Ich weiß nicht, was ich an jenem Abend getan habe. Viel­leicht hockte ich im Wohn­zimmer und trank eine heiße Scho­ko­lade, viel­leicht war ich auf einer Fahr­rad­tour durch Wil­helms­burg oder die Lüne­burger Heide, viel­leicht bestellte ich in einer Eck­kneipe das siebte Bier. Wen inter­es­siert das schon? Denn heute sieht meine Erin­ne­rung auf den 11. Juni 2001 aus wie eine Szene aus einem Kam­mer­spiel.

Ich sitze vor dem Fern­seher. Es läuft das Spiel FC Bar­ce­lona gegen den FC Valencia. Ich hocke hier alleine auf einem Holz­schemel. Nur der Fern­seher und der Stuhl. Nur Rivaldo und ich.

Irgendein Spar­ten­sender über­trägt die Partie. Die Aus­gangs­si­tua­tion vor dem letzten Spieltag der Saison 2000/01 ist fol­gende: Der FC Valencia belegt mit 63 Punkten Rang 4 der Pri­mera Divi­sion, er berech­tigt für die Teil­nahme an der Cham­pions League. Gegen den FC Bar­ce­lona, die mit 60 Punkten und einem bes­seren Tor­ver­hältnis auf dem 5. Platz stehen, reicht ein Unent­schieden.

Rivaldo: Ein Mensch aus der Zukunft

Ich klebe auf meinem Stuhl, doch es fühlt sich von Minute zu Minute mehr an, als schwebte ich durchs Zimmer. Rivaldo erfindet in diesem Spiel den Fuß­ball neu. Ele­gant ist seine Kör­per­hal­tung, als der einen Frei­stoß zum 1:0 über die Mauer zir­kelt, vehe­ment sein Drang zum Tor beim zweiten Treffer aus dem Spiel. Rivaldo wirkt wie ein Mensch aus der Zukunft. Wie eine Idee, die Men­schen in den sieb­ziger Jahren vom Jahr 2001 hatten. Alleine, dass er beim zweiten Tor umfällt, lässt ihn irgendwie irdisch erscheinen.

Doch diese Tore rei­chen nicht, denn Ruben Baraja hat zweimal aus­ge­gli­chen. Es steht 2:2. Also rennen die Kata­lanen an, rennen an, rennen an, rennen an – kopflos, glücklos, es wird nichts mehr pas­sieren, und ich klebe auf meinem Stuhl, und der Fern­seher flim­mert. Immer weiter. Es klin­gelt an der Tür, es klin­gelt am Telefon. Es klin­gelt im Fern­seher. Es läuft die 88. Minute. 

Frank de Boer führt einen Ball im Mit­tel­feld, Männer stehen im Straf­raum, Männer rufen Dinge, Männer erwarten ein Anspiel, eine Flanke, einen Pass, irgend­etwas. Dann lupft Frank de Boer den Ball an die Straf­raum­grenze, dort steht Rivaldo mit dem Rücken zum Tor. Und schon in diesem Moment der Flug­phase ist alles erleuchtet.

Rivaldo lässt den Ball von seiner Brust so weit abspringen, dass er einen Meter über seinem Kopf in der Luft schwebt. Das Bild steht in diesem Moment, die Gegen­spieler stehen, die Mit­spieler stehen, das TV-Signal steht. Rivaldo hat genug Zeit, seine Beine ein wenig zu jus­tieren und die Sprung­höhe für seinen Fall­rück­zieher zu bemessen. Dann – springt er ein­fach. Und dann – schießt er ein­fach. Aus. Sechs­zehn. Metern. Direkt. In. Das. Rechte. Eck. Valen­cias Keeper San­tiago Cani­zares hat keine Chance.



Das hier ist Rivaldo. Der ver­dammte Rivaldo. Nicht Lionel Messi, der leicht wie eine Figur aus einem Com­pu­ter­spiel über den Platz gleitet, nicht Zine­dine Zidane, dessen Spiel einem Roman-Epos von Dos­to­jewski gleicht. Das hier ist Rivaldo. Eine impo­sante Wucht, ein unbe­dingter Wille, ein Orkan. Ein Spiel wie ein Orchester, ein Cre­scendo, ein bra­chiales Finale.

St. Rivaldo, der Du bist im Himmel!“

Ich liege auf dem Boden, überall Holz­teile, ein zer­bro­chener Schemel, der Fern­seher wie­der­holt die Szene immer wieder. Dieser gute treue Fern­seher. Immer wieder dieses Anspiel, dieser Chip, diese Brust, dieser Sprung, dieses Klapp­messer, dieser Schuss. Rivaldo, der in der Luft liegt. Zeit­lupe, Super-Zeit­lupe, Vogel­per­spek­tive, Frosch­per­spek­tive, Close-Ups, Unter­sicht. Ein Tor wie ein drei­di­men­sio­nales Bild, ich greife in den Fern­seher. A goal in a mil­lion“, japst ein Fern­seh­kom­men­tator. Ich liege immer noch auf dem Boden. St. Rivaldo, der Du bist im Himmel!“, schreibt eine Zei­tung am Tag darauf. Ich liege immer noch auf dem Boden. 

Ein Jahr danach, bei der WM 2002, fällt Rivaldo nach einem Schuss gegen den rechten Ober­schenkel zu Boden und hält sich das Gesicht. Sein tür­ki­scher Gegen­spieler sieht die Rote Karte und Rivaldo wird vom You­tube-Helden zum You­tube-Gespött der Fuß­ball­welt. Sieben Jahre später spiele ich mit einer wild zusam­men­ge­wür­felten 11FREUNDE-Mann­schaft ein Hal­len­tur­nier in Berlin-Spandau. Mein Kol­lege Alex Raack lupft den Ball über das gesamte Feld. Ich stehe mit dem Rücken zum Tor und ver­folge seine wun­der­schöne Flug­bahn. Ich denke an Frank de Boer und ich denke an Rivaldo. Dann hebe ich ab. Ich liege in der Luft. Ich schwebe. Ich schlage eine Schere – und lande mit dem Rücken auf dem Boden. Schmerzen am ganzen Körper. Der Tor­wart nimmt den Ball auf, ich habe ihn nicht mal getroffen. An diesem Tag been­dete ich meine Fuß­ball­kar­riere.

PS: Das hat nun auch Rivaldo getan. Bar­caTV ehrt einen der größten Helden der Ver­eins­ge­schichte mit einer sehens­werten Doku­men­ta­tion. Die Teile eins und zwei findet ihr HIER bzw. HIER.