Herr Neururer, wie geht es Ihnen? Wir ver­missen Sie!

Das ist schön, dass Sie mich ver­missen, aber das nützt mir nicht viel – oder brau­chen Sie einen Trainer?

Man­gelt es Ihnen etwa an Ange­boten?

Nein. Ich habe genü­gend Ange­bote, aber ich bin mitt­ler­weile in einem Alter, in dem man nicht mehr zu jedem Angebot ja“ und Amen“ sagen muss. Ich bin heiß, ich möchte unbe­dingt wieder arbeiten, aber ich mache nur noch Dinger, zu denen ich hun­dert­pro­zentig stehe. Ich befinde mich wei­terhin in der War­te­schleife.

Ihr letztes Enga­ge­ment als Trainer von Han­nover 96 endete am dritten Spieltag der letzten Saison. Sie standen jedoch bis Sai­son­ende wei­terhin unter Ver­trag. Hat der Verein Ihre Dienste noch in irgend­einer Form in Anspruch genommen?

Nein, hat er nicht. Ich bin ja von meinem Amt zurück­ge­treten, weil ich zu den damals unrea­lis­ti­schen Ziel­set­zungen ein­fach nicht stehen konnte. Letzt­end­lich gibt mir die Ent­schei­dung heute recht, wenn ich die ganze Ent­wick­lung sehe.

Wie meinen Sie das genau? Schließ­lich steht der Verein heute im gesi­cherten Mit­tel­feld der Liga. Sie haben Han­nover 96 als Tabel­len­letzter ver­lassen.

Wäre Martin Kind (Prä­si­dent von Han­nover 96, Anm. d. R.) damals einen Monat früher zurück gekommen, wäre ich heute wahr­schein­lich noch Trainer von Han­nover 96. Er ist leider erst gekommen, als die Trans­fer­listen schon geschlossen waren. Es wurden Spieler ver­pflichtet, die ich nicht gebrau­chen konnte. Meine Ent­schei­dung gibt mir inso­fern Recht, als ich sehe, dass diese Spieler, wie bei­spiels­weise ein Thor­valdsson, nun schon gar nicht mehr da sind.

Wurden die Neu­ein­käufe nicht mit Ihnen abge­stimmt?

Spieler wie Huzti oder auch Jan Rosen­thal, zu denen ich ja“ gesagt habe, gehören heute zur Stamm­for­ma­tion von Dieter Hecking. Meine Ana­lysen passten hun­dert­pro­zentig, aber alles andere passte eben nicht. Es war meine absolut logi­sche Kon­se­quenz zu sagen, es geht nicht mehr weiter. Ich war immer der Mei­nung: Wenn bei Han­nover 96 alles super läuft, werden wir Achter, und wenn es schlecht läuft, dann werden wir Zwölfter. Das scheint sich auch im Augen­blick wieder zu bewahr­heiten.

Sie sind nun seit Sep­tember 2006 nicht mehr im Amt. Sie sagten einmal, wenn Sie mit dem Fuß­ball auf­hören, werden Sie die Füße hoch­legen und sich end­lich um Ihre Frau und Ihre Kinder küm­mern. Ist diese Zeit viel­leicht bereits gekommen, ohne dass Sie es bemerkt haben?

Nein, die Zeit ist mit Sicher­heit noch nicht gekommen. Ich sehe ja, wie all­wö­chent­lich die Ange­bote kommen, zu denen ich aber auch ja“ sagen müsste – bisher habe ich eben immer nein“ gesagt. Ich denke noch nicht ans Auf­hören, ganz im Gegen­teil.

Können Sie denn wenigs­tens die gemein­same Zeit mit Ihrer Familie genießen?

Nein, kann ich nicht, wenn ich ehr­lich sein soll. Und meine Familie auch nicht. Die sehen, wie unruhig ich bin, wie heiß ich bin. Harley fahren, Golf spielen… schön und gut. Aber es ist über­haupt nicht mein Ding, wenn die Frei­zeit­ge­stal­tung zum Lebens­in­halt wird. Da gehe ich kaputt dran! Meine Familie unter­stützt mich, wo sie nur kann, und so warten wir weiter.

Wie­viel Zeit am Tag ver­bringen Sie trotzdem noch mit Fuß­ball?

Gedank­lich vom Auf­stehen bis zum Schla­fen­gehen.

Geraten Sie denn dieser Tage in Panik, wenn Sie mit Ihrem Handy einmal im Funk­loch ste­cken?

Ich gerate mit Sicher­heit nicht in Panik.

Besteht Ihre Job­suche nur aus Warten, oder gibt es auch den Fall, dass Sie bei einem Verein vor­stellig werden?

