Als der glatt­ra­sierte, mit Wal­nussöl ein­ge­rie­bene, Unterarm auf seine Kehle drückte und der Ring­richter zum zweiten Mal dicht neben ihm auf die Matte klatschte, fühlte Tim Wiese, wie ihn das Glück überkam. Der Ring­richter hatte bereits zum dritten, finalen Mal aus­ge­holt. Wiese schloss die Augen und badete in jeder ein­zelnen Silbe der Sprech­chöre: WIE-SE, WIE-SE!“

Sechs Wochen zuvor: Mitte Sep­tember war er im Per­for­mance Center der World Wrest­ling Enter­tain­ment, Inc. in Orlando ein­ge­troffen, wo er in die hohe Kunst dieses Sports ein­ge­führt werden sollte. Am ersten Tag wollte Wiese direkt einen guten Ein­druck machen. Als Begrü­ßungs­ge­schenk schleppte er ein rie­siges Paket in die Halle. Ach­tung, Ach­tung! Ansage von mir: Kote­lett krü­melt nicht!“ Wiese lachte wie ein Bier­kut­scher, nie­mand ver­stand den Witz. Er war ja in Ame­rika, und keiner in der Halle sprach deutsch. Traurig wuch­tete Wiese die Schwei­ne­hälfte wieder auf die Rück­bank seines gemie­teten Muscle-Cars. Plötz­lich legten sich kräf­tige, wenn­gleich wahn­sinnig weiche Hände auf seine Schulter. Die Hände drehten ihn, und ein Mann röhrte ver­trau­ens­er­we­ckend: Ab heute gehörst du zu mir.“

Mit der Geduld einer Berg­ziege zum Erfolg

Wiese war an den Schweizer Claudio Cas­ta­gnoli geraten, der in der WWE als Der Land­vogt“ antritt. Er brachte Wiese bei, dass der Gute beim Wrest­ling das Face“ ist und der Böse der Heel“. Wiese wollte ein Heel“ sein. Klar. Er schlug als Kampf­namen Eraser from the Weser“ vor. Wiese hatte sich das lange über­legt, er hielt den Namen für furcht­ein­flö­ßend, ein­schüch­ternd, kraft­voll. Schlichtweg genial. Der Land­vogt erklärte, dass Eraser“ in Ame­rika ein Radier­gummi bezeich­nete und die Weser außer­halb von Deutsch­land gänz­lich unbe­kannt war.


Wiese bei den echten Vor­be­rei­tungen auf die WWE. (You­tube: Murat Demir)

Doch mit der Geduld einer Berg­ziege auf der müh­samen Suche nach ein paar ver­trock­neten Gras­halmen gelang es dem Land­vogt, aus Wiese ein wür­digen Schüler zu machen: Piledriver, Cho­keslam, Power­bomb, Back­breaker. Wiese lernte Wrest­ling-Moves wie Voka­beln. Es ging bergauf, Wiese trai­nierte mit wahn­sin­nigem Eifer. Dann, eines Nachts, weckte ihn das Klin­geln des Smart­phones. Er ging ran, die Stimme des WWE-Pro­mo­ters erkannte er sofort: Frank­furt, next week. You’re in.“

Als Wiese eine Woche später spie­le­risch in den schwarzen Stoff­vor­hang boxte, hinter dem sich der Zugang zum Ring in der Frank­furter Fest­halle befand, war er völlig kon­zen­triert. Er wusste, das Ein­zige, was jetzt zählte, war dieser Augen­blick. Zehn­tau­send Wrest­ling­ver­rückte, die seinen Auf­tritt her­bei­sehnten. Aus dem Off tönte es: Next up is Tim mother­fuckin‘ Wiiiiiiiese. In his first appearance aaaaas: THE MERKEL-WAR­RIOR!“