Der Text erschien erst­mals in 11FREUNDE-Aus­gabe #211, die unter shop​.11freunde​.de erhält­lich ist.

Foot­ball, bloody hell! In der 60. Minute liegt der Ball schon wieder im Tor. Rus­sell MacMorran, Trainer des Fort Wil­liam FC, schüt­telt den Kopf, kann doch alles nicht wahr sein. Zwei Aus­wärts­fans aus Fra­ser­burgh prosten sich mit Tee zu, ein leicht süf­fi­santes Lächeln auf den Lippen. Erin­nerst du dich an den letzten Sieg von Fort?“, fragt der eine. Der andere ant­wortet: Muss irgend­wann in den Acht­zi­gern gewesen.“

Ein Scherz? So genau kann man das nicht sagen, denn sie drehen sich wieder zum Spiel­feld um, weil das nächste Tor gefallen ist. Schei­ben­schießen in den schot­ti­schen High­lands, 0:3, 0:4, am Ende steht es 0:7. Es ist Alltag im Claggan Park, dem viel­leicht schönsten Fuß­ball­platz Groß­bri­tan­niens. Alltag beim Fort Wil­liam FC, der viel­leicht schlech­testen Fuß­ball­mann­schaft der Welt. Sicher, man kann dieses Attribut bou­le­var­desk oder über­trieben nennen. Die Fuß­ball­be­richt­erstat­tung liebt nun mal den Super­lativ, den Super­ver­sager genauso wie den Super­helden. Alle paar Monate wird nicht nur ein Meister gekürt, son­dern auch irgend­eine Mann­schaft als schlech­teste der Welt oder aller Zeiten durch die Medien gejagt. Die Natio­nalelf von Ame­ri­ka­nisch-Samoa hatte diesen inof­fi­zi­ellen Titel inne, nachdem sie 0:31 gegen Aus­tra­lien ver­loren hatte. In Deutsch­land lachte man über Tas­mania Berlin (schlech­teste Bun­des­li­ga­mann­schaft aller Zeiten), den Kreis­li­gisten SV Tie­fen­stein (63 Nie­der­lagen in Folge) oder den Bezirks­li­gisten Inter Bochum (2:434 Tore in einer Saison).

Nega­tives Punk­te­konto

Die Sache mit Fort Wil­liam ist aber wirk­lich spe­ziell. Seit 1997 hat der Klub die fünft­klas­sige High­land League, aus der man nicht absteigen kann, 15 Mal als Letzter abge­schlossen. Das Team ver­liert regel­mäßig zwei­stellig, 0:11, 2:12, 1:14. Zuletzt gewann Fort am 12. April 2017 ein Spiel. Die Times“ beti­telte eine Geschichte über den Verein mit These boots aren’t made for sco­ring“, die Sun“ schrieb vom worst foot­ball team in the world“. So schlecht wie diese Saison war es aber noch nie: Wegen des Ein­satzes eines nicht spiel­be­rech­tigten Spie­lers wurden Fort neun Punkte abge­zogen, wes­halb das Team nun, Mitte April 2019, vor dem dritt­letzten Sai­son­spiel, mit 19:227 Toren und minus sieben Punkten am Tabel­len­ende steht. Wenn es gegen Fra­ser­burgh (Hin­spiel 0:13) wieder keinen Dreier gibt, wäre Fort die erste zumin­dest semi­pro­fes­sio­nelle Mann­schaft, die eine Saison mit einem nega­tiven Punk­te­konto abschließt.

Also, warum meldet sich der Klub nicht vom regu­lären Spiel­be­trieb ab und tritt einer reinen Ama­teur­liga bei? Was hält die Spieler hier? Und kommen die Zuschauer noch als Fans oder ist das schon Kata­stro­phen­tou­rismus?

