Chris­tian Pia­rowski, wel­cher Umstand hat bei Ihnen wel­chen bedingt: Das Aus­wan­dern nach Argen­ti­nien die Liebe für den dor­tigen Fuß­ball oder anders­herum?
Ich war schon vor meinem Umzug nach Buenos Aires mehr­mals in Argen­ti­nien und Latein­ame­rika. Ich hatte hier und da kleine Jobs und habe wäh­rend­dessen viel Fuß­ball geguckt und viele Sta­dien besucht. Die Idee, nach Buenos Aires zu ziehen, kam mir dann sogar in einem Sta­dion, im Estadio Arqui­tecto Ricardo Etche­verry von Ferro Carril Oeste, einem Zweit­li­gisten aus dem Stadt­teil Cabllito. Den bezeichne ich mitt­ler­weile als meinen Verein hier in Argen­ti­nien – meine Nummer eins bleibt aber weiter Hansa Ros­tock. Mir hat das Viertel gut gefallen und ich dachte, dass es mich viel­leicht glück­lich machen würde, hier zu wohnen und dem Klub so nah zu sein. Und so ist es bis heute. Die Fas­zi­na­tion für den argen­ti­ni­schen Fuß­ball kam also zuerst.

Sie arbeiten in Buenos Aires als Rei­se­leiter. Bieten Sie in diesem Rahmen auch Fuß­ball­reisen an?
Nein, aber ver­ein­zelt habe ich schon Pri­vat­per­sonen eine Fuß­ball-Sight­seeing-Tour durch die Stadt gegeben, natür­lich unent­gelt­lich. Unter anderem auch Ihrem Kol­legen Chris­toph Bier­mann. In letzter Zeit war ich privat viel im Süden des Landes unter­wegs, vor allem in Pata­go­nien. Da ver­folge ich ein eigenes kleines Pro­jekt und besuche viele Sta­dien an eher abge­le­genen Orten. Ich ver­suche, dort mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und her­aus­zu­finden, was sie umtreibt und welche Bedeu­tung der Fuß­ball für sie hat. Denn Pata­go­nien ist sehr groß, größer als Deutsch­land. Natür­lich gibt es da die tou­ris­ti­schen Hot­spots, aber auch ganz andere Ecken, viele Minen­ar­bei­ter­orte zum Bei­spiel.

Was fas­zi­niert Sie grund­sätz­lich am argen­ti­ni­schen Fuß­ball?
Jeder Mensch lebt diesen Sport anders. Manche sind vor allem von dem Geschehen auf dem Rasen fas­zi­niert. Das ist für mich wie­derum eher ein Anlass, weniger der Haupt­grund meiner Fas­zi­na­tion. Mich inter­es­siert mehr, was ums Spiel­feld herum pas­siert. Im Sta­dion habe ich die Augen meist eher auf die Tri­büne gerichtet. Mein erstes Spiel habe ich in Rosario bei den Newell’s Old Boys besucht. Was dort abging, wie dort gesungen wurde, wie das Fami­li­en­leben auf den Tri­bünen statt­fand, das hat mich beein­druckt und tut es bis heute. Mich fas­zi­niert, wie der Fuß­ball hier in Argen­ti­nien aus­ge­lebt wird.

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Chris­tian Pia­rowski (l.) in Argen­ti­nien

privat

Chris­tian Pia­rowski

stammt aus Waren (Müritz), lebt seit elf Jahren in Buenos Aires und arbeitet dort als Rei­se­leiter, Jour­na­list und Über­setzer. Zuletzt über­setzte er das Buch La Doce – Die wahre Geschichte der barra brava von Boca“. Ist er nicht beruf­lich auf Reisen, erkundet er privat die vielen Fuß­ball­sta­dien Argen­ti­niens.

Vieles von dem, was Sie gerade beschreiben, kann der­zeit bei der Copa Ame­rica nicht statt­finden. Die Corona-Pan­demie hat große Teile Süd­ame­rikas fest im Griff, die Sta­dien in Bra­si­lien bleiben wäh­rend des Tur­niers leer. Wie erleben Sie dieses Tur­nier der­zeit in Argen­ti­nien?
Ich möchte vor­aus­schi­cken, dass die Welt­meis­ter­schaft für viele Argen­ti­nier einen höheren Stel­len­wert als die Copa Ame­rica hat. Die Argen­ti­nier ver­glei­chen sich, spe­ziell hier in Buenos Aires, eher mit Europa als mit den anderen süd­ame­ri­ka­ni­schen Län­dern. Spiele gegen Ita­lien oder Spa­nien sorgen für mehr Wirbel als Par­tien gegen Vene­zuela oder Boli­vien, auch, weil sie durch die WM-Qua­li­fi­ka­tion öfter statt­finden. Einige Argen­ti­nier gucken der­zeit auch lieber die EM als die Copa. Ich habe in Sachen Stim­mung hier in der Stadt aber auch kon­krete Unter­schiede zu vor­he­rigen Tur­nieren fest­ge­stellt.

Buenos Aires war ruhiger als sonst wäh­rend eines wich­tigen Spiels“

Und zwar?
Es hängen weniger Lan­des­flaggen an den Bal­kons oder Fens­tern. Auch der Tor­jubel war lange kaum zu hören in der Stadt. Der Sonntag ist in Argen­ti­nien der klas­si­sche Fuß­balltag, da hört man die Nach­barn die Tore von Boca, River Plate oder Racing beju­beln. Bei den Liga­spielen ist das bereits zuletzt weniger geworden, bei den Copa-Spielen der Natio­nal­mann­schaft nun auch, Buenos Aires war ruhiger als sonst wäh­rend eines wich­tigen Spiels. Erst zum Halb­fi­nale gegen Kolum­bien kam mehr Tur­nier­stim­mung auf. Ver­mut­lich auch, weil ein paar Regeln gelo­ckert wurden und es wieder mög­lich war, sich länger in Innen­räumen von Bars auf­zu­halten. Wir haben hier gerade Winter, da tut das gut. Die Gas­tro­nomie hatte auf­grund der hohen Fall­zahlen lange nur draußen und auch nur mit­tags auf, es gibt auch keine Mög­lich­keiten für ein Public Viewing, denn die lan­des­weite Inzi­denz liegt immer noch bei 268.

Es fehlt also das gemein­same Erlebnis?
In Argen­ti­nien ist es gene­rell so, dass viele Men­schen die Spiele eher mit der Familie und manchmal etwas Besuch in den eigenen vier Wänden ver­folgen und dazu zum Bei­spiel grillen, das riecht man in den Straßen. Natür­lich gibt es auch Men­schen, die sich wie in Deutsch­land gezielt dafür treffen, um das Spiel in Bars oder an öffent­li­chen Plätzen zu ver­folgen. Das sind oft­mals aber zuge­zo­gene Men­schen, deren Fami­lien nicht in der Stadt wohnen. Ich weiß von vielen meiner Freunde, dass sie das Finale auch im Fami­li­en­kreis ver­folgen werden.