Seite 4: „Ein Sieg für die Demokratie“

Auf der Zuhörerem­pore denkt Barry Devon­side unter­dessen zurück an jenen son­nigen Samstag im April 1989. Wie er mit seinem Sohn Chris­to­pher ins Auto sprang und nach Shef­field fuhr. An die kar­ne­val­eske Stim­mung in den Straßen. Und an Chris­to­phers Lachen, als er ihm erlaubte, in die Lep­pings Lane zu gehen. Steve Kelly fällt wieder ein, wie er sich einmal mit seinem Bruder Michael wegen eines Pos­ters von Alan Hansen stritt, der Ver­tei­di­ger­le­gende vom FC Liver­pool – Steve, der Everton-Fan, hatte es ver­steckt. Wie sie des­wegen tage­lang nicht mit­ein­ander spra­chen und beide dar­unter litten. Und wie sie sich ver­söhnten, als er es ihm wieder zurückgab.

Auch wenn die Wahr­heit nach der heu­tigen Debatte ans Licht kommen sollte – für Barry Devon­side und Steve Kelly wäre es kein Tag der Freude. Sie würden ihre Lieben noch einmal in den Tod begleiten – und im Zweifel erfahren, dass sie noch leben könnten, wenn ihnen geholfen worden wäre. Man­cher Kampf kennt keine Gewinner.

Fünf­zehn Minuten noch. Ein letztes Mal hat Steve Rotheram seinem Pres­se­spre­cher Gavin Cal­laghan die Rede vor­ge­tragen, nun richtet er die Kra­watte und die kleine Flamme am Revers, dann tritt er hinaus in den Saal. Die grünen Bänke, das dunkle Holz. Hier hielt Win­ston Chur­chill am 13. April 1940 seine Blut, Schweiß und Tränen“-Ansprache. Um Punkt 17 Uhr ruft der Vor­sit­zende des Unter­hauses den Abge­ord­neten Rotheram, den gelernten Maurer und gebo­renen Reds-Fan, ans Red­ner­pult. 

Rotheram bedankt sich zunächst bei den 140 000 Unter­zeich­nern der Online-Peti­tion. Dies ist ein Sieg für die Demo­kratie“, sagt er, seine Lippen zit­tern wie die Blätter in seiner Hand. Aber wird es auch ein Sieg für die Fami­lien sein? Oder wird man sie ein wei­teres Mal im Stich lassen?“ Dann wird seine Stimme fester, er ruft: Denen, die glauben, dass diese Debatte so ergeb­nislos enden wird wie alles andere zuvor, ent­gegne ich: Sie werden diesen Fall nicht mehr los, bis wir end­lich die Wahr­heit kennen!“

Die beste Rede, die das Unter­haus seit Genera­tionen gesehen hat

Was dann folgt, werden nicht wenige Jour­na­listen als die beste Rede bezeichnen, die seit Genera­tionen im Unter­haus gehalten worden ist. Im Laufe meines Berufs­le­bens bin ich, was Politik anbe­langt, zynisch geworden“, schreibt Par­la­ments­kor­re­spon­dent Andrew Sparrow auf der Inter­net­seite des Guar­dian“. Aber heute war ich stolz, dabei zu sein.“ In klaren Sätzen, gemessen und wür­de­voll, ergrei­fend, aber sach­lich, führt Rotheram seinen Zuhö­rern die über­wäl­ti­gende Tragik jenes 15. April 1989 vor Augen. Und auch wenn er von ein­zelnen Schick­salen erzählt, etwa dem des kleinen Jon-Paul Gil­hooley, so wird doch eines deut­lich: Hills­bo­rough betrifft alle, weil es alle hätte treffen können.