Zwei Tage vor dem Spiel gegen Fra­ser­burgh stürzt Scott Hunter, 31, dunkle Haare, Sechs­ta­ge­bart, in einen Sportspub hinter der High Street. War eben noch kicken mit meinem Sohn“, sagt er und schaut abge­kämpft aus seinen tiefen Augen. Er bestellt ein Pint und fällt in einen Sessel. Auf den Bild­schirmen läuft Europa League, heute spielt auch Hun­ters Lieb­lings­klub Arsenal. Fort, Ran­gers, Gun­ners, Real – und dann wieder Fort. Das war mal mein Kar­rie­ret­raum“, sagt er, lacht und ruft ein paar Jugend­li­chen am Tresen zu: Warum kommt ihr nicht mal wieder vorbei, he?“

In der Rea­lität blieb Hunter immer in Fort Wil­liam. Seit über zwanzig Jahren kickt er, mit kleinen Unter­bre­chungen, für den Verein. Er ist, Name ver­pflichtet, Tor­jäger des Teams, auch wenn der Begriff hier deplat­ziert scheint. Letzte Woche habe ich gegen Nairn County getroffen“, sagt er mit Nach­druck. Es sei ein gutes Spiel gewesen, sie ver­loren denkbar knapp mit 2:6. Besser lief es diese Saison nur bei den ein­zigen beiden Unent­schieden und natür­lich in dieser sagen­um­wo­benen Halb­zeit gegen Wick Aca­demy FC, von der sie hier schwärmen wie von einem WM-Finale. Fort ging sen­sa­tio­nell 1:0 in Füh­rung, aber der Schieds­richter musste das Spiel in der 38. Minute wegen starker Regen­fälle abbre­chen. Ende April wird es nach­ge­holt.

Das größte Spiel war ein Unent­schieden

Die schot­ti­sche High­land League ist eine semi­pro­fes­sio­nelle Liga, trotzdem ver­dienen viele Spieler der Top­teams vier­stellig im Monat. In Fort Wil­liam ist das anders. Hunter arbeitet eigent­lich als Archi­tekt, er und seine Mit­spieler bekommen 25 Pfund pro Ein­satz. Aber auch wenn sie finan­ziell nicht mit­halten können, möchte Hunter in der High­land League bleiben. Ich ver­liere lieber hier, als in einer Pub-Liga ohne Lini­en­richter zu gewinnen“, sagt er.

In den Acht­zi­gern hatte der Verein einige gute Jahre. Als größtes Spiel aller Zeiten gilt eine Pokal­partie im Januar 1986 gegen den Dritt­li­gisten Stir­ling Albion. Fort erkämpfte vor der Rekord­ku­lisse von 1500 Zuschauern ein 0:0 (das Wie­der­ho­lungs­spiel ging zwar 0:6 ver­loren, aber das tut heute nichts zur Sache). Einige Söhne der Stadt haben sogar erfolg­reiche Pro­fi­kar­rieren hin­ge­legt: Duncan Shearer spielte für Hud­ders­field und Swindon Town. John McGinlay, Forts Rekord­tor­schütze, machte über 200 Spiele für Bolton.

Lieber Shinty als Fuß­ball

Die sport­liche Situa­tion Forts hat neben den wirt­schaft­li­chen Defi­ziten vor allem geo­gra­fi­sche und kul­tur­ge­schicht­liche Gründe. Das 10 000-Ein­wohner-Städt­chen gilt als Out­door Capital of the UK“. Jeden Sommer kommen hun­dert­tau­sende Tou­risten zum Moun­tain­biken, Klet­tern oder Wan­dern. Der Ben Nevis, mit 1345 Metern der höchste Berg Groß­bri­tan­niens, thront majes­tä­tisch über der Stadt. Aber Fuß­ball? Die meisten ein­hei­mi­schen Jugend­li­chen spielen lieber Shinty, eine Art Feld­ho­ckey. Gleich zwei Top­teams sind hier behei­matet.

Ein Nach­teil ist auch die Lage. Fort Wil­liam liegt im Nord­westen der High­lands, weit weg von anderen Klubs der Liga. Nach Wick sind es über 300 Kilo­meter, fünf Stunden Fahrt­zeit durch die Berge. Für einen kleinen Verein ist das ein immenser Auf­wand. Auch die Durch­füh­rung der Heim­spiele erweist sich manchmal als kom­pli­ziert, denn Fort Wil­liam ist der Ort mit dem höchsten Nie­der­schlag in Schott­land. Der Platz ist oft unbe­spielbar, immer wieder werden Par­tien ver­legt.

