Seite 3: Die Wahrheit ist das 97. Opfer

Ein­satz­leiter David Ducken­field, der die Fans in den über­füllten Block hatte leiten lassen, soll in seiner Kom­man­do­zen­trale vor dem Über­wa­chungs­bild­schirm gestanden haben, als hätte man ihn in seiner Uni­form ein­ge­mauert. Es war sein erster Ein­satz bei einem der­ar­tigen Groß­ereignis, er mag über­for­dert gewesen sein, aber das erklärt nicht alles. Über sein gespens­ti­sches Phlegma legt sich der Ver­dacht, dass er gar nicht helfen wollte. Ducken­field ver­hin­derte zunächst sogar, dass Sani­täter ins Sta­dion gelangen konnten. Wäh­rend draußen die Kran­ken­wagen vor einer Absper­rung im Stau standen, rissen drinnen Fans Wer­be­banden aus der Ver­an­ke­rung, um sie als Trage zu benutzen. Oder, wenn es zu spät war, als Bahre. Ver­ein­zelte Poli­zisten fühlten wäh­rend­dessen mit dicken Leder­hand­schuhen an den Fin­gern den Puls der Leb­losen und erklärten auch die für tot, denen noch hätte geholfen werden können. Eine has­tige Inventur des Todes.

Sollten die Hills­bo­rough-Akten nun geöffnet werden und noch voll­ständig sein, wird belas­tendes Mate­rial zutage treten: ein Sit­ten­ge­mälde der bri­ti­schen Exe­ku­tive, eines Appa­rats auf kon­fron­ta­tivem Kurs gegen das eigene Volk. Es war die Hoch­phase der Arbei­ter­streiks, der IRA und zugleich die Hoch­phase des That­che­rismus mit seinen sozialen Res­sen­ti­ments. Bei aller Ver­herr­li­chung der eng­li­schen Fuß­ball­kultur jener Zeit darf eines nicht ver­gessen werden: Fans galten damals als Staats­feinde, spä­tes­tens seitdem Liver­pool-Anhänger beim Euro­pa­po­kal­fi­nale 1985 im Brüs­seler Heysel-Sta­dion eine Mas­sen­panik ver­ur­sacht hatten, der 39 Zuschauer zum Opfer gefallen waren. Es scheint auf die depri­mie­rendste Weise logisch, dass eine derart kon­di­tio­nierte Polizei blind für das Leiden in Hills­bo­rough war. Sie wollte um jeden Preis einen Platz­sturm ver­hin­dern und begriff nicht, wie hoch dieser Preis sein würde. Oder wollte sie es nicht begreifen?

The Sun“ ist in Liver­pool nicht erwünscht

Vier Tage danach erschien die Sun“ mit dem Auf­ma­cher Die Wahr­heit“. Chef­re­dak­teur Kelvin McKenzie behaup­tete in Beru­fung auf die Polizei von South York­shire: Einige Fans haben die Opfer aus­ge­raubt“, Einige Fans uri­nierten auf die tap­feren Poli­zisten“ und Einige Fans ver­prü­gelten Poli­zisten bei Wie­der­be­le­bungs­ver­su­chen“. That­chers Pres­se­spre­cher Ber­nard Ingham erklärte: Dieser Unfall wäre nicht pas­siert, wenn ein offenbar betrun­kener Mob sich nicht gewaltsam Zutritt ver­schafft hätte.“ Der sinistre Ver­such, von der eigenen Ver­ant­wor­tung abzu­lenken, hatte Erfolg: Bis heute werden in vielen Sta­dien Schmäh­ge­sänge ange­stimmt, die sug­ge­rieren, die 96 hätten sich selbst tot­ge­tram­pelt. Im Krieg, so heißt es, stirbt die Wahr­heit zuerst. In Hills­bo­rough war sie das 97. Opfer. 
Zwar sprach der Taylor-Report, in dem noch 1989 die Ursa­chen der Kata­strophe ana­ly­siert wurden, die Liver­pool-Fans von jeg­li­cher Mit­schuld frei. Viel­mehr gei­ßelte er das Ver­sagen der Ein­satz­kräfte, die Sicher­heits­mängel im Sta­dion – und been­dete so die Ära der fatalen Beton­schüs­seln. Dass heute überall in Eng­land moderne Arenen ohne Steh­platz­sek­tionen stehen, ist eine direkte Folge des Reports. Doch der Tod der 96 blieb unge­sühnt: Ein Straf- und etliche Zivil­rechts­pro­zesse im Laufe der Jahre zogen nie­manden zur Ver­ant­wor­tung, sie endeten alle­samt mit dem Urteil Tod durch Unfall“. Zuvor sollen Zeugen, dar­unter auch Poli­zisten, zu Falsch­aus­sagen gezwungen und Beweise bei­seite geschafft worden sein – mut­maß­lich eine kon­zer­tierte Aktion höchster Poli­zei­funk­tio­näre, bis hinauf ins Innen­mi­nis­te­rium. Ein­satz­leiter Ducken­field könnte, was immer die Hills­bo­rough-Akten offen­baren würden, ohnehin nicht mehr belangt werden. Er wurde zwar wegen Tot­schlags ange­klagt, 2001 aber für nicht ver­hand­lungs­fähig erklärt. Dia­gnose: post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­rung.

Es geht nicht um Rache“, sagt Steve Kelly, der Mann, der seinen Bruder ver­loren hat. Es geht um die Wahr­heit. Michael war kein Hoo­ligan, er trank nie Alkohol, er hätte auch keine Poli­zisten ver­prü­gelt oder die Toten aus­ge­raubt. Er war nur zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort. Ich will eines Tages an sein Grab treten und sagen: ›Die Wahr­heit hat gesiegt.‹“
Noch eine Stunde, bis die Debatte beginnt. Die letzte von 200 000, die der Kampf nun schon andauert. Das Leben ging weiter, jeden Tag“, heißt es in einem Lied der Liver­pooler Band Gerry and the Pace­ma­kers“. Jeden Tag wurden Herzen zer­rissen, und die Fähre über­querte den Mersey.“ Keinen der 96 hat sie je nach Hause gebracht.
Steven Rotheram spürt die Last auf seinen Schul­tern, als er jetzt durch sein Büro läuft, immer wieder seine Rede probt, Pas­sagen streicht und ersetzt. Er kann nie­manden zum Leben erwe­cken, aber er kann heute die Ehre der Toten wie­der­her­stellen.