Ich kann mir selbst keinen Job suchen, das ist absolut unmög­lich. Man wird gefunden! Ich kann ja jetzt nicht bei… (über­legt) Schlagen Sie mich tot, wel­chen Verein nehmen wir da?

Schalke?

Zum Bei­spiel! (lacht) Aber das würde ich sowieso nicht machen, da ist ja noch ein Trainer im Amt. Wenn ein Trainer noch im Amt ist, führe ich grund­sätz­lich keine Gespräche. Das wäre eine Unver­schämt­heit, das würde ich nie­mals machen. Aber wenn jetzt irgendwo irgend­etwas pas­sieren würde, dann kann ich ja nicht sagen, so, ich rufe da jetzt mal an und biete mich da als Trainer an. Das geht ja nicht.

Warum geht das nicht?


Nein! Der­je­nige, der sich anbietet, wird sowieso nicht genommen, das habe ich im Laufe der Jahre ken­nen­ge­lernt. Du kannst als Trainer nicht aktiv in die Trai­ner­suche der Ver­eine ein­greifen, das ist ein­fach nicht mög­lich.

Sie sind nicht das erste Mal ohne Job. Einmal ver­kannten Sie bereits die Situa­tion und war­teten lieber auf einen Anruf von Ber­lus­coni, als bei einem weniger attrak­tiven Verein zu unter­schreiben.

Ber­lus­coni wird mich in diesem Leben nicht mehr anrufen. (lacht) Den habe ich schon früh­zeitig in meiner Kar­riere abge­hakt. Das ent­spricht nicht mehr meinem Anspruchs­denken.

Aber ist es nicht viel­leicht wieder so, dass Sie sich zu Höherem berufen fühlen, als es Ihre Ange­bote ver­spre­chen?

Was heißt schon zu Höherem berufen fühlen“? Das ist ja alles relativ. Es gibt ein­fach Auf­ga­ben­ge­biete, die ich von vor­ne­herein ablehne. Zum Bei­spiel, wenn mich Kai­sers­lau­tern anruft, damals in Person von Fritz Fuchs, und fragt, ob ich mir vor­stellen könne, Kai­sers­lau­tern aus dieser Scheiße heraus zu führen, und ich sage:„Können wir drüber reden, aber bitte in abso­luter Dis­kre­tion!“ Und wenn mich dann, eine halbe Stunde später, meh­rere Spie­ler­ver­mittler anrufen, sage ich den Job halt ab. Mit so einem Mann arbeite ich mit Sicher­heit nicht zusammen.

Wo liegt bei einem neuen Enga­ge­ment Ihre Schmerz­grenze? Würden Sie auch in die Ober­liga gehen?

Nein, in die Ober­liga würde ich nicht gehen. Dann spiele ich lieber Golf und fahre Harley. Es geht einzig und allein um eine lang­fris­tige Per­spek­tive. Ich möchte irgendwo etwas auf­bauen. Fern der Heimat werde ich nicht bei einem Dritt­li­gisten arbeiten, auch nicht bei einem Zweit­li­gisten, dessen Per­spek­tiven nicht kon­kret auf die erste Liga aus­ge­richtet sind.

Kommt für Sie im Fuß­ball­ge­schäft auch ein anderer Job in Frage als der des Trai­ners?

Das hängt davon ab, wie viel Ein­fluss ich in anderer Posi­tion hätte. Mit meinem Erfah­rungs­schatz und meinen Werten, die ich ver­trete, wäre ich bei bestimmten Ver­einen, deren Namen ich jetzt natür­lich nicht nenne, auch bereit, im Sport­ma­nage­ment zu arbeiten – sprich Sport­di­rektor oder… (über­legt) Oft­mals haben die Kinder ja einen ganz eigen­ar­tigen Namen. Das würde ich auch machen – da muss der Verein stimmen, die Per­spek­tive und die Ein­fluss­nahme.

Rechnet man die zweite Bun­des­liga einmal dazu, gibt es für Sie 36 poten­zi­elle Arbeit­geber in Deutsch­land.


Die gibt es für mich mit Sicher­heit nicht. Einige Ver­eine würde ich kate­go­risch aus­schließen.

Wie viele Ver­eine bleiben also tat­säch­lich?


(lacht) Nicht 36! Einige Ver­eine wie Kai­sers­lau­tern, zu denen es im letzten halben Jahr auch Kon­takt gegeben hat, schließe ich ein­fach aus. Ver­eine, die mit einem Trainer auf eine Art und Weise umge­gangen sind, die ich nicht gut heiße. Ansonsten würde ich mir in Deutsch­land alles anhören, keine Frage, vor­der­gründig natür­lich die erste Liga.

Mit wel­chen Ver­einen stehen Sie in einem regel­mä­ßigen und guten Kon­takt?

