Seite 3: „Woanders is auch scheiße!“

Dabei soll hier nicht der Ein­druck einer mie­se­pe­trigen Fan­szene ent­stehen. Denn in der Ost­kurve ist durchaus Platz für Selbst­ironie im Sinne jenes wun­der­baren Satzes von Frank Goosen, der im Ruhr­ge­biet auf T‑Shirts gedruckt wird: Woan­ders is auch scheiße!“ Der Schrift­steller Goosen war einige Jahre lang im Auf­sichtsrat des VfL. Der Foto­graf und Fil­me­ma­cher Gerrit Star­c­zewski pflegt dazu das Bild der Ost­kurve als Wun­der­land der Pot­to­ri­gi­nale“ und hat da mit dem VfL-Jesus oder dem Tank­wart a. D. schräge Typen vor­zu­weisen. Über­haupt gibt es beim VfL Bochum viel Eigen­sinn, man könnte zudem sagen, dass die Ost­kurve ten­den­ziell anti­au­to­ritär ist.

Fans aller Cou­leur

Jeden­falls ist sie alles andere als straff orga­ni­siert, Fans und Fan­klubs unter­schied­lichster Hin­ter­gründe stehen hier zusammen, ohne dass irgendwer den Ton angibt. Ein Teil von ihnen ist schon vor langer Zeit in den legen­dären Block A auf der Gegen­tri­büne umge­zogen und sorgt von dort für Stim­mung, wenn es nötig ist. Dafür schweigen der­zeit die rund 150 Bochumer Ultras. Es gibt zwei Gruppen – Ultras Bochum und Mel­ting Pott – letz­tere sind eine Abspal­tung. Es ging bei diesem Schisma um die Frage, wie man sein Ultra-Leben lebt. Einig sind sich beide Gruppen aber in ihrem Schweigen. Im Oktober 2017 wurde auf der Jah­res­haupt­ver­samm­lung des Klubs beschlossen, die Fuß­ball­ab­tei­lung aus­zu­glie­dern, um Min­der­heits­be­tei­li­gungen von Inves­toren zu erlauben. Danach ver­ließen die Ultras unter Pro­test die Ost­kurve und stehen inzwi­schen still mah­nend auf der Haupt­tri­büne. Rück­kehr ist noch offen.

Dafür pflegen sie eine Fan­freund­schaft weiter, die zu den ältesten in Deutsch­land gehört – mit dem FC Bayern. Der Legende nach schützten Bayern-Fans 1972 eine Gruppe von Bochu­mern, als sie bei einem Aus­wärts­spiel in Mün­chen von Fans des TSV 1860 atta­ckiert wurden. Man besuchte sich anschlie­ßend bis in die neun­ziger Jahre gegen­seitig, dann flaute die Sache ab oder wurde zur Pri­vat­an­ge­le­gen­heit. Heute flo­riert die Freund­schaft zwi­schen den Ultras Bochum und der Schi­ckeria Mün­chen wieder. Dazu­ge­kommen ist eine kleine, aber lie­be­voll gepflegte Freund­schaft zwi­schen Bochumer Fans und denen von Lei­cester City. Bis zur mär­chen­haften Meis­ter­schaft 2016 passte sie auch des­halb, weil Lei­cester eben­falls ein Klub war, der zwar viele Jahre erst­klassig spielte, aber nie was gewann.

Wann steigt der VfL wieder auf?

Wenn man sagt, dass es in der Ost­kurve eher weniger auto­ritär zugeht, bedeutet das auch: Für offen rechte Fan­gruppen ist dort kein Platz. Zu Zeiten von HoGeSa, der rechts­ra­di­kalen Bewe­gung Hoo­li­gans gegen Sala­fisten“, sah das 2014 zwi­schen­durch mal anders aus, denn die Bri­gade Bochum“ mischte dort sehr aktiv mit. Doch dann wurde die Gruppe per Banner über die ganze Kurve ange­zählt („Gegen Stumpf­sinn im Namen des Fuß­balls“), später kam es zu einer hand­festen Aus­ein­an­der­set­zung in der Ost­kurve. Seither spielt die Bri­gade Bochum keine sicht­bare Rolle mehr.

Ins­ge­samt gilt: Die Lage ist mit­unter besser als die Stim­mung, was vor allem an diesem blöden Bun­des­liga-Phan­tom­schmerz liegt. Inzwi­schen sagen sogar Schalker und Dort­munder öfter, dass wir end­lich mal wieder auf­steigen sollten“, erzählt der Fan­be­auf­tragte Mich­a­lowski. Ver­mut­lich halten sie es ein­fach für char­manter, sich vom kleinen Nach­barn die Meis­ter­schaft ver­mas­seln zu lassen.