Am Frei­tag­mittag inspi­ziert Trainer Rus­sell MacMorran den Rasen. Rehe haben neu­lich aufs Feld gekotet, überall lagen Häuf­chen rum. War eine Hei­den­ar­beit, alles sauber zu bekommen“, sagt MacMorran, Tattoo auf dem Unterarm, das Haar ras­pel­kurz. Eigent­lich ist er Ver­kehrs­po­li­zist. Über seine Spieler spricht er nach­sichtig. Sind halt viele Jungs dabei, die nicht mal zwanzig Jahre alt sind. Außerdem ist es doch besser geworden. Wäre nur schön für die Jungs, wenn sie mal gewinnen.“ Wie wird das Spiel gegen Fra­ser­burgh? Phy­sisch! Weißt du, Fra­ser­burgh hat mal gegen die Ran­gers im Pokal gespielt und nur 0:3 ver­loren.“

Der schönste Platz auf der Insel

Vor einem Jahr waren der dama­lige Vor­stand und Trainer drauf und dran, den Verein aus der High­land League abzu­melden. Aber dann über­nahm ein neues Board, zu dem auch MacMorran gehört, das sich für den Ver­bleib in der Spiel­klasse aus­sprach. Was soll eine Ama­teu­ri­sie­rung bringen? Wir hätten die­selben Rei­se­kosten, aber keine Unter­stüt­zung mehr vom schot­ti­schen Fuß­ball­ver­band.“ Auch der wie­derum findet es ganz schön, dass Fort Wil­liam in der Liga geblieben ist. Rod Houston, Geschäfts­führer der High­land League, sagt: Wir brau­chen Fuß­ball im Nord­westen.“ Viel­leicht auch, weil Fort Wil­liam ein Vor­zei­ge­klub der High­lands ist: gast­freund­liche Mit­ar­beiter, gute Gemein­de­ar­beit – und dann dieser male­ri­sche Platz. Für viele ist er der schönste in ganz Groß­bri­tan­nien. Post­kar­ten­motiv und Fan­ta­sy­ku­lisse. Früher wurden hier Filme wie Bra­ve­heart“ und High­lander“ gedreht. Regio­nale Künstler hocken manchmal stun­den­lang mit Ölfarben und Staf­felei vor den Felsen.

Viel­leicht gefällt es dem Ver­band auch, dass die Liga dank Fort Wil­liam oft in den Medien ist. Die BBC dreht gerade eine Doku über die tap­feren Spieler, Sky ist gele­gent­lich vor Ort, in zwei Wochen hat sich einer von der Sun“ ange­kün­digt. Einmal wollte ein bekannter Regis­seur sogar eine Doku-Soap drehen mit dem Titel From worst to first“. Ehe­ma­lige MLS-Spieler sollten Fort Wil­liam ver­stärken und zum Auf­stieg führen. Aber irgend­wann ging den Pro­du­zenten das Geld aus. Besser machte es ein Inde­pen­dent-Fil­me­ma­cher, der die sehens­werte Doku A long way to win­ning“ drehte. Über 50 000 Mal wurde sie im Netz ange­sehen, 2000 Pfund kamen danach an Spen­den­gel­dern zusammen.

So wurde Fort Wil­liam in den ver­gan­genen Jahren welt­be­kannt – und ein beliebtes Ziel für Groundhopper, die natür­lich auch am Samstag gegen Fra­ser­burgh anreisen.

Um 13 Uhr, zwei Stunden vor dem Anpfiff, liegt der Claggan Park noch ruhig und erwar­tungs­voll am Fuße des Ben Nevis, als ein Mann aus einem Auto steigt und ruft: Hopper?“ Er komme aus Wales, sagt er, und hatte in Glasgow zu tun, na, und da sei er halt vier Stunden bis nach Fort Wil­liam gefahren. Ist mein 838. Ground!“, prahlt er und blickt ver­liebt auf das Pan­orama. Schau dir das an!“ Später werden sich noch ein Rumäne, zwei Deut­sche und fünf Eng­länder unter den gut hun­dert Zuschauern tum­meln. Und wenn man einige von ihnen reden hört, klingt es, als hätten sie hier in Fort Wil­liam den Hei­ligen Gral des Welt­fuß­balls ent­deckt.

