Herr Brausch, wer hat denn nun den Streit gewonnen?

Nie­mand. Diese ganze Aktion war von vorn­herein eine gro­teske Farce, sowohl der Boy­kott der Spie­lern als auch der von den Medien. Es gibt nur Ver­lierer. Der größte ist der Fan.

Die Frank­furter All­ge­meine Zei­tung schrieb, dass die Boy­kott­ak­tion der BVB-Profis unter dem Strich kein gutes Licht auf die gut- bis hoch­be­zahlten Haupt­dar­steller des Show­ge­schäfts Fuß­ball-Bun­des­liga“ wirft. Die Fans sähen es angeb­lich genauso. Nun sieht die Rea­lität etwas anders aus, so unter­stützt etwa der User mfoe“ im Forum der Online-Aus­gabe der FAZ die Aktion der BVB-Spieler: „…jeder hat ein Recht darauf, Inter­views zu ver­wei­gern. Wenn eine Menge von Spie­lern wie in Dort­mund in einer sehr heiklen Situa­tion steckt und des­halb für einen Zeit­raum keine Inter­views geben möchte, sollte man das gefäl­ligst akzep­tieren.“ Die Aus­sage steht stell­ver­tre­tend für viele Bei­träge in BVB-Fan­foren. Die Fans können den Boy­kott der Spieler anschei­nend besser nach­voll­ziehen als den der Presse.




Die Fans haben die Per­spek­tive der Spieler, sie haben die Fan­brille auf. Ich glaube nicht, dass solche Aus­sagen wirk­lich reprä­sen­tativ sind. Hätte man die BVB-Fans beim Boy­kott der Schalker nach ihrer Mei­nung gefragt, wären die Spieler sicher­lich die Schul­digen gewesen und nicht die Jour­na­listen.

Doch die Fans ver­su­chen sich zumin­dest in die Lage der Spieler zu ver­setzen. Sie ver­stehen die Reak­tion der BVB-Profis als emo­tio­nale und spon­tane Hand­lung: Die Spieler würden so Zusam­men­halt demons­trieren. Dieser Argu­men­ta­tion fol­gend, ist der Boy­kott keine initi­ierte Kritik an den Medien gewesen.

Kein Spieler kann mir erzählen, er habe den Boy­kott mit­ge­macht, weil er sich auf seinen Beruf kon­zen­trieren oder weil er die Gemein­schaft stärken wollte. Das ist doch ein Witz! Wenn ich Fuß­ball­profi bin, dann bin ich eine Person der Öffent­lich­keit, dann gehört es zu meiner Pflicht, mich nach dem Spiel zu äußern. Und ich brauche nicht der Geschei­teste sein, um zu wissen, wer die ganze Schose bezahlt. Das war ein­fach ein dummes Eigentor. Die Spieler müssen sich doch mal fragen, warum Pre­miere so hohe Preise für die Rechte bezahlt, warum sechs Reporter nach dem Spiel auf Inter­views warten.

Aber es geht doch vor­nehm­lich ums Spiel und nicht um die eine Minute Non­sens danach. Das Fern­sehen käme ja auch, wenn sich nie­mand im Anschluss äußerte. Viel­leicht wäre wirk­lich vielen geholfen, wenn wir dem Vor­schlag von Manni Breuck­mann im DSF-Dop­pel­pass folgen würden und nach dem Spiel gänz­lich auf Inter­views ver­zich­teten.

Es geht ja nicht nur um diese Minuten nach dem Spiel, es geht ja auch um die Bericht­erstat­tung unter der Woche, um Vor­ge­schichten, Nach­be­richte, Inter­views, aber auch mal um Themen abseits des Spiel­tags. Das würde dann auch alles weg­fallen. Es dreht sich ja nicht nur um die Frage: Wieso lief es heute nicht gut?“

Wir haben die Zwei­kämpfe nicht ange­nommen.“ Sicher, es geht nicht nur um diese Phrasen, doch aber ver­mehrt. Und man fragt sich mithin, ob der gemeine Fan nach 90 Minuten wirk­lich 30 Minuten Exper­ten­talk“ braucht, bevor er die Zusam­men­schnitte der anderen Spiele sieht.

Natür­lich zählt in erster Linie das Spiel. Aber die Fans erwarten mitt­ler­weile auch die Emo­tionen danach. Und ich muss ganz ehr­lich sagen: Mich inter­es­siert das – früher als Fan genauso wie heute aus beruf­li­cher Per­spek­tive. Gewiss kann man auf den Talk im Anschluss eher ver­zichten als auf das Spiel. Doch in diesen Talks gibt es zwi­schen den ganzen Phra­sen­dre­schern immer wieder Spieler, die auch was zu sagen haben oder sogar mal mit Aus­sagen über­ra­schen – im posi­tiven Sinne.

