Die Affäre um deut­sche Spit­zen­schieds­richter, die offenbar Steuern hin­ter­zogen haben, weitet sich aus. Nach Infor­ma­tionen des Tages­spie­gels gab es am Montag nicht nur eine Haus­durch­su­chung der Steu­er­fahn­dung beim Deut­schen Fuß­ball-Bund (DFB), son­dern auch in den Pri­vat­häu­sern und an Arbeits­plätzen von meh­reren Schieds­rich­tern vor allem in Süd­deutsch­land. Dem­nach stehen mehr als 20 Refe­rees im Ver­dacht, Ver­gü­tungen für ihren Ein­satz bei Freund­schafts­spielen nicht ver­steuert zu haben. Bei etwa der Hälfte soll es sich um Spit­zen­schieds­richter aus dem Pro­fi­fuß­ball han­deln, nach Erkennt­nissen aus Ermitt­lungs­kreisen auch um meh­rere Fifa-Schieds­richter.

Die Namen der Linien- und Schieds­richter aus der Bun­des­liga sind dem Tages­spiegel bekannt.

Ich kann nichts zum Stand der Ermitt­lungen sagen, da es sich um ein schwe­bendes Ver­fahren han­delt“, sagte Fifa-Schieds­richter Felix Brych Spiegel Online“. Der 36 Jahre alte Münchner Jurist demen­tierte damit Gerüchte um Ermitt­lungen gegen ihn nicht. Nach Recher­chen dieser Zei­tung haben Steu­er­fahnder sowohl seine Woh­nung als auch seine Arbeits­stelle durch­sucht. Brych arbeitet beim Baye­ri­schen Fuß­ball­ver­band.

Michael Kempter ist Aus­gangs­punkt der Ermitt­lungen

Die Schieds­richter, gegen die ermit­telt wird, sollen Ein­nahmen aus ihrer Tätig­keit bei Freund­schafts­spielen nicht ver­steuert haben. Ein Schieds­richter soll im Rahmen eines mehr­tä­gigen Lehr­gangs im Aus­land ein Spiel geleitet haben und dafür 4000 Euro erhalten haben. Dieses Geld soll er nicht ver­steuert haben. Seine Woh­nung soll am Montag durch­sucht worden sein. Auch die Pri­vat­räume eines anderen bekannten Bun­des­liga-Schieds­rich­ters sollen durch­sucht worden sein.

Der frü­here Fifa-Schieds­richter Michael Kempter zählt eben­falls den Per­sonen, gegen die ermit­telt wird. Das hat sein Anwalt Chris­toph Schick­hardt dem Sport­in­for­ma­ti­ons­dienst bestä­tigt. Kempter ist bereits 2009 wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung in meh­reren Fällen zu einer Geld­strafe in Höhe von 23.750 Euro ver­ur­teilt worden.

Die Person Michael Kempter ist Aus­gangs­punkt der ganzen Ermitt­lungen. Nach Infor­ma­tionen des Tages­spie­gels hat der frü­here Schieds­richter-Obmann des DFB Man­fred Ame­rell der Steu­er­fahn­dung Augs­burg angeb­lich belas­tendes Mate­rial über­geben – als Rache an Kempter. Denn der frü­here Spit­zen­schieds­richter hatte Ame­rell 2009 der sexu­ellen Beläs­ti­gung beschul­digt. Ame­rell weist diesen Vor­wurf empört zurück, mit Kempter pro­zes­siert er des­wegen vor dem Land­ge­richt Hechingen. Ame­rell hat offenbar in mona­te­langer Klein­ar­beit sein Mate­rial zusam­men­ge­tragen. Sein Anwalt Jürgen Langer lehnte jede Stel­lung­nahme ab.

Sollten sich die Vor­würfe gegen Kempter erhärten, könnte der Mann, der als Schieds­richter mal vor einer steilen inter­na­tio­nalen Kar­riere stand, wegen gewerbs­mä­ßiger Steu­er­hin­ter­zie­hung“ ange­klagt werden. Im Falle einer Ver­ur­tei­lung droht ihm sogar eine Frei­heits­strafe.

