Gleich wird die Maine Road explo­dieren.

70 Minuten sind im Man­chester-Derby gespielt und City liegt mit 1:2 hinten. Uwe Rösler, der schon im letzten Spiel gegen die Bolton Wan­de­rers nur auf der Bank saß, macht sich für seine Ein­wechs­lung bereit. Ein Raunen legt sich über das Sta­dion: Oooo-veyh!“ Rösler sprintet sofort los, er will hinein ins Geschehen, will beweisen, dass es ein Fehler von Alan Ball war, ihn in diesem Spiel draußen zu lassen. Oooo-veyh!“ Wenige Sekunden später hat Rösler seine erste Ball­be­rüh­rung, Tempo auf links, Oooo-veyh!“, am Sech­zehner ein kurzer Blick und dann der ange­drehte Flach­schuss mit rechts ins lange Eck – 2:2. Wenn das Bild stehen würde, es sähe aus, als platze ein rie­siger hell­blauer Ballon hinter Peter Schmei­chels Tor. Doch das Bild fla­ckert: Uwe Rösler, der Stürmer, Ästhet des Jubelns, drückt seinen Finger immer wieder auf den Namen über seiner Tri­kot­nummer 28: Rosler. Direkt vor ihm Alan Ball, der unbe­liebte Trainer. Wenn­gleich sein Spieler getroffen hat, tau­melt er nun wie ein Boxer in der letzten Runde.

Uwe Rösler: Ein Treter, der das Tor nicht trifft?

Die Moss Side, der eins­tige Arbei­ter­be­zirk drei Kilo­meter süd­lich des Stadt­kerns von Man­chester, war eigent­lich nie ein Ort für Magie. In den neun­ziger Jahren lebten hier über 50 Pro­zent Migranten, das Waffen- und Dro­gen­ge­schäft flo­rierte, das Viertel ist bis heute eines der ärmsten des Landes. Den­noch hatte das harte Pflaster für den ehe­ma­ligen DDR-Natio­nal­spieler Uwe Rösler von Beginn an etwas Beson­deres. Der soziale Raum war klar defi­niert und ver­stellte sich nicht durch seine Fas­saden. Alleine der Weg zum Sta­dion, vorbei an den immer­glei­chen Häu­sern, durch die ris­sigen Straßen, und dann die letzten Meter gemeinsam mit den Fans, die ihm auf die Schulter klopften, wäh­rend er in der Kabine ver­schwand und sie den Weg zur Kurve ein­schlugen. Viele meiner Freunde sagten später: Mensch, Uwe, hier sieht ja ein Haus aus wie das andere.‘ Und sie hatten recht, Moss Side war keine Luxus­ge­gend, doch ich war durch die Jahre in der DDR nichts anderes gewöhnt, ich mochte diesen Arbei­ter­charme“, sagt Rösler heute.

Als Uwe Rösler seinen Ver­trag an der Maine Road unter­schrieb, nahm kaum jemand Notiz davon. Im März 1994 war er im euro­päi­schen Fuß­ball ein Nobody – ein Ver­lierer der Wen­de­jahre. Nach drei guten Spiel­zeiten in Mag­de­burg hatte sich die Bun­des­liga für ihn als Schein­idyll ent­puppt: Sie glänzte nach Außen, doch sie wirkte mit ihrer Cli­quen­wirt­schaft im Inneren wie der kon­krete Gegen­ent­wurf zum DDR-Fuß­ball, wo das Kol­lektiv zählte. Sinn­bild­lich für diese Zeit stehen die Zahlen aus seinem Jahr beim 1. FC Nürn­berg: 22 Spiele, zwei Platz­ver­weise, null Tore. Und dann split­terte ihm noch ein Kno­chen ab. Der ehe­ma­lige Top­stürmer war unten ange­kommen – ver­letzt, ver­einslos, und, was noch schlimmer war, ihm eilte der Ruf voraus, ein Treter zu sein, der das Tor nicht trifft.

Eng­lands Anzie­hungs­kraft

Der Anruf seines Bera­ters kam uner­wartet. Ein Verein aus Eng­land inter­es­siere sich für ihn, Man­chester City. Früher, noch zu DDR-Zeiten, hatte Rösler gele­gent­lich eng­li­schen Fuß­ball im West­fern­sehen geschaut. Freunde hatten ihm einmal eine Kas­sette mit eng­li­schen Fan­ge­sängen, Chants, geschenkt. Den­noch waren seine Erin­ne­rungen bruch­stück­haft: Eng­land, Mut­ter­land des Fuß­balls, dort, wo die ehr­liche Grät­sche mehr zählt als der dop­pelte Über­steiger, der blu­tende Kopf von Terry But­cher, grei­sen­hafte Gesichter von nie auf­ste­ckenden Spiel­zer­stö­rern wie Nobby Stiles, geniale Pässe von ver­rückten Offen­siv­spie­lern wie George Best. Eng­land, das war mit Bil­dern auf­ge­laden und doch auf­re­gendes Neu­land. Seit Bert Traut­mann, der bis in die sech­ziger Jahre 545 Spiele für City bestritten hatte, waren nur zwei Deut­sche nach Eng­land gegangen: Mat­thias Breit­kreutz und Stefan Bein­lich wech­selten 1991 zu Aston Villa.

