Seite 2: Der Außenseiter und sein schmaler Grat

Die Rolle des Under­dogs kennt Union Berlin gut. Eigent­lich kennt sie keine andere Rolle. Schon zu DDR-Zeiten waren die Eisernen die häss­li­chen Ent­lein in der Ber­liner Fuß­ball­szene neben dem Ber­liner FC Dynamo. Der größte Erfolg der Ver­eins­ge­schichte: Der Sieg im FDGB-Pokal 1968

Nach der Wende fand Union Berlin seinen Platz im Schatten von Hertha BSC. Hart sind die Zeiten und hart ist das Team. Darum siegen wir mit Eisern Union“, heißt es in der Ver­eins­hymne von Nina Hagen. Und hart waren die Zeiten oft. So wie 2008, als der Umbau der Alten Förs­terei so viel Geld zu kosten drohte, dass der Verein ihn sich nicht hätte leisten können. Also packten die Fans mit an, spen­deten Geld und bauten mit über 2.000 frei­wil­ligen Hel­fern einen Teil des Sta­dions selbst um.

Fan­kultur mit LED-Beleuch­tung 

Zum Glück. Es wäre ein Ver­lust für die deut­sche Fuß­ball­szene gewesen. Die Stim­mung in der Alten Förs­terei ist ein­zig­artig. Es ist eines der wenigen Steh­platz-Sta­dien, ein Ort, an dem der Fuß­ball nur wenig Event­cha­rakter hat, wo das gesamte Sta­dion auf­steht, singt und schreit. Ein Ort, wo Fan­kultur zele­briert wird, wie beim Weih­nachts­singen, das 2003 von 89 Fans eher halb­legal ins Leben gerufen wurde. Doch genau hier zeigt sich auch, wie sich der Verein ver­än­dert hat. In diesem Jahr kamen knapp 23.000 Men­schen am 23. Dezember in die Alte Förs­terei. In der Mitte des Sta­dions war eine große Bühne auf­ge­stellt, neben Kerzen leuch­tete kaltes LED-Licht, die Hymne aus den Laut­spre­chern über­tönte den Gesang der Fans, unter die sich nicht wenige gemischt hatten, die das Lied anschei­nend zum ersten Mal über­haupt hörten und stumm das Spek­takel ver­folgten.

22.000 Men­schen passen der­zeit in das Sta­dion in Köpe­nick. Der Verein plant seit gut einem Jahr einen Ausbau auf 37.000 Plätze. Fast 80 Pro­zent sollen wei­terhin Steh­plätze bleiben. Das Ziel sei es, das Sta­dion bun­des­li­ga­taug­lich zu machen. 1920 spielte Union Berlin zum ersten Mal an dem Ort, der damals noch Sport­park Sadowa hieß. 2020 soll der Ausbau fertig sein, pünkt­lich zum 100-jäh­rigen Jubi­läum. Es wäre ein Fuß­ball­mär­chen, wenn Union genau dann zum ersten Mal in die Bun­des­liga auf­steigen würde, viel zu kit­schig für den ewigen Underdog. Nicht wenige Fans befürchten, dass mit dem aus­ge­bauten Sta­dion die ein­zig­ar­tige Atmo­sphäre an der Alten Förs­terei ver­loren gehen könnte. Dass Event­cha­rakter und Sta­di­on­tou­rismus zunimmt und der Grill­stand irgend­wann Ham­burger statt Buletten ver­kauft.