Mit dem VfL Bochum stehe ich immer noch in sehr gutem Kon­takt, mit Schalke 04, Han­nover 96, zum 1. FC Köln. Ver­stehen Sie das jetzt aber nicht falsch: Dieser Kon­takt besteht nur auf­grund von bis­he­rigen Anstel­lungen und Erfah­rungen, die ich mit den Ver­einen gemacht habe. Es ist nicht der Fall, dass ich mit diesen Ver­einen zur Zeit Gespräche führe über Situa­tionen, die sich viel­leicht irgend­wann einmal ergeben sollten.

Könnten Sie sich auch ein Enga­ge­ment im Aus­land vor­stellen?

Natür­lich. Ich hatte meh­rere Anfragen und Ange­bote, aber Land und die dazu­ge­hö­rige Liga müssen natür­lich passen.

Welche Fremd­spra­chen spre­chen Sie?


So wie das der ein oder andere immer von sich zu behaupten wagt: Ita­lie­nisch, Spa­nisch, Fran­zö­sisch, Eng­lisch. Sprach­lich würde es also über­haupt keine Pro­bleme geben.

Ira­ni­scher Natio­nal­trainer wollten Sie den­noch nicht werden.


Iran wäre finan­ziell eine über­ra­gende Ange­le­gen­heit gewesen, vom Auf­ga­ben­ge­biet her auch. Als die Herr­schaften mir dann aber sagten, mein Wohn­sitz und der meiner Familie müsse Teheran sein, habe ich gesagt: Sie können mir bezahlen, was Sie wollen, das mache ich nicht.“ Es gibt Prin­zi­pien, die müssen erfüllt sein – das ist in meinem Alter eben so.

Als arbeits­su­chender Trainer sind Sie…

Ich bin nicht arbeits­su­chend, ich bin arbeits­er­hof­fend. Das ist ein Unter­schied!

Sie sind auf die Miss­erfolge Ihrer Kol­legen ange­wiesen.

Das ist ja das Trau­rige an diesem Geschäft.

Glauben Sie eigent­lich an Schicksal, Herr Neururer?

Nein, über­haupt nicht. Ich glaube nur an die Sachen, die man selber beein­flussen kann. Des­wegen ist die jet­zige Situa­tion für mich ja über­haupt nur so frus­trie­rend. Ich kann meine eigene Situa­tion nicht beein­flussen! In keinster Weise! Ich bin ange­wiesen auf die miss­liche Situa­tion eines Kol­legen. Ich habe keinen Zugriff. Diese pas­sive Rolle geht mir gehörig auf den Senkel, weil ich im Augen­blick nicht selbst aktiv werden kann.

Wie muss sich ein arbeits­er­hof­fender“ Trainer gene­rell ver­halten, um schnell wieder einen Job zu bekommen?

Man kann sich gar nicht ver­halten, es gibt da kein Rezept für. Ent­weder man kennt mich – durchaus normal, wenn man auf weit mehr als 500 Spiele im bezahlten Fuß­ball zurück­bli­cken kann – oder man kennt mich eben nicht.

Vor knapp einem Jahr fragte Sie mein Kol­lege, wann man Sie wieder an der Sei­ten­linie sehen würde. Sie ent­geg­neten: Die, die als letztes ent­lassen werden, bekommen als erstes wieder einen neuen Job.“

So spielt sich der ganze Kreis­lauf nor­ma­ler­weise ab.

Ganz ehr­lich, haben Sie damit gerechnet, dass es so lange dauern wird?

Es hat ja nicht lange gedauert. Bis zum heu­tigen Tag habe ich um die fünf­zehn Ange­bote bekommen. Man hat sich also schon an mich erin­nert.

Gut. Aber Sie sind bisher nicht wieder an der Sei­ten­linie auf­ge­taucht.

Ich habe glück­li­cher­weise den Status, dass ich es mir aus­su­chen kann, wann ich wieder einen Job annehme. Ich möchte wieder arbeiten, keine Frage. Bevor ich jedoch Sachen mache, zu denen ich nicht stehe, mache ich lieber gar nichts. Wenn nichts Pas­sendes kommt, muss ich eben weiter an meinem Golf­han­dicap arbeiten und mit der Harley durch die Land­schaft fahren – dann warte ich eben noch. Was mir nicht hun­dert Pro­zent zusagt, mache ich nicht mehr.

Mit Thomas von Heesen, Michael Front­zeck und Jürgen Klins­mann drängen ver­mehrt jün­gere Kol­legen ins Trai­ner­ge­schäft. Kann man schon von eine Art Wach­ab­lö­sung spre­chen?

