972 zur ersten Beleg­schaft des Inter­nats. Schütte blieb vier Jahre lang, so lange wie kein anderer. In seiner Erin­ne­rung war die Inter­nats­idee damals zwar revo­lu­tionär“, der Alltag der desi­gnierten Profis aber nicht son­der­lich auf­re­gend. Wir kannten nur schlafen, Schule und Fuß­ball­platz, unser Leben war ziem­lich begrenzt.“

Nach der Aus­bil­dung am Morgen nahm Trainer Maslo die aus diversen Aus­wahl­mann­schaften zusam­men­ge­holten Talente nach­mit­tags richtig ran. Die konnten 120 Minuten rennen“, erin­nert sich Wern­scheid, der damals meist am Spiel­feld­rand stand, wenn die Jungs spielten. Doch so streng der spä­tere Bun­des­li­ga­trainer Maslo auch sein mochte, so hatte der gelernte Päd­agoge dem Schalker Ver­eins­prä­si­denten zumin­dest aus­reden können, dass die Nach­wuchs­spieler nur auf Fuß­ball setzen sollten. Also gingen sie in die Schule oder machten eine Aus­bil­dung zum Ver­käufer im Sport­fach­ge­schäft eines wei­teren glü­henden Schalke-Fans. Ansonsten pro­pa­gierte Maslo einen klaren Erzie­hungs­auf­trag: Wir haben immer darauf geachtet, dass sie ver­nünf­tige Kerle werden.“

Kaum Spieler, etliche Vater­schaften
Ganz so ein­fach war das aber nicht, weil Schalkes Talents­couts bald so viele Spieler nach Gel­sen­kir­chen schafften, dass die Kapa­zi­täten bei den Wern­scheids nicht mehr aus­reichten. Also wurde noch eine zweite Unter­kunft auf der ört­li­chen Trab­renn­bahn eröffnet, über einer Kneipe von Günter Sie­bert. Dort waren die Jungs total außer Kon­trolle und haben Hal­li­galli gemacht“, sagt Dieter Wern­scheid, wäh­rend seine Frau in der Steeler Straße dafür sorgte, dass die Nach­wuchs­spieler um zehn im Bett lagen. Über die Unbe­auf­sich­tigten spot­tete der Spiegel“ später: Nur wenige dieser Schalker Buben spielten jemals für den Klub. Die meisten ver­ließen unter elter­li­chem Begleit­schutz Stadt und Schalke – drei, nachdem sie Väter geworden waren.“ In Rott­hausen hin­gegen gab es keine unge­wollten Vater­schaften, denn Anne Wern­scheid ver­tei­digte ihre Schütz­linge wehr­haft gegen die Ver­füh­rungen einer Stadt, in der jeder im königs­blauen Trikot eine Attrak­tion war: Die kleinen Mäd­chen mussten wir mit der Flie­gen­klat­sche abwehren, so heiß begehrt waren unsere Jungs.“

Die Ablen­kung durch Fuß­ball­grou­pies trübte die sport­liche Bilanz jener Zeit aber nur unwe­sent­lich. In fünf von sechs Jahren wurde Schalkes A‑Jugend unan­ge­fochten West­fa­len­meister, viermal kam sie bei der Deut­schen Meis­ter­schaft unter die ersten Vier, und 1976 gewann die Mann­schaft den Titel. Doch so visionär diese Urform der heu­tigen Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren war, diente sie vor allem einem Selbst­zweck. Sie­bert konnte die Aus­bil­dung im Verein nur durch Titel­ge­winne recht­fer­tigen, und da lief für mich etwas schief“, sagt Maslo.

Seiner Mei­nung nach hatte der Klub nicht aus­rei­chend Geduld mit den Youngs­tern und ver­kaufte sie zu früh an andere Klubs. Ein Bei­spiel dafür war Hans-Günter Bruns, der später bei Borussia Mön­chen­glad­bach eine große Kar­riere machte. Außerdem hatten die jungen Spieler mit einer beson­deren Hypo­thek zu kämpfen: dem Enthu­si­asmus ihres Ver­eins­prä­si­denten. Wenn es um Fuß­ball ging, schwebte Sie­bert“, meint Maslo. In diesem Über­schwang erklärte er sich zum Dia­man­ten­auge“ und pro­phe­zeite stau­nenden 17-Jäh­rigen große Kar­rieren nicht nur bei Schalke, son­dern gleich in der Natio­nal­mann­schaft. Der Rea­li­täts­schock war dann umso größer, wenn sie sich schon an der Hürde schwer­taten, über­haupt in den Schalker Pro­fi­kader zu kommen.

Geld nur für Titel

Zwar kamen einige Stars jener Zeit aus dem Schalker Nach­wuchs­team, wie etwa Rüdiger Abramczik und später Wolfram Wuttke, aber die wohnten als Jugend­liche noch bei den Eltern. Aus dem Schalker Internat schafften es nicht viele Spieler nach ganz oben. Mat­thias Schipper spielte immerhin über 200 Mal für Schalke, Uwe Höfer kam auf 40 Bun­des­li­ga­spiele für Schalke, Offen­bach und Saar­brü­cken, und Peter Sand­hofe stand 30 Mal bei Schalke im Tor. Doch typi­scher für die Nach-Inter­nats­kar­rieren war die von Fried­helm Schütte, der nach vier Bun­des­li­ga­spielen in der zweiten Liga bei Preußen Münster, Tennis Borussia oder in Bay­reuth spielte.

Nach sechs Jahren been­dete der neue Ver­eins­prä­si­dent Karl-Heinz Hütsch das Expe­ri­ment 1978 schließ­lich, um einen Groß­teil der 300 000 Euro zu sparen, die der Klub jähr­lich in die Nach­wuchs­ar­beit inves­tiert hatte. Er wollte das Geld lieber für Profis aus­geben. Bei Anne Wern­scheid war die Begeis­te­rung über ihre Rolle als Her­bergs­mutter damals auch schon abge­flaut. Hatte sie anfangs noch viel Kon­takt zu den Eltern der Spieler gehabt, wurden später immer häu­figer die Söhne bei ihr in Gel­sen­kir­chen-Rott­hausen ein­fach abge­lie­fert. Mit den letzten Jungs hat das nicht mehr so viel Spaß gemacht, die haben sich nicht mehr so viel sagen lassen. Viel­leicht wurden sie auch nicht mehr so gut aus­ge­sucht.“

Draxler, Neuer und Co.

Es dau­erte 22 Jahre, bis die ver­lo­rene Tra­di­ti­ons­linie auf­ge­griffen wurde und Schalke im Jahr 2000 wieder ein Internat eröff­nete. Die nächste A‑Ju­gend-Meis­ter­schaft konnte 2006 gefeiert werden, genau drei Jahr­zehnte nach jener der Inter­nats­ge­nera­tion. Doch Titel­ge­winne in der Jugend sind heute auch bei Schalke nur noch ein Neben­zweck. Es geht darum, Spieler wie Julian Draxler, Bene­dikt Höwedes oder Manuel Neuer zu finden und aus­zu­bilden, denen der über­schwäng­liche Günter Sie­bert aber wahr­schein­lich schon sehr früh eine Welt­kar­riere vor­aus­ge­sagt hätte.