Schutz­sperren für Schieds­richter stehen nicht zur Debatte

Beim DFB ging es auch am Dienstag hek­tisch zu. Wir unter­su­chen gerade, welche Schieds­richter betroffen sein sollen“, sagte der neue Schieds­richter-Obmann Her­bert Fandel auf Nach­frage. Alles andere klären wir in Ruhe intern.“ Zu eigenen Steu­er­an­ge­le­gen­heiten wollte sich Fandel nicht äußern. Zu der Frage, seit wann der DFB von den Vor­würfen weiß, nahm der Ver­band eben­falls keine Stel­lung. Schutz­sperren für Schieds­richter, etwa für die Mitt­woch­spiele im DFB-Pokal, stehen aktuell nicht zur Debatte – dieses Mittel steht nur bei einem Ver­dacht auf Spiel­ma­ni­pu­la­tionen zur Ver­fü­gung. Der DFB steht auf dem Stand­punkt, die Schieds­richter seien als Freie Mit­ar­beiter für sich selbst ver­ant­wort­lich. Pres­se­chef Ralf Köttker betonte am Dienstag, dass er die Sache für eine Pri­vat­an­ge­le­gen­heit der Ver­däch­tigen hält: Jeder Schieds­richter ist für seine Steu­er­erklä­rung selbst ver­ant­wort­lich.“

Weil die Schieds­richter ihre Dienste nur einem ein­zigen Auf­trag­geber, dem DFB, anbieten können, könnten sie sich durchaus am Rande der Schein­selbst­stän­dig­keit bewegen. Das betrifft, neben Trai­nings­alltag und Phy­sio­the­rapie, auch die Ver­steue­rung der Ein­künfte. Und die ist zwi­schen Schein­selb­stän­dig­keit und dem Betreiben eines gewer­be­steu­er­pflich­tigen Unter­neh­mens eine Wis­sen­schaft für sich. Kaum ein Schieds­richter ver­fasst seine Steu­er­erklä­rung noch selbst. Die jetzt unter Ver­dacht gera­tenen Schieds­richter aus Süd­deutsch­land werden laut Ermitt­ler­kreisen alle von einem Steu­er­be­rater betreut, der früher selbst als Schieds­richter in der Bun­des­liga aktiv war.

Schlupf­lö­cher für Unter­schla­gungen

Schlupf­lö­cher für Unter­schla­gungen gibt es reich­lich. Das reicht von der Angabe fal­scher Rei­se­kosten, dem Weg­lassen der Umsatz­steuer bis hin zur Wei­ge­rung, über­haupt Steuern zu zahlen. Von Dominik Marks, einem der Ver­ur­teilten in der Betrugs­af­färe um Robert Hoyzer, heißt es, er habe als ange­hender Wirt­schafts­prüfer darauf beharrt, die Schieds­rich­ter­ho­no­rare vom DFB seien nicht zu ver­steu­ernde Auf­wands­ent­schä­di­gungen. Es steht zu ver­muten, dass Marks durch die daraus resul­tie­renden Steu­er­schulden erst emp­fäng­lich wurde für die Anfrage zu Spiel­ma­ni­pu­la­tionen.

Als der Ber­liner Bun­des­liga-Schieds­richter Felix Zwayer am Wochen­ende im Rahmen einer Pro­test­ak­tion gegen Gewalt auf Fuß­ball­plätzen in Spiel in der Kreis­liga B pfiff, hätte ihm gemäß Hono­rar­ord­nung des Ber­liner Fuß­ball-Ver­bandes eine Ver­gü­tung von 15 Euro zuge­standen. Auch dafür wären 19 Pro­zent Umsatz­steuer fällig gewesen, aber unter Ver­rech­nung der Anreise- und Wäsche­kosten hätte sich bei mehr­stün­diger Auf­be­rei­tung am Schreib­tisch viel­leicht ein kleiner Gewinn errechnen lassen. Zwayer ver­zich­tete dan­kend und spen­dete den Betrag in die Mann­schafts­kasse.