Für Sie gehört also die Emo­tio­na­lität nach dem Spiel dazu. Und gerade Ihre Zei­tung, als Print­me­dium, kann auf solche O‑Töne nicht ver­zichten, alleine weil die Stim­mung der bewegten Bilder fehlt. Ein nüch­terner Spiel­be­richt – wer will so etwas schon lesen?

So ist es. Der Fan will keinen sei­ten­langen Spiel­be­richt. Das machen im Ruhr­pott ja viele Lokal­zei­tungen. Unsere Phi­lo­so­phie ist eine andere: Wir wollen den Spieler zu Wort kommen lassen, nah am Geschehen sein. Nie­mand will die bie­dere Auf­lis­tung von Chancen. Heute ist die Stimme des Spie­lers viel wich­tiger als früher.

Was wohl auch damit zusam­men­hängt, dass die Spieler stärker in der Öffent­lich­keit stehen, der Fan heute deut­liche Images der Spieler vor Augen hat und so eine gewisse Erwar­tungs­hal­tung auf­baut.

Ja, die Profis stehen in bestimmten Ecken. Ent­weder ver­fes­tigen sie ihr Bild oder zer­stören es.

Trotz der Tat­sache, dass wohl die meisten Bun­des­li­ga­spieler gerne im Ram­pen­licht stehen: Kann man die Kritik der BVB-Profis nicht auch dahin­ge­hend ver­stehen, dass das Drum­herum des Spiels zu viel Bedeu­tung gewonnen hat? Ent­schei­dend ist längst nicht mehr nur auffem Platz, son­dern viel­mehr auch daneben…

Natür­lich ist die Bun­des­liga eine Show geworden, es ist nicht mehr nur 90 Minuten Fuß­ball. Man berichtet lange vor, wäh­rend und auch nach dem Spiel. Das ist der Lauf der Dinge, nie­mand kann die Zeit zurück­drehen, als Ernst Huberty nur ana­ly­sierte und nur 90 Minuten Fuß­ball gezeigt wurden.

Und der Fan hat sich daran gewöhnt. Er will auf das Spek­takel Bun­des­liga“ nicht mehr ver­zichten.


Richtig. Und die Spieler eigent­lich auch nicht. Sie wissen ja auch, was auf sie zukommt, bevor sie in das Becken Bun­des­liga geworfen werden. Und sie wissen auch, dass sie nur so gut bezahlt werden und ihre Auf­merk­sam­keit bekommen, weil die Spon­soren da sind, weil die Logos nach dem Spiel hinter dem Inter­view­partner pos­tiert werden. Jeder weiß das, und wer da keine Lust drauf hat, der soll es sein lassen oder die Kon­se­quenzen tragen.

Und diese wären: Weniger Fern­seh­ein­nahmen, weniger Geld für die Ver­eine, weniger Gehalt für die Spieler.

Richtig. Und gerade die Initia­toren und Wort­führer des BVB-Boy­kotts würden am lau­testen weinen, wenn man ihnen die Gehälter kürzte. Doch diese Spieler scheinen eh zu sehr an Rea­li­täts­ver­lust zu leiden. Die wissen gar nicht, dass sie sich mit einem sol­chen Boy­kott ins eigene Fleisch schneiden. Diese Spieler werden von ihrem Verein gehät­schelt und getät­schelt und sind über­haupt nicht mehr in der Lage, sich mit Kritik aus­ein­an­der­zu­setzen.

Die Kritik der Presse zu Beginn der Saison am Spiel der Borussia war Ihrer Mei­nung berech­tigt.

Ja, auf jeden Fall. Ich denke, dass wir immer objektiv berichtet haben. Nehmen wir mal als Bei­spiel Delron Buckley: Der Spieler bekam stets schlechte Noten von uns. Meiner Mei­nung nach zu Recht. Natür­lich würde die Bewer­tung anders aus­fallen, wenn wir jedes Mal zehn ver­schie­dene Redak­teure nach seiner Leis­tung befragten. Doch würde er dann besser abschneiden? Ich glaube kaum. Die Ten­denz wäre immer die­selbe! Wir haben in den Sta­dien ja keine Fans sitzen, die berichten, son­dern Jour­na­listen, die neu­tral zum Verein stehen. Und wenn der Spieler über Wochen stetig die Note 5 bekommt, dann sollte er die Fehler viel­leicht zunächst bei sich selbst suchen. Doch als Schul­diger wird vom Spieler stets der Andere aus­ge­macht. Man tritt in einen will­kür­li­chen Pres­se­boy­kott und schiebt den Jour­na­listen den schwarzen Peter zu. Im Erfolgs­fall übri­gens, steht man natür­lich gerne Rede und Ant­wort. Dann sonnt man sich nur allzu gerne im Ram­pen­licht. Ich bin der Mei­nung, dass die Spieler ein­fach ver­gessen haben, was ihre Pflichten sind.

