Claus Reit­maier, in der Bun­des­liga gibt es einen neuen Trend: Die Stamm­tor­hüter werden immer jünger. Wie gut waren Sie in jungen Jahren aus­ge­bildet?

Claus Reit­maier: Bei den Würz­burger Kickers hatte ich als Jugend­li­cher wenig Tor­wart­trai­ning – zweimal pro Jahr. Ich habe tat­säch­lich erst mit 34 Jahren in Wolfs­burg meinen ersten Tor­wart­trainer bekommen. Das meiste habe ich mir selbst bei­gebracht, indem ich mir Bun­des­liga-Spiele mit dem Video­re­korder auf­ge­nommen habe. So konnte ich Toni Schu­ma­cher genau stu­dieren.

Was ist Ihnen an seinem Spiel auf­ge­fallen?

Claus Reit­maier: Ich habe schon nach kurzer Zeit bemerkt, dass Schu­ma­cher nie auf dem ganzen Fuß stand, son­dern immer auf dem Ballen. So war die Ferse vom Boden abge­hoben. Diese Technik habe ich anschlie­ßend kopiert. Mein eigenes Tor­wart­spiel hat dadurch einen ent­schei­denden Schub bekommen. 

Lutz Pfan­nen­stiel, wie sahen typi­sche Trai­nings­ein­heiten ohne Tor­wart­trainer aus?

Lutz Pfan­nen­stiel: Die beiden Tor­hüter haben sich zuerst gegen­seitig die Bälle zuge­schossen. Nach einer Vier­tel­stunde wurde man dann zur Mann­schaft geholt und stand ein­fach nur bei den Trai­nings­spielen im Tor. Drei Mal pro Woche gab es dann Tor­schuss­trai­ning, in dem man sich etwas aus­zeichnen konnte.

Claus Reit­maier: Nach den Ein­heiten sind oft noch Spieler da geblieben, die aufs Tor geschossen haben. Das war im Grunde das beste Trai­ning. Beim KSC der neun­ziger Jahre war das immer Thomas Häßler. Dass er die Extra­schichten mit mir absol­viert hat, half aller­dings auch ihm. Des­halb konnte er hin­terher so gute Frei­stöße schießen.

Herr Reit­maier, Sie haben beim Karls­ruher SC Oliver Kahn beerbt. Haben Sie dort auch seine Infra­struktur über­nommen?

Claus Reit­maier: Nein. Mit Winnie Schäfer habe ich bespro­chen, dass ich gerne Tor­wart­trai­ning haben würde. Wenigs­tens einmal pro Woche. Ich habe also selbst einen Trainer ein­ge­stellt: Peter Gadinger, der bis heute beim KSC tätig ist. Wer in der Bun­des­liga vor 15 Jahren Tor­wart­trai­ning haben wollte, musste das selbst initi­ieren.

Wann haben Sie gemerkt, dass die Tor­wart­po­si­tion an Bedeu­tung gewinnt?

Claus Reit­maier: Dass der Tor­wart die wich­tigste Posi­tion in der Mann­schaft ist, dar­über waren sich schon immer alle einig. Nur wollte früher kein Verein Ablö­se­summen bezahlen für einen Keeper. So gesehen waren Tor­hüter zu dieser Zeit das Stief­kind des Fuß­balls. Erst als für Oliver Kahn 1994 bei seinem Wechsel von Karls­ruhe nach Mün­chen eine hohe Summe gezahlt wurde, fing langsam ein Umdenken an.

Der moderne Tor­hüter wird häu­figer als Ersatz­li­bero bezeichnet. Wie stehen Sie zu dieser Ent­wick­lung?

Claus Reit­maier: Dieser Trend ist nicht immer nach­voll­ziehbar. Inzwi­schen heißt es oft, dass der beste Fuß­baller ins Tor muss. Es ist aber immer noch die Haupt­auf­gabe eines Tor­hü­ters, Bälle zu fangen. Wenn ich zwei Tor­hüter hätte – der eine ist zehn Pro­zent besser im Tor und der andere ist zu 30 Pro­zent ein bes­serer Fuß­baller –, würde ich mich für den bes­seren Tor­hüter ent­scheiden. Jens Leh­mann war immer der beste Fuß­baller. Er hat aber auch einige ent­schei­dende Tore ver­schuldet, weil ihm bei Aus­flügen Fehler unter­laufen sind.

Lutz Pfan­nen­stiel, Sie waren ein Tor­hüter der alten Schule. Haben Sie in ihrer Jugend zu selten gegen den Ball getreten?

