Seite 2: Rotherhams Ansporn: „Gerechtigkeit für die 96“

Nicht alle Abge­ord­neten sind daran inter­es­siert, dass ihr Volk diese Wahr­heit erfährt. Noch am Morgen des 17. Oktober will der Kon­ser­va­tive Chris­to­pher Chope, einst Staats­se­kretär in That­chers Innen­mi­nis­te­rium, die Abstim­mung absagen lassen – zugunsten einer Debatte über die Diä­ten­er­hö­hung. Erst am Nach­mittag erfährt Steve Rotheram, dass er um 17 Uhr spre­chen kann. Mit seiner Rede will er dem Unter­haus den ent­schei­denden Impuls geben. Wird er genug Kraft auf­bringen? 

Noch zwei Stunden. Rotheram muss vor­sichtig mit dem Kaffee sein, seine Hände zit­tern bereits. Er sitzt erst seit einem knappen Jahr im Unter­haus und ist noch kein Cham­pion – diesen inof­fi­zi­ellen Titel bekommt man erst, wenn man hier eine große Sache durch­ge­boxt hat. Heute kann er einer werden, aber darum geht es ihm nicht. An seinem Revers sitzt die kleine sti­li­sierte Flamme mit der Inschrift Jus­tice for the 96“, Gerech­tig­keit für die 96“. Mit den Namen der Toten wird er, so ist es geplant, seine heu­tige Rede beenden. Und was“, fragt er seinen Pres­se­spre­cher Gavin Cal­laghan, wenn ich weinen muss?“ Cal­laghan ant­wortet: Dann weinst du eben, Steve.“ 

Barry Devon­side hat längst keine Tränen mehr. Sein Gesicht ist eine Maske, hinter dicken Bril­len­glä­sern richten sich die Augen in die Ver­gan­gen­heit, zu seinem Sohn. Barry wusste von vielen Aus­wärts­spielen um die Gefahren der oft über­füllten Steh­tri­bünen. Doch Chris­to­pher flehte ihn an – all seine Kum­pels stünden dort, er wolle bei ihnen sein. In einem schwa­chen Moment“, sagt Barry, habe ich es ihm erlaubt. Ich konnte ihm doch nichts abschlagen.“ Er selbst wählte einen Sitz­platz und sah von dort, wie die töd­liche Dynamik im Block ihren Lauf nahm. An der Halifax Road, wo er sich nach dem Spiel mit Chris­to­pher treffen wollte, war­tete nur dessen bester Freund. Er solle mit dem Schlimmsten rechnen, sagte dieser, bevor er zusam­men­brach. Barry Devon­side sah seinen Sohn nicht lebend wieder. Dabei hatte ich seiner Mutter ver­spro­chen, ich würde auf ihn auf­passen.“ 

So sah er seinen Bruder ein zweites Mal sterben

Ein paar Plätze weiter auf der Zuhörerem­pore sitzt Steve Kelly. Mein Bruder Michael ist in Hills­bo­rough geblieben“, sagt er, als wäre dieses Sta­dion ein Schlacht­feld und alles, was sich dort ereignet hat und danach kam, ein Krieg. Und das war es wohl auch. Eines Tages tauchten Ermittler bei Steve Kelly auf: Er müsse sich ein Über­wa­chungs­video von der Lep­pings Lane ansehen und darauf seinen Bruder iden­ti­fi­zieren, das diene der Auf­klä­rung. Das ver­krafte er nicht, ent­geg­nete Steve. Dann werde man ihn zwingen, mit allen zur Ver­fü­gung ste­henden Mit­teln. So sah er seinen Bruder ein zweites Mal sterben. In Schwarz­weiß. 

Noch andert­halb Stunden, bis die Debatte beginnt. Das Manu­skript in Steve Rotherams Hand ist zer­knit­tert. Warum lag nicht er tot in einem Plas­tik­sack, abge­legt im pro­vi­so­ri­schen Lei­chen­schau­haus, einer kalten Turn­halle in Shef­field? Das hat er sich oft gefragt. Warum die 96 anderen, deren Namen er gleich ver­lesen wird? Wenn ich es von einem ein­fa­chen Maurer zum Abge­ord­neten gebracht habe“, sagt er, was hätten sie dann erst erreicht?“ 

Jon-Paul Gil­hooley etwa. Was wäre aus ihm geworden? Er spielte gern Fuß­ball mit seinem Cousin. Eines Tages selbst für die Reds auf­zu­laufen – das war ihr Traum. Sein Cousin schaffte es. Er ist heute Kapitän des FC Liver­pool, sein Name ist Steven Ger­rard. Jon-Paul Gil­hooley starb in der Lep­pings Lane. Er war gerade zehn Jahre alt. Das jüngste Opfer dieses Krieges.

Ich bete zu Gott, dass mein Junge voll war wie ein Eimer“

Den offi­zi­ellen Erklä­rungen zufolge, die in einer unhei­ligen Allianz von der Polizei von South York­shire lan­ciert und von dem Bou­le­vard­blatt The Sun“ ver­öf­fent­licht wurden, müsste der kleine Jon-Paul betrunken gewesen sein. Die Fans wurden pau­schal zu besin­nungs­losen Van­dalen ver­zerrt, die in ihrem Alko­hol­rausch das töd­liche Gedränge selbst ver­ur­sacht hätten. Noch im Lei­chen­schau­haus von Shef­field fragten die Poli­zisten die Hin­ter­blie­benen, wie viel Bier ihre Söhne, Brüder, Väter, Ehe­männer vor einem sol­chen Spiel denn zu trinken pflegten. Den Ver­stor­benen wurden Blut­proben ent­nommen. Ich bete zu Gott, dass mein Junge voll war wie ein Eimer“, schmet­terte Barry Devon­side den Ermitt­lern ent­gegen. Dann hat er wenigs­tens keine Schmerzen mehr gespürt.“ 

Bis heute werden die Opfer als Men­schen zweiter Klasse behan­delt“, sagt Sheila Coleman von der Hills­bo­rough Jus­tice Cam­paign“. Und das ist noch unter­trieben.“ Vor den Zäunen der Lep­pings Lane, an denen Men­schen zer­malmt wurden, standen die Poli­zisten wie vor einer Herde Vieh. Und als es schon Tote gab, wurde das Spiel ange­pfiffen. Liver­pools Keeper Bruce Grob­be­laar, der Schreie ver­nommen hatte, rannte sofort aus seinem Tor und brüllte die Poli­zisten an, sie sollten ver­dammt noch mal helfen. Aber sie halfen nicht. Sie hatten nicht den Befehl zu helfen.