Rotheram pran­gert das Ver­sagen der Sicher­heits­kräfte an und rühmt den Hel­denmut der Über­le­benden, die, selbst schwer ver­letzt, halfen, wo kein anderer helfen wollte. Er ver­dammt die Ver­leum­dungs­kam­pagne der Sun“ als schänd­lich“ und for­dert von der Redak­tion die Schlag­zeile Wir haben gelogen“ ein. Dann ersucht er Pre­mier­mi­nister David Cameron, für das Fehl­ver­halten seiner Vor­gänger um Ver­zei­hung zu bitten, so wie er es unlängst für den Bloody Sunday“ getan habe, die Tötung von 13 nord­iri­schen Demons­tranten durch bri­ti­sche Sol­daten im Jahre 1972.
Rotheram ist nun im Begriff, ein Cham­pion zu werden. Aber das ist ihm gleich­gültig. Er kämpft mit den Tränen. 96!“, ruft er bebend. Diese Zahl sagt sich allzu leicht. Erst wenn man jeden Namen liest, wird einem klar, wie viele Men­schen ihr Leben in Hills­bo­rough ver­loren haben.“ Schließ­lich trägt er sie vor, die 96 Namen. Alpha­be­tisch, von John Anderson bis Graham Wright. 96 Namen, die für 96 aus­ge­löschte Leben stehen und für 96 zer­störte Fami­lien.

Gra­bes­stille umfängt das Unter­haus wäh­rend dieses Nekro­logs. Ein ums andere Mal hält Rotheram inne, weil ihm die Stimme weg­bricht. Auf der Empore werden Barry Devon­side und Steve Kelly von einem epo­chalen Schmerz geschüt­telt, der erst jetzt, nach 22 Jahren, so aus­bre­chen kann, klar, heiß, end­gültig. Rest in Peace“, sagt Rotheram stimmlos. Jus­tice for the 96.“ Dann geht er zurück zu seinem Platz und sieht, dass etliche Abge­ord­nete weinen. Er rea­li­siert, was seine Rede aus­ge­löst hat, und setzt sich, still, wie zum Gebet. 
Nach ihm tritt The­resa May ans Pult, die Innen­mi­nis­terin, auch sie ist sicht­lich bewegt. Es ist an ihr, das aus­zu­spre­chen, was längst gewiss ist, gewiss sein muss. Ich werde keine Worte finden, die den Ver­lust all dieser Leben wie­der­gut­ma­chen“, sagt sie – und dann: Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um die Wahr­heit ans Licht zu bringen. Alle Doku­mente werden geöffnet, kein ein­ziges wird zurück­ge­halten, kein Stein bleibt auf dem anderen.“

Ein Dut­zend wei­terer Reden wird im Laufe des Abends gehalten, auch von den Abge­ord­neten aus Not­tingham und Shef­field. Die junge Alison McGo­vern aus Wirral bei Liver­pool spricht eine Vier­tel­stunde unter Tränen. Dies ist keine Debatte mehr, es ist eine Toten­messe für die 96. Um 20.30 Uhr ruft der Spre­cher des Unter­hauses die Volks­ver­treter zur offenen Abstim­mung auf: Sollen die Hills­bo­rough-Akten frei­ge­geben werden? Es gibt keine Gegen­stimme.

Doch wie schwer es sein wird, die Mit­schuld der Politik bis in den letzten Winkel aus­zu­leuchten, deutet ein Kom­mentar von Pre­mier­mi­nister Cameron am Tag danach an: Die Hin­ter­blie­benen erin­nern mich an einen blinden Mann, der in einem dunklen Zimmer eine schwarze Katze sucht, die gar nicht da ist.“ 
Bis zu einem Jahr kann es dauern, bis die unab­hän­gige Kom­mis­sion alle Doku­mente gesichtet und auf­be­reitet hat. Nach dann 23 Jahren werden die Hin­ter­blie­benen erfahren, warum ihre Ange­hö­rigen gestorben sind. Ob sie noch leben könnten. Und, wenn man sie lässt, welche Schuld der Staat trägt. Die Wahr­heit.
In einem Kor­ridor des Unter­hauses hat Sheila Coleman von der Hills­bo­rough Jus­tice Cam­paign“ einen Umtrunk vor­be­reitet. Ein tap­ferer Ver­such zu feiern, was nicht zu feiern ist. Ein Fern­seh­team ist gekommen und sucht nach Steve Rotheram. Nie­mand weiß, wo er ist. Steve Kelly hält sich an einem Glas fest, er starrt auf die Fliesen zu seinen Füßen. Und Barry Devon­side geht, ohne sich umzu­drehen, hinaus in die Nacht. Er braucht Luft.