Lutz Pfan­nen­stiel: Junge Tor­warte werden heute schon im Kin­des­alter ganz anders trai­niert. Man sieht schon bei der U‑15, dass die Tor­hüter den Ball bis zum anderen Sech­zehner abschlagen. Sie machen viel mehr mit dem Ball und wachsen mit den neuen Anfor­de­rungen auf. Wir haben dagegen ab und zu fünf gegen zwei gespielt und das war’s. Bei uns hat in der Jugend immer der Libero die Abstöße gemacht. Des­halb war es für unsere Genera­tion sehr schwer, sich auf das moderne Tor­wart­spiel umzu­stellen. Es gab natür­lich auch Aus­nahmen: Edwin van der Saar, Uli Stein und Jörg Butt waren sehr gute Fuß­baller.

Claus Reit­maier: Ich habe eigent­lich nie im Feld gespielt, son­dern, seit ich neun Jahre alt war, aus­schließ­lich im Tor gestanden. Der größte Schnitt war des­halb für mich die Ein­füh­rung der Rück­pass­regel. Ich war damals 29 Jahre alt und hatte mit dieser neuen Regel bis an das Ende meiner Kar­riere zu kämpfen. Meinen Sohn, den ich für einen talen­tier­teren Tor­wart als Spieler halte, werde ich des­halb noch ein paar Jahre draußen kicken lassen, bevor er zwi­schen die Pfosten wech­selt.

Ab wel­chem Alter sollte man sich auf der Posi­tion fest­legen?

Lutz Pfan­nen­stiel: Wir ver­treten die Phi­lo­so­phie des DFB, dass die Kinder bis zum Alter von zwölf Jahren immer rotieren sollten. Dann hat man die Grund­lagen des Fuß­ball­spiels im Blut und kann sich voll auf das Tor­wart­trai­ning kon­zen­trieren.

Claus Reit­maier: Wer mit sieben Jahren schon bei jedem Spiel im Tor steht, wird es sehr schwer haben, groß raus­zu­kommen. Außerdem besteht das Risiko, dass der Jugend­liche später bei einer Größe von 1,70 Meter ste­hen­bleibt.

Pas­siert es nicht ständig, dass man hoch­ta­len­tierte Tor­hüter för­dert, die am Ende nicht die nötige Größe errei­chen?

Lutz Pfan­nen­stiel: Als ich Tor­wart­trainer in Namibia war, habe ich die Hand­wur­zel­kno­chen der 13-Jäh­rigen ver­messen lassen. So lässt sich unge­fähr die spä­tere Größe fest­stellen. Wenn es dann heißt, der wird etwa 1,78 Meter groß, dann för­dere ich lieber einen etwas unta­len­tier­teren Tor­hüter, bei dem später dann die per­fekten Rah­men­be­din­gungen gegeben sind.

Deutsch­land war schon immer für gute Tor­hüter bekannt. Bei wel­cher Nation sehen sie das meiste Ent­wick­lungs­po­ten­zial?

Lutz Pfan­nen­stiel: Vor 20 Jahren hat man den Bra­si­lia­nern noch nach­ge­sagt, schlechte Tor­hüter zu haben. Das Pro­blem haben sie erkannt und des­halb arbeiten sie heute unglaub­lich detail­liert. Sie inte­grieren Trai­nings­me­thoden aus Kampf­sport­arten, Squash und Tennis in das nor­male Tor­wart­trai­ning und arbeiten sehr intensiv. Mitt­ler­weile spielen bei Top-Klubs wie Tot­tenham Hot­spur, AC Mai­land, Inter Mai­land, PSV Eind­hoven oder AS Rom bra­si­lia­ni­sche Schluss­männer. Ich bin über­zeugt, dass in zehn Jahren die besten Tor­hüter der Welt aus Bra­si­lien kommen.

Dann ver­raten Sie uns doch bitte noch, warum es die Eng­länder über Jahr­zehnte hinweg nicht schaffen, einen Welt­klas­se­keeper her­aus­zu­bringen?

Lutz Pfan­nen­stiel: Die eng­li­schen Tor­hüter sind grund­sätz­lich nicht schlecht, aber wenn es darauf ankommt, unter­laufen ihnen oft gra­vie­rende Fehler. Das schwebt den Eng­län­dern im Unter­be­wusst­sein in den Köpfen und die Folge ist, dass sie ihren eigenen Lands­leuten nicht ver­trauen. In den ersten vier eng­li­schen Ligen spielen fast nur aus­län­di­sche Keeper. Da ist es vor­ge­zeichnet, dass sich ihre eigenen Leute ein­fach nicht ent­spre­chend ent­wi­ckeln können.


Lutz Pfan­nen­stiel, Jahr­gang 1973, spielte für über 30 Ver­eine auf sechs Kon­ti­nenten. Er arbeitet aktuell als Scout für die TSG 1899 Hof­fen­heim.

Claus Reit­maier, Jahr­gang 1964, machte u.a. für den VfL Wolfs­burg und den Karls­ruher SC 335 Bun­des­li­ga­spiele. Er arbei­tete danach als Tor­wart­trainer beim HSV.