Bein­lichs Berater Jörg Neu­bauer war damals erstaunt über das auf­kei­mende Inter­esse der eng­li­schen Klubs an deut­schen Spie­lern: Noch in den Acht­zi­gern inter­es­sierte sich die eng­li­sche Liga nur für sich. Und anders­herum war die Liga für Spieler vom euro­päi­schen Fest­land nicht attraktiv.“ Eng­lands Fuß­ball der Acht­ziger war rau, aber nicht auf eine char­mante Art, der Fuß­ball war abwei­send: Es fehlte Geld an allen Ecken, die Sta­dien waren bau­fällig, 1989 ereig­nete sich die Hills­bo­rough-Kata­strophe, zudem erlebte der Hoo­li­ga­nismus seine Blüte. Noch in der Saison 1992/93 waren in der Pre­mier League nur elf nicht­bri­ti­sche Spieler aktiv. Erst nach 1993, als Rupert Mur­doch die eng­li­sche Fern­seh­land­schaft umkrem­pelte, gewann die Pre­mier League an Anzie­hungs­kraft.

Ein Ein­stand wie gemalt

Die erste Woche lief für Rösler wie gemalt: Am Sonntag lan­dete er in Man­chester, am Montag trai­nierte er erst­mals mit der Mann­schaft, und am Abend machte Rösler für Citys Reser­ve­team zwei Tore gegen Burnley. Zwei Tage später unter­schrieb er einen Leih­ver­trag bis zum Ende der Saison. In den ver­blei­benden zwölf Liga­spielen traf Rösler fünf, in der kom­menden Saison in 36 Spielen 22 Mal, am letzten Spieltag 1993/94 ver­hin­derte er mit seinem Aus­gleichstor gegen Shef­field den Abstieg, und im Januar 1995 zer­legte er Notts County mit vier Toren im Allein­gang. Uwe Rösler war schnell ange­kommen in Man­chester.

Dass Rösler ein Deut­scher war, ein old enemy“, inter­es­sierte in Man­chester nie­manden. Ent­schei­dend is‘ aufm Platz – vor allem in Nord­eng­land. Die Fans emp­fingen Uwe Rösler mit offenen Armen. Sie eta­blierten die Melodie des damals aktu­ellen Pet-Shop-Boys-Hits Go West“ mit seinem Namen („Ooo-veyh! Ooo-veyh Ross-eler!“), und sie zollten ihm mit dem T‑S­hirt-Slogan Uwe’s granddad bombed Old Traf­ford“ Tribut. Die deut­sche Presse druckte den Satz voller Empö­rung. 

Dabei hatte der Spruch, so derbe er auch war, eine his­to­ri­sche Bewandtnis: 1941 wurde Old Traf­ford von deut­schen Bomben zer­stört, wes­halb Man­chester United in den vier­ziger Jahren seine Spiele an der Maine Road aus­tragen musste. Um den Fans zu zeigen, dass er ihre Ehrer­wei­sung ver­standen hatte, kaufte auch Uwe Rösler ein Shirt – für seinen Groß­vater. Vom ersten Tag umspülte mich eine Wärme; der Prä­si­dent stellte mich seinem Sohn vor, und das Team nahm mich in seine Mitte“, sagt Rösler. Dabei muss es anfangs ster­bens­lang­weilig für sie gewesen sein. Ich sprach ja kaum eng­lisch.“

Uwe Rösler mit Gui­ness, Eike Immel mit O‑Saft 

Doch Rösler war lern­willig, er saugte die eng­li­sche Kultur auf, paukte Voka­beln und drehte mit dem Goethe-Institut den Lehr­film Kickoff with Uwe“. Hier sieht man Uwe im Pub mit einem Guin­ness (Eike Immel, der eben­falls für City spielte, trank einen O‑Saft), Uwe beim Auto­gram­me­s­chreiben, Uwe beim Ver­zehr eines eng­li­schen Früh­stücks. Doch vor allem: Uwe im Moment des Jubels. Denn kaum etwas schien sein See­len­leben besser wider­zu­spie­geln als die Freude nach einem Tor. Bei Rös­lers Tor­jubel fiel alles ab, er war unbändig und ener­gie­ge­laden. Die Fans ver­standen ihn als Bekenntnis zum Klub, als Zei­chen seiner Ver­bun­den­heit zur Stadt. 

