Seite 2: „Uwe’s granddad bombed Old Trafford“

Dass Rösler ein Deut­scher war, ein old enemy“, inter­es­sierte in Man­chester nie­manden. Ent­schei­dend is‘ aufm Platz – vor allem in Nord­eng­land. Die Fans emp­fingen Uwe Rösler mit offenen Armen. Sie eta­blierten die Melodie des damals aktu­ellen Pet-Shop-Boys-Hits Go West“ mit seinem Namen („Ooo-veyh! Ooo-veyh Ross-eler!“), und sie zollten ihm mit dem T‑S­hirt-Slogan Uwe’s granddad bombed Old Traf­ford“ Tribut. Die deut­sche Presse druckte den Satz voller Empö­rung. 

Dabei hatte der Spruch, so derbe er auch war, eine his­to­ri­sche Bewandtnis: 1941 wurde Old Traf­ford von deut­schen Bomben zer­stört, wes­halb Man­chester United in den vier­ziger Jahren seine Spiele an der Maine Road aus­tragen musste. Um den Fans zu zeigen, dass er ihre Ehrer­wei­sung ver­standen hatte, kaufte auch Uwe Rösler ein Shirt – für seinen Groß­vater. Vom ersten Tag umspülte mich eine Wärme; der Prä­si­dent stellte mich seinem Sohn vor, und das Team nahm mich in seine Mitte“, sagt Rösler. Dabei muss es anfangs ster­bens­lang­weilig für sie gewesen sein. Ich sprach ja kaum eng­lisch.“

Uwe Rösler mit Gui­ness, Eike Immel mit O‑Saft 

Doch Rösler war lern­willig, er saugte die eng­li­sche Kultur auf, paukte Voka­beln und drehte mit dem Goethe-Institut den Lehr­film Kickoff with Uwe“. Hier sieht man Uwe im Pub mit einem Guin­ness (Eike Immel, der eben­falls für City spielte, trank einen O‑Saft), Uwe beim Auto­gram­me­s­chreiben, Uwe beim Ver­zehr eines eng­li­schen Früh­stücks. Doch vor allem: Uwe im Moment des Jubels. Denn kaum etwas schien sein See­len­leben besser wider­zu­spie­geln als die Freude nach einem Tor. Bei Rös­lers Tor­jubel fiel alles ab, er war unbändig und ener­gie­ge­laden. Die Fans ver­standen ihn als Bekenntnis zum Klub, als Zei­chen seiner Ver­bun­den­heit zur Stadt. 

Weil Rösler das beste Bei­spiel des hard working man“ war, und weil er bewiesen hatte, dass Eng­länder und Deut­sche nicht so ver­schieden waren, wie sie die Sun“ oder die Bild“ gerne zeich­neten, begann sich der Verein nach Deutsch­land zu öffnen. Michael Front­zeck, Eike Immel oder Steffen Karl, die in den nächsten Monaten und Jahren zu Man­chester City kamen, konnten die Umstel­lung von der Bun­des­liga zur Pre­mier League aller­dings weniger gut meis­tern. Das schnelle Kick-and-rush, die Sim­pli­zität des Spiels, auch die Schlicht­heit der Arbei­ter­stadt – für Rös­lers Nach­folger schien nicht nur der Fuß­ball auf der Insel unver­stehbar, son­dern auch die Kultur der Stadt.

Rote-Kreuz-Samm­lung“: Immel beklagte sich über die Kla­motten

Immel sagt heute zwar, dass Man­chester eine der schönsten Erfah­rungen über­haupt“ gewesen sei, doch kurz nach seiner Ankunft, im Sommer 1996, krit­telte er noch an der Rück­stän­dig­keit des Klubs herum. Alles sei zweck­mäßig“ und die Trai­nings­kla­motten würden von deut­schen Profis bei einer Rot-Kreuz-Samm­lung abge­geben werden“. Bert Traut­mann traf den deut­schen Tor­wart ein Mal: Immel fuhr im Mer­cedes in seinen prunk­vollen Palast ein, ich dachte nur: Jesses Maria, die Zeiten haben sich wahr­lich geän­dert.“ Im Gegen­satz zu Rösler hatte Immels Kar­riere nicht in den grauen Beton­sta­dien der DDR begonnen, der Tor­wart hatte in der Bun­des­liga über 500 Spiele bestritten, in der schwä­bi­schen Vor­zei­ge­stadt Stutt­gart gelebt, wo der polierte Stern der Mer­cedes-Benz-Fas­sade das opu­lente Neckar­sta­dion spie­gelt. Und dann die Moss Side. Harte Kon­traste.