INFO: Dieser Text erschien bereits im November 2011 in 11FREUNDE.

22 Jahre haben sie gekämpft. 8000 Tage. 200 000 Stunden. Und jetzt sind es nur noch drei bis zur Ent­schei­dung. 

Drei Stunden, bis Steve Rotheram, Abge­ord­neter aus Liver­pool, seine Rede im bri­ti­schen Unter­haus halten wird. Es ist die Rede seines Lebens. Eine Rede, die end­lich, nach schier end­losem Kampf, die Wahr­heit ans Licht bringen soll.

Sie eröffnet eine his­to­ri­sche Debatte. An diesem 17. Oktober wird sich das Par­la­ment der Tra­gödie stellen, vor der es so lange die Augen ver­schlossen hat: dem Tod von 96 Men­schen bei einem Fuß­ball­spiel. 

Vor dem Pokal-Halb­fi­nale 1989 zwi­schen dem FC Liver­pool und Not­tingham Forest im Hills­bo­rough-Sta­dion von Shef­field hatte die Polizei Tau­sende FC-Fans in einen über­füllten Block geleitet, die Steh­tri­büne an der Lep­pings Lane. Die, die von oben hin­ein­drängten, um den Anpfiff nicht zu ver­passen, drückten, ohne es zu wissen, mit einer Ton­nen­last auf die, die weiter unten standen und keinen Ausweg fanden.

Binnen Minuten wurde der Block zur Todes­falle. Väter hielten ihre bewusst­losen Kinder in die Höhe, bis sie selbst kol­la­bierten. Andere ver­suchten, sie über den drei Meter hohen Zaun zu werfen. Einige Wenige wurden in die dar­über lie­gende Tri­büne gezogen, den West Stand. Wer über­lebte, trug Biss­wunden an den Beinen davon. Die Nie­der­ge­tram­pelten hatten in ihrer Ver­zweif­lung um sich geschnappt. Den sanf­testen Tod fanden noch die, die in der Menge das Bewusst­sein ver­loren und erstickten. 

Drei Stunden noch, bis Steve Rotheram all dies auf­rollen und rest­lose Auf­klä­rung for­dern wird. Das Par­la­ment soll die Ereig­nisse vom 15. April 1989 end­lich als das behan­deln, was sie immer gewesen sind: eine natio­nale Tra­gödie.

Seit dem Tag der Tra­gödie lässt man uns im Dun­keln tappen“

Steve Kelly hielt den Kampf schon für ver­geb­lich, auf­ge­geben hat er trotzdem nie. Darum ist er ins Unter­haus gekommen: Er will wissen, ob er jemals erfahren wird, warum sein Bruder Michael starb. Und ob er noch leben könnte, wenn ihm geholfen worden wäre. Michaels Schicksal liegt ver­borgen hinter einer Zahl im Register der Toten.

Steve selbst war nicht in Hills­bo­rough, er ist Fan des FC Everton. Das war der ein­zige Unter­schied zwi­schen uns. Michael war ein Roter und ich ein Blauer“, sagt er. Das Bild, das er mit­ge­bracht hat, zeigt seinen Bruder im Reds-Trikot, lebens­froh und kraft­strot­zend, einen Mann von Mitte 30. Es ent­stand drei Wochen vor seinem Tod.

Auch Barry Devon­side hat ein Foto bei sich. Darauf ist sein Sohn Chris­to­pher zu sehen, ein 18-Jäh­riger im Jeans­hemd und mit Pop­per­scheitel, wie es damals Mode war. Er war das Licht unseres Lebens“, sagt Barry. Kurz danach erlosch es. Chris­to­pher starb in Hills­bo­rough. Warum, das hat sein Vater nie erfahren. Seit dem 
Tag der Tra­gödie lässt man uns im Dun­keln tappen.“ 

Steve Kelly und Barry Devon­side sind auch nach London gereist, um durch ihre Anwe­sen­heit die Volks­ver­treter in die Ver­ant­wor­tung zu zwingen. Groß­bri­tan­nien ist diesen Män­nern und den anderen Hin­ter­blie­benen die Wahr­heit schuldig. 

