Die Vor­freude auf eine neue Spiel­zeit ist für einen kleinen Jungen oft­mals schöner, als die eigent­liche Saison selbst. Ich spe­ku­lierte als kleiner Wicht in jeder Som­mer­pause mit meinen Freunden über mög­liche Tabel­len­plat­zie­rungen unserer Lieb­lings­ver­eine. Das Kino in meinem Kopf drehte den Sai­son­ver­lauf nach meinem Geschmack. Jeder ver­hasste Klub konnte absteigen, jeder beliebte in den Meis­ter­himmel gehoben werden. Unserer Phan­tasie waren keine Grenzen gesetzt, alles war mög­lich. Es war eine herr­liche Zeit.

Das von den Klubs wäh­rend des Som­mers voll­zo­gene Per­so­nal­ka­rus­sell säte neue Hoff­nungen in unseren infan­tilen Klein­hirnen. Die Freude über ver­meint­lich erfolg­ver­spre­chende Erneue­rungen äußerte sich ver­mehrt bei den Kame­raden, deren Klub kon­stant hinter den eigenen Erwar­tungen rum­düm­pelte. Der VfB Stutt­gart, dem ich seit dem Fall­rück­zie­hertor eines blonden Bäcker­sohnes 1987 die Treue hielt, war Mitte der Neun­ziger solch ein Verein.

Balakow? Mexiko 86? EM 92? WM 1994!

Im Juli 1995 prä­sen­tierte der VfB einen gewissen Kras­simir Balakow als Neu­zu­gang. Balakow? Der Name war meinen Ohren nicht unbe­kannt. Sofort begann ich mein üppiges Bücher­regal zu kon­sul­tieren. Irgendwo hatte ich diesen melo­di­schen Namen gehört. Balakow: Bereits den Klang dieser drei Silben asso­zi­ierte ich mit majes­tä­ti­schem Auf­treten, ost­eu­ro­päi­scher Chuzpe und unbe­dingter Spiel­freude. WM 1986 in Mexiko? Viel­leicht die Euro­pa­meis­ter­schaft in Schweden? End­lich, da war er: Im linken Mit­tel­feld. Neben Kar­paten-Mara­dona“ Georghe Hagi, Bra­si­liens Staub­sauger Carlos Dunga und Schwe­dens Strah­le­mann Tomas Brolin. Kras­simir Balakow, im WM-All-Star-Team 1994!

Ich hatte sei­ner­zeit ledig­lich Barcas Hristo Sto­itchkow und den haar­losen Wahl-Ham­burger Yordan Letchkow auf meiner bul­ga­ri­schen Spieler, die man kennen muss“-Liste. Und jener Letchkow lobte Kumpel Balakow zwei Wochen vor Sai­son­be­ginn über den grünen Klee, was mir natür­lich schlaf­lose Nächte berei­tete: Wenn die ganze Mann­schaft und der Trainer zu ihm stehen, wird Balakow unglaub­liche Dinge tun und die neue Attrak­tion der Liga sein.“Attraktion der Liga? Meine Unge­duld kannte in diesen warmen Juli­tagen keine Grenzen.

3:6 am sechsten Spieltag gegen Dort­mund – ich wurde zum Gespött

Unglück­li­cher­weise spielte die neu­for­mierte Stutt­garter Elf des Schweizer Trai­ners Rolf Fringer in den ersten Par­tien der Saison 1995/1996 unter ferner fiefen. Eine 3:6‑Niederlage am 6. Spieltag in Dor­mund trieb mir vor dem Fern­seh­schirm im Wohn­zimmer Tränen in die Augen. Ich offen­barte Gefühle der Ent­täu­schung, des Frustes, das war mein Fehler. Mein Bruder ver­höhnte mich, ich wurde zum Gespött. Sollte der VfB wie­der­holt mein sen­si­bles Kin­der­herz bre­chen? Ein­ziger Licht­blick in diesen schweren Stunden: Neu­zu­gang und Hoff­nungs­träger Kras­simir Balakow.