Weil Rösler das beste Bei­spiel des hard working man“ war, und weil er bewiesen hatte, dass Eng­länder und Deut­sche nicht so ver­schieden waren, wie sie die Sun“ oder die Bild“ gerne zeich­neten, begann sich der Verein nach Deutsch­land zu öffnen. Michael Front­zeck, Eike Immel oder Steffen Karl, die in den nächsten Monaten und Jahren zu Man­chester City kamen, konnten die Umstel­lung von der Bun­des­liga zur Pre­mier League aller­dings weniger gut meis­tern. Das schnelle Kick-and-rush, die Sim­pli­zität des Spiels, auch die Schlicht­heit der Arbei­ter­stadt – für Rös­lers Nach­folger schien nicht nur der Fuß­ball auf der Insel unver­stehbar, son­dern auch die Kultur der Stadt.

Rote-Kreuz-Samm­lung“: Immel beklagte sich über die Kla­motten

Immel sagt heute zwar, dass Man­chester eine der schönsten Erfah­rungen über­haupt“ gewesen sei, doch kurz nach seiner Ankunft, im Sommer 1996, krit­telte er noch an der Rück­stän­dig­keit des Klubs herum. Alles sei zweck­mäßig“ und die Trai­nings­kla­motten würden von deut­schen Profis bei einer Rot-Kreuz-Samm­lung abge­geben werden“. Bert Traut­mann traf den deut­schen Tor­wart ein Mal: Immel fuhr im Mer­cedes in seinen prunk­vollen Palast ein, ich dachte nur: Jesses Maria, die Zeiten haben sich wahr­lich geän­dert.“ Im Gegen­satz zu Rösler hatte Immels Kar­riere nicht in den grauen Beton­sta­dien der DDR begonnen, der Tor­wart hatte in der Bun­des­liga über 500 Spiele bestritten, in der schwä­bi­schen Vor­zei­ge­stadt Stutt­gart gelebt, wo der polierte Stern der Mer­cedes-Benz-Fas­sade das opu­lente Neckar­sta­dion spie­gelt. Und dann die Moss Side. Harte Kon­traste.

Der ein­zige Deut­sche, der neben Uwe Rösler heute noch hohes Ansehen bei den City-Fans genießt, ist Mau­rizio Gau­dino. 1995 zer­stritt sich der Frank­furter mit seinem Trainer Jupp Heynckes und flüch­tete nach Eng­land. Was ihm viele nicht zuge­traut hätten: Gau­dino erwies sich als lern­fähig. Ich merkte schnell, dass der Fuß­ball ein ganz anderer ist. Vor allem was die Ein­stel­lung zum Zwei­kampf angeht“, sagt er. 

Fuck off! Get up!“

Dabei prägte ihn ein Erlebnis maß­geb­lich. Es ging gegen Shef­field Wed­nesday, Gau­dino hatte sich den Ball erkämpft und wollte Chris Waddle auf engstem Raum aus­spielen. Da trat ihm dieser gegen die Wade. Nichts Schlimmes, es tat kaum weh“, erin­nert sich Gau­dino. Doch er ließ sich fallen. Gau­dino bekam einen Frei­stoß, Waddle die Gelbe Karte. Doch dann spielten sich gro­teske Szenen ab, seine eigenen Mit­spieler beschimpften ihn: Fuck off! Get up!“ Nach dem Spiel saßen die Mann­schaften wie üblich in der Ver­eins­kneipe zusammen. Gau­dino ging zu Waddle, in den Händen zwei Pints, eines reichte er dem Shef­field-Stürmer: Sorry, man!“ Waddle lachte und sagte: Cheers, pal!“ 

Gau­dino erar­bei­tete sich die Aner­ken­nung der Fans und der Mit­spieler. Ich hatte das Glück, dass Rösler schon da war. Er leis­tete Inte­gra­ti­ons­ar­beit“, sagt Gau­dino. Was mich an Rösler am meisten fas­zi­nierte: Er war stets mit­ten­drin. Als ob er schon Jahr­zehnte für diesen Klub spielte.“ Wie sehr Uwe Rösler wirk­lich an City hing, zeigt eine Szene aus dem Film Kickoff with Uwe“. Nach einem Spiel gegen Aston Villa spricht Rösler erst­mals mit Bert Traut­mann. Es läuft nicht mehr so gut für den Stürmer, eine Form­krise im Herbst 1995. Rösler sitzt ein­fach da, gebannt hört er zu, wie der alte weise Mann spricht. Rösler wirkt in diesem Moment wie ein ner­vöser Schüler neben seinem Lehrer. Sorge dich nicht“, ver­sucht Traut­mann den Stürmer zu beru­higen. Du bist immer noch ein guter Spieler.“ Doch Rösler schaut in diesem Moment genau so: voller Sorge. Er ver­sucht zu lächeln. Es gelingt nicht. 

Der Rest war Staunen

Der weise Mann behielt natür­lich recht, nur zwei Wochen später traf Uwe Rösler gegen Not­tingham Forest. Dann, im April 1996, das Spiel gegen Man­chester United, der Rechts­schuss ins lange Eck. Und der Rest war Staunen. Dass Ryan Giggs sechs Minuten später das 3:2 für United erzielte, war in diesem Spiel fast Neben­sache.