Das war ja auch der all­ge­meine Tenor in den Medien nach dem Boy­kott: Eine Ver­wei­ge­rungs­hal­tung gegen­über der Presse wird mit einer schlechten Berufs­auf­fas­sung gleich­ge­setzt. Nun hat ja auch der Jour­na­list Pflichten oder besser Kodizes, an die er sich halten sollte. Zuletzt machte das Bei­spiel Dejagah wieder einmal deut­lich, dass auch jene allzu gern ver­nach­läs­sigt werden. Die BILD-Zei­tung ent­hielt kon­se­quent Infor­ma­tionen vor und bauschte so einen ver­meint­li­chen Skandal auf. Ist vor einem sol­chen Hin­ter­grund die distan­zierte Hal­tung des Fuß­ball­profis gegen­über Pres­se­ver­tre­tern nicht ver­ständ­lich?

Das sind Ein­zel­fälle. Und eine solche Art der Bericht­erstat­tung trifft ja auch nicht auf uns zu.

Den­noch färbt das ab. Der Profi kann im Pres­sed­schungel kaum noch unter­scheiden, wem er trauen kann und wem nicht, wem er ohne Bedenken Inter­views geben kann und wem nicht. Das Tisch­tuch scheint auf lange Sicht zer­schnitten.

(Pause) Also, ich kann nur von mir berichten: Ich komme mit den meisten Spie­lern gut aus. Man muss den Spie­lern ein­fach das Gefühl geben, dass wirk­lich nur das geschrieben wird, was gesagt wurde. Dann kommt auch das Ver­trauen zurück. Und ich denke auch, dass die Spieler dif­fe­ren­zieren können. Diese Boy­kott­ak­tion der BVB-Profis betrifft uns ja eigent­lich nicht, son­dern nur die Medien, die wirk­lich Skan­dale erfinden, um Auf­lagen in die Höhe zu treiben. Das ist nicht unser Stil. Des­wegen ver­stehe ich auch nicht, dass die Spieler einen Gene­ral­boy­kott gestartet haben. Denn eigent­lich haben wir ein gutes Ver­hältnis. Ich kann es mir nur so erklären, dass sie längst in anderen Sphären unter­wegs sind. Die denken ein­fach: Ihr könnt mich alle mal.“

Viel­leicht ist das ewige Phra­sen­dre­schen auch eine Reak­tion auf dieses zer­rüt­tete Ver­hältnis. Der Spieler lebt in der stän­digen Angst, etwas Fal­sches zu sagen oder falsch zitiert zu werden. Und ver­liert sich daher in aus­wendig gelernten Halb­sätzen um sich selbst zu schützen.

Sicher­lich. Das beste Bei­spiel ist der MSV Duis­burg: Hier gab es in den letzten Jahren immer wieder Spieler, die ihre Tele­fon­num­mern par­tout nicht raus­rü­cken wollten. Das waren zumeist die Spieler, die vorher in großen Städten – etwa in Köln beim FC – gespielt haben und dort tag­täg­lich mit zwei Bou­le­vard-Zei­tungen zu kämpfen hatten. Bei denen war das Ver­trauen in die Presse voll­kommen zer­stört.

Und bekommt der Spieler von jenen Zei­tungen erst einen Stempel auf­ge­drückt, ist es immens schwierig, sich diesen wieder abzu­wa­schen. Welche Mög­lich­keiten hat der Fuß­ball­profi über­haupt, um kon­struktiv Kritik an den Medien zu üben, um Dinge richtig zu stellen?

Der Spieler kann doch machen, was er will. Er kann sich überall äußern. Er kann an mir vor­bei­gehen und mir sagen: Nein, sorry, Brausch, heute geb ich kein Inter­view!“ Doch er sollte sich stets ver­nünftig ver­halten. Vier Wochen Boy­kott – das geht ein­fach nicht.

Eine große Öffent­lich­keit erreicht der Spieler mit einer sol­chen Kritik aber nicht. Will er seine Kritik in der Breite äußern, so braucht er ein mediales Fun­da­ment. Die Presse wird ihm jenes Forum aber nicht bieten, wenn er gegen sie schießt: Oder würde ein Rainer Holz­schuh eine Kritik an der Bericht­erstat­tung im kicker in der Mon­tags­aus­gabe abdru­cken, hätte ein Kai Dieck­mann ein Anti-Springer-Pam­phlet von Jürgen Klins­mann vor der WM 2006 auf der Titel­seite gebracht? Die Jour­na­listen sitzen letzt­lich doch am län­geren Hebel.