Der Bul­gare hatte in den ersten fünf Begeg­nungen drei Treffer mar­kiert. Was zu diesem Zeit­punkt selbst ich nicht wissen konnte, Balakow lief gerade erst heiß, hatte nicht einmal den Hauch seines Kön­nens in den deut­schen Sta­dien offen­bart. Denn seine Schöp­fer­kraft, seine Geis­tes­blitze, diesen puren Zauber, sollte der schwarze Locken­kopf erst eine Woche später ent­hüllen. Eine neue Zeit­rech­nung begann im Schwa­ben­land, ein Wandel hin zu magi­schem Fuß­ball, die Geburts­stunde eines Spie­ler­trios, das noch heute jeden VfB-Anhänger vor Ehr­er­bie­tung erstarren lässt: Elber, Bobic, Balakow – das Magi­sche Dreieck erblickte das Licht der Welt!

Gegen Glad­bach wedelte er mit seinem linken Zau­ber­stab

Der 23. Sep­tember 1995. Borussia Mön­chen­glad­bach war zu Gast im Neckar­sta­dion. Gio­vane Elber, Fredi Bobic und Kras­simir Balakow spielten den Glad­ba­chern Knoten in die Beine, die sich erst Stunden später wieder lösen sollten – bei Thomas Kas­ten­maier mög­li­cher­weise bis heute nicht. Balakow, der Denker, der Magier dieses Drei­ecks, wedelte mit seinem linken Zau­ber­stab. Er strei­chelte einen Frei­stoß in den Winkel, bediente zweimal Gio­vane Elber und damit keine Miss­gunst ent­stand, bekam auch Fredi Bobic zwei Tör­chen ser­viert. Das Schau­spiel endete 5:0 für den VfB. Noch heute fehlen den damals Anwe­senden Worte, um das zu beschreiben, was sich an diesem Sams­tag­nach­mittag in der Lan­des­haupt­stadt abge­spielt hatte. Die FAZ schrieb wenig später, Balakow kämpfe wie Kevin Keegan“ und sei ver­spielt wie Mara­dona“. Dazu habe er eine preu­ßi­sche Dienst­auf­fas­sung“. Sonst noch Fragen? Nein. Balakow war fortan mein Fuß­ball­gott.

Dass der VfB am Ende der Saison mal wieder nur einen mageren zehnten Tabel­len­platz erreichte, war mir relativ Schnuppe. Wer zau­bert, dem ver­zeihe ich Erfolg­lo­sig­keit. Und ganz so wir­kungslos war das Magi­sche Dreieck nicht. Schließ­lich heimste die Schwa­benelf mit ihrem offen­siven Hara­kiri-Fuß­ball einen Titel ein: 1997 gewann man gegen Dritt­li­gist Energie Cottbus den DFB-Pokal. Das Erfolgs­re­zept damals: Alleine kommst du nicht weit. Star­kult ist bei uns ver­boten“.

Balakow ret­tete mich für Hockey und Tisch­tennis

Es sollte der ein­zige Tri­umph für Balakow im VfB-Trikot werden. Und leider auch die Abschieds­ver­an­stal­tung des spiel­freu­digen Trios. Elber zog es nach Mün­chen, Fredi Bobic wenig später in den Pott, zum BVB. Nur einer blieb mir all die Jahre treu. Trainer kamen, Trainer gingen. Kras­simir Balakow war die ret­tende Kon­stante in meinem Leben. Der Fels in der Mit­tel­feld­bran­dung. Er ret­tete mich, denn als puber­tie­render und ori­en­tie­rungs­loser Jüng­ling wäre ich sonst defi­nitiv auf die schiefe Bahn gekommen, hätte mich für Hockey oder Tisch­tennis inter­es­siert.

Und als ihn viele Anhänger – mich natür­lich aus­ge­nommen – bereits abge­schrieben, gar als untä­tigen Mil­lionär dif­fa­miert hatten, griff er im zarten Alter von 35 Jahren noch einmal in den Zau­ber­kasten ver­gan­gener Tage: Als ver­län­gerter Arm von Felix Magath ret­tete der Bul­gare den VfB Stutt­gart 2001 mit einem Last-Minute-Treffer gegen Schalke vor dem Abstieg. Zwei Jahre später, mitt­ler­weile 37-jährig, führte der Mit­tel­feld­stra­tege das VfB-Mit­telmaß bis in die Cham­pions-League und trat, wie es nur die Besten tun, auf seinem Höhe­punkt ab.

Er war eben Ba-la-kow. Drei Silben. Voller Erha­ben­heit, Zauber und diesem Schuss Magie.