Es ist das erste Mal in der Geschichte der bri­ti­schen Demo­kratie, dass eine Online­pe­ti­tion die Abge­ord­neten dazu gebracht hat, eine Ent­schei­dung zu fällen: 140.000 Bürger haben sie auf­ge­for­dert, die bis­lang unter Ver­schluss gehal­tenen Hills­bo­rough-Akten – ein fast 800.000 Ein­zel­seiten umfas­sendes Kon­volut aus Pro­to­kollen, Gut­achten und Memo­randen – einer unab­hän­gigen Kom­mis­sion zu über­geben. 

Diese soll unter dem Vor­sitz des Bischofs von Liver­pool die Doku­mente sichten, kata­lo­gi­sieren und so den Her­gang der Kata­strophe trans­pa­rent machen. Zunächst sollen die Betrof­fenen Akten­ein­sicht bekommen, dann die Öffent­lich­keit. Auch nach 22 Jahren sind zu viele Fragen unbe­ant­wortet: Wie konnte das geschehen? Hätte es ver­mieden, hätte zumin­dest Schlim­meres ver­hin­dert werden können? Waren wirk­lich alle, die nicht mehr lebend aus dem Sta­dion kamen, schon um 15.15 Uhr tot, wie von der Gerichts­me­dizin behauptet? Oder hätte schnel­lere medi­zi­ni­sche Hilfe ihr Leben noch retten können? Wer hat die Fehler der Polizei von South York­shire, vor allem ihres Chefs David Ducken­field, ver­tuscht? Warum wurde nie­mand zur Ver­ant­wor­tung gezogen? Wer hat die Medi­en­kam­pagne initi­iert, die die Opfer zu Tätern machte?

Und nicht zuletzt: Wie tief ist die poli­ti­sche Klasse selbst in diesen Skandal ver­wi­ckelt? Warum hat sie den Her­gang der Kata­strophe mehr als zwei Jahr­zehnte lang gehütet wie ein Staats­ge­heimnis? Wollte sie Schaden von der Exe­ku­tive abwenden oder Schmer­zens­geld­for­de­rungen unter­binden? Wie zynisch kann ein System sein?

Er tauschte kurz vor dem Anpfiff sein Karte – und warf sich vor den Zug

Der Abge­ord­nete Steve Rotheram wird die Regie­rung heute mit ihrer Schuld kon­fron­tieren. Er wird sie auf­for­dern, sich zu ent­schul­digen. Er hat selbst erlebt, was vier Kabi­nette seit Mar­garet That­cher sys­te­ma­tisch igno­riert haben: Rotheram war am 15. April 1989 in Hills­bo­rough. Eine Vier­tel­stunde vor dem Anpfiff tauschte er seine Karte für die Lep­pings Lane gegen ein Sitz­platz­ti­cket ein. Glück nennt er das nicht. Wie könnte er? Glück, das war für den Liver­pooler Maurer Steve Rotheram, mit seinen Kum­pels zu einem Fuß­ball­spiel zu gehen. Zu siegen. Wieder nach Hause zu kommen. 

Hills­bo­rough war ein grau­sames Rou­lette, und wer dabei nicht verlor, hatte ebenso wenig gewonnen. Im Januar 2011 warf sich Ste­phen Wittle, ein Bekannter Rotherams, nahe Bolton vor den Zug. Auch er hatte damals seine Karte getauscht. Der Mann, der statt seiner in die Lep­pings Lane gegangen war, starb unter einem Berg aus Fleisch. Wittle, seither von Depres­sionen gepei­nigt, hat sein Über­leben nicht über­lebt.

