Sechsmal deut­scher Meister, dreimal Pokal­sieger, immer erste Liga: HSV!“ Nicht nur einmal schmet­terten die Ham­burger Anhänger beim Rele­ga­ti­ons­spiel ihren Klas­siker. Es ist aller­dings gut mög­lich, dass dieser Chorus am Don­nerstag das letzte Mal im Volks­park­sta­dion zu hören war. Der HSV schlit­tert in Rich­tung zweite Liga. Beim 0:0 zeigten die Ham­burger eine bie­dere Vor­stel­lung – in spie­le­ri­scher, vor allem aber in tak­ti­scher Hin­sicht.

Tris­tesse und Lan­ge­weile

Mirko Slomka schickte sein Team in einem 4 – 4‑1 – 1‑System aufs Feld. Der HSV traf zunächst auf eine sehr defensiv ein­ge­stellte Für­ther Mann­schaft. Das Team von Frank Kramer agierte eben­falls in einem 4−4−1−1, wobei die Vie­rer­kette in der Defen­sive oft zu einer Sech­ser­kette wurde. Die Außen­stürmer ver­folgten die Ham­burger Außen­ver­tei­diger, ließen sich in die eigene Abwehr­kette fallen und neu­tra­li­sierten damit deren Vor­stöße.

Die Ham­burger fanden gegen diese tak­ti­sche Vari­ante lange Zeit kein Gegen­mittel. Ihr Spiel ist stark auf die Vor­stöße der Außen­ver­tei­diger aus­ge­richtet. Die Angreifer hielten hin­gegen alle­samt ihre Posi­tionen, nur selten kam der HSV zu fla­chen Kom­bi­na­tionen. Einzig Angreifer Pierre-Michel Las­soga ließ sich oft auf die Flügel fallen, um das Kom­bi­na­ti­ons­spiel anzu­kur­beln. Damit half er seinem Team aber nur bedingt: Er verlor viele Bälle und fehlte zudem als Fix­punkt im Sturm­zen­trum.

Der Für­ther Plan ging hin­gegen ganz auf. Sie kon­zen­trierten sich zunächst auf ihre Defen­sive, vor allem die Außen­spieler hielten sich stark zurück. Nach und nach wagten sie mehr Risiko und fuhren schnel­lere Angriffe. Beson­ders nach der Pause kamen sie zu einigen Chancen, auch weil der HSV jetzt ris­kanter nach vorne spielte. Die Ham­burger Außen­ver­tei­diger und ein Sechser rückten auf, sodass Fürth Konter über die Flügel und die Halb­räume fahren konnte.

Was kann Slomka besser machen?

Die beste Nach­richt für Slomka: Sein Team stand defensiv wei­test­ge­hend sat­tel­fest und ließ kein Gegentor zu. Die schlechte Nach­richt: Aus dem Spiel heraus sind die Ham­burger harmlos. Gegen Fürth hielten die Spieler ihre Posi­tionen starr, Über­zahlen oder schnelle Kom­bi­na­tionen durch die Mitte sah man von ihnen prak­tisch nie. Slomkas Ana­lyse nach dem Spiel, sein Team habe zu wenig Stan­dard­si­tua­tionen her­aus­ge­holt“, ver­deut­licht ganz das Dilemma der Ham­burger: Aus dem Spiel heraus geht nichts, ruhende Bälle sind die ein­zige Mög­lich­keit, Tore zu erzielen.

Slomka könnte im Rück­spiel höchs­tens ver­su­chen, die Außen­ver­tei­diger weiter ein­rü­cken zu lassen, um diese von ihren Gegen­spie­lern zu befreien. Even­tuell könnte er auch Calha­noglu mehr Ver­ant­wor­tung über­tragen. Der Jung­star hatte einige starken Szenen und war einer der wenigen Ham­burger, die ihre Posi­tion auch mal ver­ließen und für Über­zahl sorgte.

Nur: Eine spie­le­ri­sche Revo­lu­tion ist vom HSV inner­halb von vier Tagen nicht zu erwarten. Es ist daher gar nicht unwahr­schein­lich, dass die Ham­burger im Rück­spiel eine (noch) defen­si­vere Taktik wählen. Aller­dings zeigte Fürth bereits im Hin­spiel, dass sie einen starken Spiel­aufbau beherr­schen, wenn sie sich nicht gerade voll­ends auf die Ver­tei­di­gung ver­steifen. Ste­phan Fürstner war der Ruhepol im Mit­tel­feld und bewegte sich intel­li­gent in die Lücken vor sich, wäh­rend Tim Sparv nach hinten abkippte. Slomka könnte jedoch in den kom­menden Tagen das Her­aus­schießen der Sechser im Pres­sing opti­mieren, was Fürth bereits im Hin­spiel zu einigen langen Bällen zwang.

Findet Kramer die rich­tige Balance?

Den Für­thern dürfte das 0:0 hin­gegen Rücken­wind geben. Eigent­lich war ihre Leis­tung im Hin­spiel defensiv wie offensiv Erst­li­ga­reif – wäre da nicht der berühmt-berüch­tigte letzte Pass gewesen. Nikola Dju­rdic war als Zehner sehr prä­sent, agierte aber in machen Situa­tionen zu ver­spielt. Even­tuell bas­telt Kramer seine Offen­sive etwas um und bringt mit Füll­krug oder Wei­landt direk­tere Spie­ler­typen. Auch auf den Außen­po­si­tionen wählte Kramer im Hin­spiel die defen­sivste Vari­ante. Dass Fürth auch offen­siver kann, bewiesen sie in der abge­lau­fenen Saison.

Mut dürften die Für­ther aus Slomkas Aus­wärts­bi­lanz ziehen. Seit über einem Jahr hat er auf fremden Plätzen nicht gewinnen können. Aller­dings: Seinen letzten Aus­wärts­sieg fei­erte er in Fürth.