Man kann mit Sicher­heit nicht von Wach­ab­lö­sung spre­chen. Jürgen Klins­mann macht jetzt seine erste Erfah­rung als Ver­eins­trainer. Ich finde es toll, das der FC Bayern Mün­chen einem uner­fah­renen, im Prinzip noch nie in Erschei­nung getre­tenen Trainer eine Chance gibt. Aber das sind alles ganz nor­male Pro­zesse, das hat nichts mit Genera­ti­ons­wechsel oder so zu tun.

Trotzdem: Was hat Ihnen diese jün­gere Trai­ner­ge­nera­tion womög­lich voraus?

Die sind jung, die dürfen noch wesent­lich länger im Trai­ner­ge­schäft arbeiten. Ich gehörte damals auch zu den jüngsten Trai­nern, die im Pro­fi­ge­schäft tätig waren. Mitt­ler­weile bin ich, glück­li­cher­weise, ein biss­chen älter geworden und habe auf dem Weg dahin meh­rere Ver­eine betreut. Eins ist wichtig im Fuß­ball, und das ver­kennt der ein oder andere: Eine gewisse Art von Erfah­rung benö­tigt man, um auf gewisse Leute in bestimmten Situa­tionen ein­wirken zu können. Diese Erfah­rung ist unbe­zahlbar. Und diese Erfah­rung müssen sich die jungen Trainer erst noch erar­beiten. Erfah­rungen sam­melt man nur mit den Jahren, mit posi­tiven wie nega­tiven Ereig­nissen. Ich kann glück­li­cher­weise sagen, mit den ganzen Dingen, die ich erlebt habe: Die Erfah­rung, die habe ich.

Hat Uli Hoeneß also mit der Ver­pflich­tung von Jürgen Klins­mann einen Fehler begangen?

Nein. Jürgen Klins­mann kommt bei Bayern Mün­chen in den Genuss einer ein­ma­ligen Gele­gen­heit. Kein anderer Verein in der Bun­des­liga könnte auf die Idee kommen und es sich erlauben, einen Mann ein­zu­stellen, der im Pofi­be­reich noch nie eine Mann­schaft betreut hat. Keiner! Sie werden es nie erleben, dass ein Verein, der mög­li­cher­weise im Exis­tenz­kampf steckt, auf einen Trainer zurück­greift, der keine Erfah­rung hat. Das ist nicht mög­lich. Den kann man ja gar nicht ver­kaufen. Da kann ich ja nur sagen: Mal gucken, ob es klappt.“ Und Jürgen Klins­mann muss sich jetzt beweisen. Das steht mal fest!

Wäh­rend der Trai­ner­suche des FC Bayern sagten Sie der Bild“, der Uli müsse den Besten holen, der auf dem Markt ist – und das seien Sie. Man könnte meinen, Sie wollten sich selbst ins Gespräch bringen.

Das ist ja abso­luter Quatsch! Mir ist die Frage gestellt geworden, die ja schon eigen­artig genug ist: Was würden Sie machen, wenn Sie Uli Hoeneß wären und einen Trainer für Bayern Mün­chen suchen würden?“ Ich habe nur gesagt: Die Frage ist ja totaler Blöd­sinn! Ich bin nicht Uli Hoeneß. Und wenn ich Uli Hoeneß wäre, und ich wüsste, dass der Neururer auf dem Markt ist, ja, dann würde ich den anrufen.“ Ich habe mich aber nicht bei Bayern Mün­chen ins Gespräch gebracht. Es gibt zwei­fels­frei Ver­eine, zu denen passe ich ein­fach nicht. Es gibt auch Ver­eine, die zu mir nicht passen. Und ich passe mit Sicher­heit nicht zu Bayern Mün­chen. Ich werde einen Teufel tun, mich da irgendwo ins Gespräch zu bringen, das mache ich grund­sätz­lich bei keinem Verein – selbst bei Bayern Mün­chen nicht.

Solche Aus­sagen zeugen nicht gerade von Beschei­den­heit. Tun Sie sich damit wirk­lich einen Gefallen?

Wieso Beschei­den­heit? Ich weiß genau, dass Bayern Mün­chen nie­mals auf die Idee kommen würde, einen Peter Neururer zu ver­pflichten. Und ich würde auch nie auf die Idee kommen, der 128. Trainer der Bayern werden zu wollen, der mal wieder Deut­scher Meister wird. Das ist nicht mein Ding. Das wäre vor zehn Jahren viel­leicht mein Ding gewesen.

Herr Neururer, warum sollte man Sie als Trainer ver­pflichten? Können Sie sich selbst emp­fehlen?


Allen Ver­einen kann ich das mit Sicher­heit nicht emp­fehlen – aber vielen. Ich weiß, wozu ich imstande bin – und ich weiß, wozu ich nicht imstande bin.