Eigent­lich ver­dankt Ips­wich Town sein bekann­testes Kind der Bri­tish Army. Im Jahr 2006 wurde der Offi­zier Stefan Wickham von seinen Vor­ge­setzten nach Col­chester gerufen, fortan sollte er dort im Mili­tär­ge­fängnis arbeiten. Bis dahin spielte Sohn Connor wohl behütet in den Jugend­mann­schaften des FC Rea­ding und hätte bei den »Royals« sicher­lich auch seine Pro­fi­kar­riere gestartet. Schließ­lich erteilte sein alter Herr sämt­li­chen Inter­es­senten in jenen Jahren rou­ti­ne­mäßig Absagen. Selbst als Pre­mier-League-Klubs wie West Ham United und Tot­tenham Hot­spur anklopften, wie­der­holte der Soldat gebets­müh­len­artig: »Mein Sohn geht nir­gend­wohin.« Damals war Connor Wickham zwölf Jahre alt.



Und trotzdem: Als der Umzug der Familie Wickham nach Col­chester bekannt wurde, standen all die gie­rigen Berater und Spione der Lon­doner Ver­eine wieder auf der Matte. Der Junior wech­selte aber zum 25 Kilo­meter ent­fernten Fuß­ball­klub in Ips­wich Town. »Es war seine Ent­schei­dung zu einem kleinen Team zu wech­seln«, betont der Vater heute. »Er mochte die Atmo­sphäre in Ips­wich, schließ­lich kannte er den Verein von Aus­wärts­spielen mit Rea­ding.« In Ips­wich emp­fingen ihr unver­hofftes Glück mit offenen Armen: In einem ersten Freund­schafts­spiel, einer Art Bewer­bungs­partie, schoss der Soh­ne­mann fünf Tore. Herz­lich will­kommen.

Neben Wayne Rooney für Eng­land?

Vier Jahre später ist Connor Wickham so etwas wie das neue Wun­der­kind im eng­li­schen Fuß­ball. Für die A‑Elf von Ips­wich Town machte er sein erstes Spiel mit 16 Jahren und elf Tagen und wurde so zum jüngsten Debü­tanten der Ver­eins­ge­schichte. Im März 2010 schoss er sein erstes Tor – den 1:0‑Siegtreffer in der 93. Minute gegen Scun­thorpe United. Heute muss der Klub regel­mäßig über 30 Plätze im Sta­dion für Scouts frei­halten, und nicht nur die über­schlagen sich vor Lob, auch all die Fuß­ball­ex­perten melden sich wie ergraute Pro­pheten aus ihren Ver­ste­cken, sobald der Name Connor Wickham fällt. Ips­wich-Town-Legende Kevin Beattie sagte jüngst: »Der Junge hat alles: Robust­heit, Technik, den Zug zum Tor. Es würde mich nicht wun­dern, wenn er bald neben Wayne Rooney für Eng­land stürmen würde.« Rus­sell Osman, ehe­mals Trainer von Bristol City, ging kurz vor der WM in Süd­afrika noch einen Schritt weiter. Als Co-Kom­men­tator für Euro­sport ver­kün­dete er: »Natür­lich würden die Leute fragen, warum Fabio Capello einen 17-Jäh­rigen mit­nimmt – dabei er ist de facto genau so stark wie Emile Heskey, hat aber ein bes­seres Auge für das Tor.«

Connor Wickham flog nicht mit nach Süd­afrika – er fuhr Ende Mai mit dem eng­li­schen U17-Team zur Euro­pa­meis­ter­schaft nach Liech­ten­stein, zer­legte dort im Halb­fi­nale Frank­reich mit zwei Toren im Allein­gang und schoss im End­spiel den 2:1‑Siegtreffer gegen Spa­nien. Ein Tor, das alles zeigt, was diesen Jungen aus­zeichnet: Diesen unbän­digen Willen gepaart mit der Geduld, auf den rich­tigen Moment zu warten. Allein auf weiter Flur kämpft er sich da durch den Straf­raum, vier Spa­nier ver­su­chen ihn am Schuss zu hin­dern, zwei Mit­spieler stehen Spa­lier, dann sieht er die Lücke – und der Ball zieht unten ins rechte Ecke.

