Jetzt am Kiosk: Heft 223

223 Cover Quadrat

Für unsere aktu­elle Aus­gabe #223 reisen wir mit euch quer durch das Land und zeigen euch die 150 geheimen und weniger geheimen Fuß­ball­orte, die man gesehen haben muss. Als kleinen Vor­ge­schmack prä­sen­tieren wir an dieser Stelle die Lieb­lings­orte der 11FREUNDE-Redak­teure. Diesmal: Jens Kir­schneck über den Schau­platz unge­zählter Schlamm­schlachten.

Ort: Bie­le­felder Rad­renn­bahn
Adresse: Heeper Straße 301, 33607 Bie­le­feld
Region: Ost­west­falen

Als ich 1990 aus dem beschau­li­chen Minden ins pul­sie­rende Bie­le­feld kam, hatte ich meine mau ver­lau­fene, irgendwo zwi­schen Kreis­liga B und C ver­san­dete DFB-Kar­riere gerade zu den Akten gelegt. Kein großer Ver­lust für den Fuß­ball, aber das Kicken an sich fehlte mir doch. Irgend­wann erzählte mir ein Bekannter, er würde in der soge­nannten Wilden Liga spielen, bei einem Team namens Ajax Auf­ruhr. Ajax Auf­ruhr?“, echote ich. Das klingt ja lustig!“ – Ja“, sagte der Bekannte. Morgen spielen wir gegen Lok Lat­ten­schuß. Wir sind gerade per­so­nell etwas klamm, also komm doch vorbei.“

Am nächsten Tag hatte ich ein Erwe­ckungs­er­lebnis. Das Spiel fand an der Bie­le­felder Rad­renn­bahn statt, einem großem Areal mit vier Sport­plätzen. Das ganze Gelände war voll mit jungen und nicht mehr ganz so jungen Män­nern (und einigen wenigen Frauen), von denen viele wegen ihrer Lang­haa­rig­keit und/​oder Strup­pig­keit in der Kreis­liga schwer vor­stellbar gewesen wären. Wäh­rend der Spiele wurde viel dis­ku­tiert, denn es gab keine Schieds­richter. Die Tri­kots waren ver­wa­schen, die Fähig­keiten der Spieler sehr hete­rogen. Neben Ajax Auf­ruhr und Lok Lat­ten­schuß spielten Schwarz-Rot-Chaos, Ein­tracht Zwie­tracht und Sollte Schießen.

Liebe auf den ersten Blick

Es war eine fremde und selt­same Welt, aber sie roch gut, näm­lich nach erst­klas­sigem hol­län­di­schen Import­gras. Ich bin sicher nicht der größte Kiffer vor dem Herrn, trotzdem ver­liebte ich mich gleich in die Wilde Liga. Es war eine Liebe, die fast fünf­zehn Jahre halten sollte.

Das Frei­zeit­an­gebot, das die Wilde Liga unter­brei­tete, war ja auch unver­schämt attraktiv: unge­zwungen, aber den­noch regel­mäßig Fuß­ball zu spielen, ohne Drill, ohne Ver­eins­meierei, aber doch mit einer gewissen Rele­vanz, das traf nicht nur meinen Nerv, son­dern auch den vieler anderer Leute. Immer mehr neue Teams bil­deten sich, mit dem Höhe­punkt rund ums Mill­en­nium, als fünfzig Mann­schaften am Start waren.

Nicht erst aus diesem Umstand ergab sich ein mas­sives Platz­pro­blem. Die Rad­renn­bahn war seit jeher aus allen Nähten geplatzt, und zwi­schen­zeit­lich griff das Schicksal sogar an zwei Fronten an: einer­seits durch die stei­gende Teil­neh­mer­zahl, ande­rer­seits durch die Kom­mune, die zwei der vier Plätze ein­zäunte, um sie dem Ver­eins­fuß­ball zur Ver­fü­gung zu stellen. In dieser Not­si­tua­tion ent­deckte die Wilde Liga ihrer anar­chis­ti­schen Wur­zeln und brach den ver­ma­le­deiten Zaun an jedem ein­zelnen Sonntag auf. So lange, bis die Stadt aufgab und der Alter­na­tiv­fuß­ball sich das Ter­ri­to­rium zurück­er­obert hatte.