Um 13.30 Uhr tru­deln die ersten Spieler ein. Sie tragen dunkle Anzüge und Kra­watten in den Klub­farben Gelb und Schwarz. Auch Scott Hunter, der Tor­jäger, schlen­dert in Rich­tung Kabine. Das Outfit hat unser Trainer orga­ni­siert“, sagt er. Find ich gut, sieht pro­fes­sio­neller aus.“ Auch der Vor­sit­zende Peter Murphy trägt Anzug. Er ist eine echte Fort-Wil­liam-Legende, der in den Acht­zi­gern aktiv war. Beim viel­zi­tierten 0:0 gegen Stir­ling stand er auf dem Platz. Noch heute ziehen mich Freunde auf, weil ich in der letzten Minute angeb­lich eine große Chance gehabt hätte“, sagt er. Ganz ehr­lich: Ich erin­nere mich nicht!“

Murphy, der heute in Inver­ness als Immo­bi­li­en­makler arbeitet, ärgert sich manchmal über nega­tive Presse und Reporter, die sich über seinen Verein lustig machen. Ande­rer­seits weiß er auch, dass die meisten nicht über sie berichten würden, wenn sie nur Vor­letzter wären. Er sieht es prag­ma­tisch und sagt in einer abge­wan­delten High­lander-Weis­heit: Es muss halt einen geben!“ Einen Besten und einen Schlech­testen.

Es geht um so viel mehr!“

Dann geht es los – und schon nach elf Sekunden liegt der Ball im Tor von Fort. Das kann doch nicht wahr sein! Aber der Schieds­richter ent­scheidet auf Abseits. Danach hält Fort gut mit, ein Klas­sen­un­ter­schied wie sonst ist heute nicht zu erkennen. Das 0:1 fällt durch ein Eigentor, zur Pause steht es nur 0:2. In der zweiten Halb­zeit aber bricht das Team ein, das Spiel endet 0:7. Hunter schlurft ent­täuscht vom Platz, dabei müsste er das alles mitt­ler­weile gewohnt sein. Weißt du, viele Leute denken, es wäre uns egal, wenn wir ver­lieren“, sagt er. Aber das stimmt nicht. Mir geht’s nach Nie­der­lagen richtig beschissen!“ Er zeigt auf sein Trikot, das ein Gegen­spieler im Zwei­kampf zer­rissen hat.

Ja, sein letztes Hemd würde er für Fort geben, aber er könne die Kids auch ver­stehen, die lieber in den Pub gehen, als sich jede Woche zwei­stellig abschlachten zu lassen. Dann nimmt er seinen kleinen Sohn auf den Arm, der sofort wieder runter möchte, auf dem Rasen kicken. Und spä­tes­tens jetzt ahnt man, dass es hier, an diesem viel­leicht schönsten Fuß­ballort der Welt, um viel mehr geht als den Sieg oder die Nie­der­lage. Es geht um Freund­schaft und Familie, um Mut und Herz. Um die letzten Bra­ve­he­arts von Fort Wil­liam. Um die Zukunft. Nie­mand möchte seinen Kin­dern eines Tages sagen, dass der ein­zige Fuß­ball­verein der Stadt starb, weil sie irgend­wann keine Lust mehr hatten.

Zwei Wochen später findet das letzte Sai­son­spiel statt. Es ist die Partie gegen Wick Aca­demy, das Anfang März beim Stand von 1:0 für Fort abge­bro­chen worden war. Es endet 1:5. Fort Wil­liam schließt die Saison mit minus sieben Punkten und 21:245 Toren ab. Die Sun“ ver­öf­fent­licht einen spöt­ti­schen Artikel. Forts Fans for­dern danach via Face­book dazu auf, die Zei­tung zu boy­kot­tieren. Einer schreibt: Der Reporter hat keine Ahnung von Fuß­ball. Ver­gesst doch die Sta­tistik. Es geht darum, dass wir hier raus­gehen und Fuß­ball spielen!“ Peter Murphy, der Vor­sit­zende, ant­wortet: Danke für deinen Sup­port. Du hast Recht. Es geht um so viel mehr!“