Als dann end­lich alles vorbei war, musste sich Jürgen Klopp ein­fach mal hin­setzen. Die Pres­se­kon­fe­renz war beendet, in der weder dem Dort­munder Trainer noch seinem Kol­legen Jupp Heynckes eine Frage gestellt worden war, und nun hockte Klopp auf einem Mau­er­vor­sprung vor dem Aufzug und war­tete auf die Rück­fahrt nach unten zu seinen Spie­lern. Er schaute flüchtig auf den Ergeb­nis­zettel („Oh, Ham­burg hat vier Stück gekriegt.“), machte etwas Small­talk mit Lokal­jour­na­listen, aber eigent­lich wusste der sonst doch immer schlag­fer­tige Coach nichts mehr zu sagen. Er war so erschöpft, wie alle im Sta­dion. Die Inten­sität dieses Spit­zen­spiels hatte nicht nur den Spie­lern alle Kräfte abge­for­dert, die Nerven der Ver­ant­wort­li­chen bis zum Äußersten bean­sprucht, selbst die Zuschauer wirkten erschöpft von den Ver­dich­tungen der letzten Minute, als sich ein gutes Spiel noch in ein großes Drama ver­wan­delte.

Die Fans beider Lager, ob beseelt oder tief ent­täuscht, dis­ku­tierten über das zau­ber­hafte Hackentor von Robert Lewan­dowski, den ver­schos­senen Elf­meter von Robben und was da in der Schluss­vier­tel­stunde sonst noch an auf­re­genden Szenen gegeben hatte. Und weil wirk­lich ver­dammt viel los­ge­wesen war, merkten sie nicht einmal, dass sie vom Tri­ko­t­ärmel der Geschichte gestreift worden waren. Denn ver­mut­lich werden wir uns auch in einigen Jahren noch an diesen Mitt­woch­abend im April in Dort­mund als ein his­to­ri­sches Spiel erin­nern. 

Dieser Sieg hatte eine Qua­lität wie keine seiner Vor­gänger

Der 1:0‑Sieg war der vierte des BVB in Folge gegen die Bayern, doch er hatte eine Qua­lität wie keiner seiner Vor­gänger. In der ver­gan­genen Saison oder in der Hin­runde hatten die Dort­munder vor allem Form­schwä­chen und tak­ti­sche Defi­zite der Münchner aus­ge­nutzt, oder wie Klopp berühmter Weise gesagt hatte die Bayern auf unser Niveau her­un­ter­ge­zogen“. 

Dieser Sieg zeigte indes eine andere Rich­tung an, denn Dort­mund hat sich auf das Niveau der Bayern hin­auf­ge­ar­beitet. Ja, und das ist die Pointe des Abends und dieser Saison, Borussia hat die Münchner über­holt. 

Im Spit­zen­spiel siegte Klopps Mann­schaft nicht aus einer Laune des Schick­sals heraus gegen einen Gegner, der mit dem Selbst­be­wusst­sein auf­ge­pumpt nach Dort­mund gereist war. Zehn Siege hin­ter­ein­ander hatten die Bayern in Bun­des­liga, Pokal und Cham­pions League gewonnen. Und natür­lich waren sie dem BVB nicht deut­lich unter­legen und hatten auch etwas Pech, aber zog man einen Strich unter alles, was in den 90 Minuten zu sehen war, blieb nur eine Erkenntnis: Borussia Dort­mund war stärker.

Genau das wird auch Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rum­me­nigge durch den Kopf gegangen sein, als sie den weiten Weg über den Platz gingen, von der Ehren­tri­büne zum Kabi­nen­ein­gang. Sie waren auf diesen fünfzig Metern dem Spott des Publi­kums aus­ge­setzt und die BVB-Fans sangen auch fei­xend: Ihr könnt nach Hause fahren!“ 

Die schmerz­haf­teste Nie­der­lage für den FC Bayern

Aber darin drückte sich nicht die Tri­umph des Under­dogs aus, der den Großen mal die lange Nase gezeigt hatte. Doch das machte es für die Bayern-Füh­rung nur noch schlimmer. Sie können es ertragen, dass Trainer nicht funk­tio­nieren, Spieler sich gehen lassen oder ein­fach die fal­schen da sind. Denn so was ist durch Raus­würfe, Arsch­tritte oder den Gang zum Fest­geld­konto zu kor­ri­gieren. Sie können auch damit leben, wenn andere geliebt werden für schönen Fuß­ball oder jugend­li­chen Elan, solange die Bayern am Ende oben stehen.

Doch diese vierte und schmerz­haf­teste Nie­der­lage gegen die Borussen in Folge wirft grund­sätz­liche Fragen danach auf, was am sport­li­chen Kon­zept der Bayern nicht stimmt. Diese werden in den kom­menden zwei Wochen kaum gestellt werden, weil der Klub die Meis­ter­schaft schnell abhaken und erst einmal dem Hei­ligen Gral eines Finales der Cham­pions League im eigenen Sta­dion nach­jagen wird. Erst wenn sie im Halb­fi­nale gegen Real Madrid schei­tern sollte, wird das auf die Tages­ord­nung kommen.

Seit ges­tern ist klar: Bayern hat jetzt echte Kon­kur­renz

Denn seit ges­tern ist end­gültig klar, dass den Bayern ein Kon­kur­rent erwachsen ist, wie sie ihn schon lange nicht mehr hatten. Der jet­zige Erfolg ist nicht wag­halsig erkauft und Borussia ein Klub mit bun­des­weiter Aus­strah­lung, der auch bei den wirt­schaft­li­chen Mög­lich­keiten noch keine Wachs­tums­grenze erreicht hat. So haben in der Bun­des­liga nun auch die schon vor dem Spiel vie­ler­orts beschwo­rene deut­sche Ver­sion von El Cla­sico“. 

Es fehlt zwar dessen viel­schich­tige sozio-his­to­ri­sche Ver­an­ke­rung, aber fuß­bal­le­risch kommt es hin. Wobei der FC Bayern als Mann­schaft der Stars eben Real Madrid gibt und Borussia Dort­mund als von der Team­idee getrieben die Rolle des FC Bar­ce­lona über­nimmt. Und weil Cla­sicos auch ständig gespielt werden, gibt es die nächste Runde auch hier­zu­lande schon bald wieder, beim Pokal­fi­nale in Berlin.