»Habe einen guten Kopf auf meinen Schul­tern«

Ein paar Tage später stand vor dem Haus seiner Eltern eine Audi-Limou­sine, dabei hatte Wickham noch nicht mal einen Füh­rer­schein. Gleich­zeitig flat­terten nun wieder die Offerten wieder in den Brief­kasten. Tot­tenham bot ein Leih­ge­schäft an, fünf Mil­lionen wollten sie für die tem­po­rären Dienste des Jung­stars zahlen. Der FC Arsenal machte das Porte­mon­naie noch weiter auf und wedelte mit acht Mil­lionen. Tot­tenham zog nach: Acht­ein­halb Mil­lionen. Zum Ver­gleich: Theo Wal­cott wech­selte als 16-Jäh­riger für neun Mil­lionen Pfund von Sout­hampton zum FC Arsenal. Und Cris­tiano Ronaldo 18-jährig von Spor­ting Lisbon zu Man­chester United für 12 Mil­lionen.

Wie es sich beim Wett­bieten gehört ist in der Sache Wickham seit letzter Woche auch der FC Liver­pool ein­ge­stiegen. Zehn Mil­lionen Pfund wollen die »Reds« angeb­lich locker machen – wenn­gleich hier ange­merkt werden muss, dass der Klub seit Roy Hodg­sons Amts­an­tritt auf so ziem­lich alles geboten hat, was einen Ball weiter als drei Meter treten kann.

Connor Wickham sieht das Buhlen um seine Person mit bei­nahe bud­dhis­ti­scher Gelas­sen­heit: »Zu lesen man sei zehn Mil­lionen wert, ist eine neue Erfah­rung – doch ich habe einen guten Kopf auf meinen Schul­tern.« Aktuell hat er außerdem die rich­tigen Männer links und rechts von seinen Schul­tern, neben seinem Vater steht da noch Ips­wichs Trainer Roy Keane, der einst bei Man­chester United mit den besten Stür­mern der letzten Dekaden zusam­men­spielte: Mark Hughes, Eric Can­tona oder Ruud van Nistel­rooy. Wie Wick­hams Vater ist Keane Ire. Wie Wick­hams Vater ver­steht sich Keane als eine Art Mentor, der seinen Wun­der­stürmer langsam ans Team und das Pro­fi­ge­schäft führen will: Ein paar Ein­sätze von Beginn an, dann aber auch ein paar von der Bank aus.

Die Fans würden Roy Keane lyn­chen

Zudem weiß Keane um all die hoch­ge­ju­belten Super­ta­lente der letzten Jahre. Kyle Naughton oder John Bos­tock etwa, die für etliche Mil­lionen zu Tot­tenham wech­selten und sich nun als Leih­spieler durch die Ligen manö­vrieren. Oder Daniel Pacheco, jener Sen­sa­ti­ons­an­greifer aus Spa­nien, der aktuell beim FC Liver­pool unter Ver­trag steht, doch bis dato über eine Hand­voll Kurz­ein­sätze nicht hinaus kam. All diese mensch­ge­wor­denen Wert­an­lagen, die ihre Klubs glauben lassen, sie stünden vor einer gol­denen Zukunft. Dass nur wenige Spieler an einem Tag x tat­säch­lich die Ver­spre­chen und Erwar­tungen ein­lösen können, nachdem sie jah­re­lang wie Werte in Com­pu­ter­ta­bellen hin- und her­ge­schoben wurden, ist zunächst Neben­sache.

Ob Wick­hams Wechsel in die Pre­mier League des­wegen noch lange auf sich warten lässt, ist trotzdem frag­lich. Heute soll er öffent­lich einen Wechsel zu Liver­pool aus­ge­schlossen und mit Arsenal gelieb­äu­gelt zu haben. Dabei gibt es immer noch zwei gewich­tigte Gründe, die gegen einen ver­frühten Transfer spre­chen. Einer­seits Roy Keane, der sich um seine Gesund­heit sorgt: »Wenn wir Connor ver­kaufen, würden sie mich die Fans lyn­chen.« Zum anderen den Vater, der, nun ja, eben nicht nur Vater, son­dern auch Soldat ist – und immer noch jeg­liche Spe­ku­la­tionen im Keim erstickt: »Mein Junge geht nir­gend­wohin.«