Seite 2: Warten auf den Blauhelmeinsatz

Bei uns in Eng­land sind die großen Ver­eine zu Tro­phäen für Mil­li­ar­däre ver­kommen“, sagt Gary Neville, wäh­rend der Regen stärker wird, der Rasen tiefer und das Spiel rup­piger. Es geht über­haupt nicht mehr um die Men­schen, um eine lokale Gemein­schaft. Des­wegen finde ich das deut­sche Ver­eins­mo­dell auch viel besser.“ Er wird von einem Vor­stands­mit­glied unter­bro­chen. Hey, Gary!“, ruft der Mann vom Spiel­feld­rand hoch.

Willst du in der Pause ein Bier im Ver­eins­heim trinken?“ Neville zögert. Er hat gerade seinen Gast aus Deutsch­land auf jene Halb­zeit­pause ver­tröstet, damit er in Ruhe das Spiel seiner Mann­schaft ver­folgen kann. Darum schüt­telt er den Kopf. Nein, heute nicht“, ruft er zurück. Dann nimmt er den Faden wieder auf: Ich bin morgen als Fern­seh­ex­perte bei Man­chester City gegen Liver­pool. Modernes Sta­dion, guter Fuß­ball. Aber ich genieße Sal­ford City mehr. Das ist das Spiel in seiner reinsten Form. Wir sind lieber hier als in der Pre­mier League.“

Die größte Stadt Eng­lands ohne großen Verein

Es war Giggs, der die vier anderen auf Sal­ford City auf­merksam machte. Moor Lane, das Sta­dion des Klubs, liegt nur drei Kilo­meter von seinem Eltern­haus ent­fernt. Sein Bruder Rhodri war vor einigen Jahren Spie­ler­trainer bei City und er selbst lebt noch immer in Sal­ford, das zwar zur Ver­wal­tungs­ein­heit Greater Man­chester gehört, aber eine eigen­stän­dige Gemeinde mit mehr als 70 000 Ein­woh­nern ist.

Im Kreis Sal­ford leben sogar 245 000 Men­schen, wes­halb man manchmal liest, dass dies die größte Stadt in Eng­land ist, die keinen Verein in den obersten vier Ligen hat. Der 1940 gegrün­dete Klub Sal­ford City kam nie auch nur in die Nähe dieser Bereiche; er hieß sogar eine Zeit­lang Sal­ford Ama­teurs, wes­halb der Spitz­name des Teams noch heute the Ammies“ lautet.

Warten auf den Blau­helm­ein­satz

Giggs musste den anderen Mit­glie­dern der Class of 92“ zwar etwas über den Klub erzählen, aber nichts über die Stadt. Sie alle haben einen bedeu­tenden Teil ihres Lebens hier ver­bracht, denn ein halbes Jahr­hun­dert lang befand sich das Trai­nings­ge­lände von Man­chester United in Sal­ford, nur knapp fünf Minuten süd­lich von Moor Lane. Bis Alex Fer­guson 1999 ent­schied, dass seine Spieler voll­ständig von der Öffent­lich­keit abge­schottet werden müssten, ver­brachte die Class of 92“ also nahezu jeden Tag in Sal­ford.

Vor drei Jahren sahen die fünf Freunde Sal­ford City zum ersten Mal spielen. Weniger als 150 Zuschauer lun­gerten an der Moor Lane herum. Von der ein­zigen Tri­büne fiel ver­wit­terter Beton zu Boden. Männer in Jog­ging­an­zügen tranken am Spiel­feld­rand Bier aus Plas­tik­be­chern. Farbe blät­terte vom Con­tainer, den man hier Ver­eins­heim nennt. Der Kick in der Evo-Stik Nort­hern Pre­mier League, der achten Liga, war ein solch bru­tales Gebolze, das jeden Moment mit einem Blau­helm­ein­satz zu rechnen war.

Der zwei­fache Cham­pions-League-Sieger Gary Neville stand auf einem mat­schigen Gras­hügel und lehnte an einem ros­tigen Geländer. Er war begeis­tert. Der Gras­hügel ist nicht mehr da, aber das Geländer schon“, sagt er, wäh­rend Sal­ford City im Mit­tel­feld den Ball ver­liert. Ich habe darum gebeten, dass man es ein­la­gert. Das muss erhalten werden, weil … Oh-oh, oh-oh.“ Stock­port County kon­tert. 0:1. Ich wusste es“, stöhnt Neville. Scheiße!“