Pforz­heim glänzt, und darauf sind die Ein­wohner mächtig stolz. An einem Don­ners­tag­nach­mittag Ende März steht ein Tou­ris­ten­führer am Bahnhof und erklärt, dass heute noch über 80 Pro­zent des aus Deutsch­land expor­tierten Schmucks aus Pforz­heim kommen. In der Ein­kaufs­pas­sage ver­teilt ein Mann Pro­spekte, in denen man erfährt, dass Pforz­heim den Bei­namen Gold­stadt“ trägt. Und im Restau­rant fragt die Kell­nerin, ob man denn schon eine Uhr gekauft habe.
 
Nein, an Uhren hätte man kein Inter­esse. Man sei wegen Fuß­ball hier.
 
Wegen Fuß­ball?“, fragt die Frau und ihr halbes Gesicht ver­zieht sich zu einem Fra­ge­zei­chen.
 
Aber eigent­lich hat sie ja Recht. Wer großen Fuß­ball in Pforz­heim sucht, ver­kauft ver­mut­lich auch Schnee am Nordkap. Oder er ist auf dem Weg nach Karls­ruhe zu früh aus der Bahn gestiegen. Was gibt es hier schon? Der 1. FC Pforz­heim spielte in den sech­ziger Jahren mal zweit­klassig. Markus Gisdol oder Jürgen Klopp schnürten hier einst ihre Fuß­ball­schuhe. Aber sonst? Der 1. Club für Rasen­spiele Pforz­heim kickt aktuell in der Ober­liga Baden-Würt­tem­berg.
 
Wegen Fuß­ball also?“, wie­der­holt die Dame und wünscht Glück. Wenn man doch noch Inter­esse an einer neuen Uhr habe, wüsste sie ein paar gute Läden.
 
Frei­tag­morgen, Stadt­ar­chiv Pforz­heim. Harald Katz und Gernot Otto emp­fangen in einem kleinen Büro­zimmer unterm Dach. Herr Katz ist Mit­ar­beiter des Archivs, Herr Otto ein ehe­ma­liger Redak­teur des Pforz­heimer Kurier“.
 
Wegen Fuß­ball also?
 
Genau­ge­nommen sind wir hier, weil wir für die neue Aus­gabe von 11FREUNDE (ab heute im Handel) eine Geschichte über den ehe­ma­ligen Bar­ce­lona-Ver­tei­diger Emil Walter aus Pforz­heim recher­chieren.
 
Herr Katz breitet Bilder auf seinem Schreib­tisch aus, Otto hat alte Zei­tungs­aus­schnitte mit­ge­bracht, Nach­rufe, Spiel­be­richte, bio­gra­phi­sche Notizen, Flyer einer Aus­stel­lung. Emil Walter war ein Kauf­mann, der Anfang der zwan­ziger Jahre nach Spa­nien aus­wan­derte und über 600 Spiele für Barca machte. In der deut­schen Fuß­ball­ge­schichts­schrei­bung ist er trotzdem nahezu ver­gessen. Selbst in Pforz­heim kennt ihn kaum jemand.

Coskun Tas war nicht der erste Türke im deut­schen Fuß­ball
 
Seltsam“, findet das auch Herr Otto. Der Pforz­heimer sei ja an sich nicht bescheiden, Schmuck, Uhren, die pit­to­reske Alt­stadt. Das ist ja alles schön und vor­zeigbar.
 
Liegt es dann daran, dass Pforz­heim keine Fuß­ball­stadt ist?
 
Viel­leicht“, sagt Herr Otto. Aller­dings findet man auch hier aller­hand tolle Fuß­ball­ge­schichten, wenn man nur ein biss­chen tiefer gräbt. Die Geschichten der Natio­nal­spieler Arthur Hiller oder Marius Hiller. Herr Otto hat über diese und andere Pforz­heimer Legenden wun­der­bare Texte geschrieben. Und wussten Sie, dass der erste tür­ki­sche Fuß­baller in Deutsch­land Mitte der Zwan­ziger auch in Pforz­heim spielte?“, fragt Herr Otto.
 
Er legt ein wei­teres Bild auf den Tisch. Es zeigt einen Mann Mitte 20 im Fuß­ball­trikot. Wache Augen, sanfter Blick. Der Schnür­kragen ist nach oben geklappt, die dunklen Haare mit Pomade nach hinten gekämmt. Das“, sagt Herr Otto und klopft aufs Bild. Das ist Bekir Refet.“
 
Wenn in der Presse über die ersten Türken im deut­schen Fuß­ball berichtet wird, geht es meis­tens um Spieler wie Coskun Tas oder Özcan Arkoc. Tas wech­selte 1959 von Bes­iktas zum 1. FC Köln und been­dete 1962 seine Kar­riere beim Bonner FV. Arkoc war von 1967 bis 1975 beim HSV aktiv, in der Saison 1977/78 war er Trainer der Ham­burger. Aber Bekir Refet?