Gewiss, der Jour­na­list hat schon die bes­sere Aus­gangs­po­si­tion. Der Spieler hat immerhin Mög­lich­keit, sich über Pres­se­kon­fe­renzen zu äußern. So gelangt seine Kritik ja auch in die Öffent­lich­keit. Nur meis­tens nehmen das die atta­ckierten Blätter nicht auf, das ist schon richtig. Aber es geht ja immer noch um diesen kon­kreten Fall: Und dort war die Kritik an den Medien ein­fach nicht berech­tigt. Die Spieler trauten sich nicht, nur die BILD-Zei­tung zu boy­kot­tieren, weil sie wussten, dass sie es sich nicht mit der größten deut­schen Tages­zei­tung ver­scherzen sollten. Die Lösung: Sie boy­kot­tierten alle. Ich war übri­gens sehr über­rascht, dass die BILD nach dem Boy­kott nicht aggressiv gegen den BVB zu Felde gezogen ist.

In der Tat. Eine bes­sere Skan­dals­teil­vor­lage kann es kaum geben. Den­noch: Kommt die Per­spek­tive der Spieler nicht zu kurz? Müssten beide Seiten bereit sein zu einem Dialog?

Ich kann mir nicht vor­stellen, dass das etwas bringt. Einem Delron Buckley fällt auch nicht am runden Tisch ein, dass die Kritik an seinem Spiel berech­tigt war. Die Stand­punkte sind auf beiden Seiten viel zu ver­härtet.

Der Spieler – sei es nun Buckley oder Kehl – nimmt wohl auch an, dass der gemeine Sport­jour­na­list gar nicht in der Lage ist, zu ver­stehen, was es heißt, Woche für Woche auf den Platz zu gehen, vor 80.000 Zuschauern zu spielen, täg­lich Fragen zum Befinden zu beant­worten. Hier stehen sich mit­unter kom­plett kon­träre Welten gegen­über.

Natür­lich weiß ich nicht, was es für ein Gefühl ist, vor 80.000 Zuschauern zu spielen. Nun, ich stelle es mir sehr schön vor, vor allem wenn dich davon 60.000 nach vorne peit­schen (lacht). Aber ja, viel­leicht ist es so, dass die Spieler denken: Was willst du eigent­lich von mir, du hast davon über­haupt keine Ahnung!“

Und nun? Die Spieler haben sich in der Kabine ver­mut­lich über den Boy­kott der Medien kaputt­ge­lacht. Und mit Ver­laub: Es roch wirk­lich alles zu sehr nach belei­digter Leber­wurst, nach einer Kin­der­gar­ten­re­tour­kut­sche.


Das kann schon sein. Und ich glaube auch nicht, dass sich die Spieler an der Boy­kottre­vanche gestört haben. Die haben nun vier Wochen geschwiegen, diese fünfte Woche fällt nun auch nicht mehr schwer. Die werden ver­mut­lich auch gar nicht begriffen haben, was eine solche Boy­kott­ak­tion bewirken kann. Wenn die Presse einen Boy­kott über Wochen auf­recht­erhält, dann würden die Spieler eher begreifen, dass ihr Schachzug der fal­sche war.

In der ita­lie­ni­schen Serie A hat es den Silencio Stampa“ schon mehr­fach gegeben. In Deutsch­land ist der Pres­se­boy­kott der Schalker Spieler aus der letzten Saison noch in Erin­ne­rung. Nun ist der BVB-Boy­kott zu Ende gegangen. Folgen wei­tere?

Das kann sein. Doch eines ist sicher: Wenn so etwas in Mode kommt und dann wirk­lich nicht mehr berichtet werden kann, dann tragen zual­ler­erst die Ver­eine und die Spieler den Schaden davon.

— — — — — —

Wei­ter­lesen:

Manni Breuck­mann im Inter­view
Dol­lar­zei­chen in den Augen“
Die DFL gibt die Inlands-TV-Rechte ab 2009 zur Ver­mark­tung an Leo Kirch. Viele Fans sind in Sorge: Müssen sie nun noch mehr zahlen? Ist die objek­tive Bericht­erstat­tung in Gefahr? Wir spra­chen mit dem Jour­na­listen Manni Breuck­mann. www​.11freunde​.de/​b​u​n​d​e​s​l​i​g​e​n​/​1​05254