Steve Rotheram hat seines dem Kampf um die Wahr­heit gewidmet. Hills­bo­rough war seine poli­ti­sche Initia­tion. Aus dem ein­fa­chen Maurer ist der par­la­men­ta­ri­sche Spre­cher der Hin­ter­blie­benen geworden. Und der 96, die keine Stimme mehr haben.
Anfangs kämpften die Fami­lien noch nicht gemeinsam. Sie hatten unter­schied­liche Vor­stel­lungen davon, mit wel­chen Mit­teln die Wahr­heit zutage geför­dert werden könnte, und auch von dem Grad, zu dem sie sie über­haupt ertragen würden. Nicht alle wollten alles wissen. Manche wollten nicht einmal kämpfen. Doch je härter sich das Kar­tell der Igno­ranz prä­sen­tierte, desto besser orga­ni­sierten sie sich. Heute treten in der Haupt­sache zwei Ver­bände auf: die Hills­bo­rough Family Sup­port Group“ und die Hills­bo­rough Jus­tice Cam­paign“ unter dem Vor­sitz von Sheila Coleman. Die Juristin hat den staat­li­chen Umgang mit Sta­di­on­ka­ta­stro­phen erforscht, bevor sie sich 1998 der Orga­ni­sa­tion anschloss. Ich werde oft gefragt, warum wir seit so vielen Jahren an den Türen der Macht rüt­teln“, sagt sie. Viele meinen, wir sollten end­lich wieder zur Nor­ma­lität über­gehen. Aber es gibt keine Nor­ma­lität, solange die Wahr­heit unter Ver­schluss bleibt.“ 

Nicht alle Abge­ord­neten sind daran inter­es­siert, dass ihr Volk diese Wahr­heit erfährt. Noch am Morgen des 17. Oktober will der Kon­ser­va­tive Chris­to­pher Chope, einst Staats­se­kretär in That­chers Innen­mi­nis­te­rium, die Abstim­mung absagen lassen – zugunsten einer Debatte über die Diä­ten­er­hö­hung. Erst am Nach­mittag erfährt Steve Rotheram, dass er um 17 Uhr spre­chen kann. Mit seiner Rede will er dem Unter­haus den ent­schei­denden Impuls geben. Wird er genug Kraft auf­bringen? 

Noch zwei Stunden. Rotheram muss vor­sichtig mit dem Kaffee sein, seine Hände zit­tern bereits. Er sitzt erst seit einem knappen Jahr im Unter­haus und ist noch kein Cham­pion – diesen inof­fi­zi­ellen Titel bekommt man erst, wenn man hier eine große Sache durch­ge­boxt hat. Heute kann er einer werden, aber darum geht es ihm nicht. An seinem Revers sitzt die kleine sti­li­sierte Flamme mit der Inschrift Jus­tice for the 96“, Gerech­tig­keit für die 96“. Mit den Namen der Toten wird er, so ist es geplant, seine heu­tige Rede beenden. Und was“, fragt er seinen Pres­se­spre­cher Gavin Cal­laghan, wenn ich weinen muss?“ Cal­laghan ant­wortet: Dann weinst du eben, Steve.“ 

Barry Devon­side hat längst keine Tränen mehr. Sein Gesicht ist eine Maske, hinter dicken Bril­len­glä­sern richten sich die Augen in die Ver­gan­gen­heit, zu seinem Sohn. Barry wusste von vielen Aus­wärts­spielen um die Gefahren der oft über­füllten Steh­tri­bünen. Doch Chris­to­pher flehte ihn an – all seine Kum­pels stünden dort, er wolle bei ihnen sein. In einem schwa­chen Moment“, sagt Barry, habe ich es ihm erlaubt. Ich konnte ihm doch nichts abschlagen.“ Er selbst wählte einen Sitz­platz und sah von dort, wie die töd­liche Dynamik im Block ihren Lauf nahm. An der Halifax Road, wo er sich nach dem Spiel mit Chris­to­pher treffen wollte, war­tete nur dessen bester Freund. Er solle mit dem Schlimmsten rechnen, sagte dieser, bevor er zusam­men­brach. Barry Devon­side sah seinen Sohn nicht lebend wieder. Dabei hatte ich seiner Mutter ver­spro­chen, ich würde auf ihn auf­passen.“ 

So sah er seinen Bruder ein zweites Mal sterben

Ein paar Plätze weiter auf der Zuhörerem­pore sitzt Steve Kelly. Mein Bruder Michael ist in Hills­bo­rough geblieben“, sagt er, als wäre dieses Sta­dion ein Schlacht­feld und alles, was sich dort ereignet hat und danach kam, ein Krieg. Und das war es wohl auch. Eines Tages tauchten Ermittler bei Steve Kelly auf: Er müsse sich ein Über­wa­chungs­video von der Lep­pings Lane ansehen und darauf seinen Bruder iden­ti­fi­zieren, das diene der Auf­klä­rung. Das ver­krafte er nicht, ent­geg­nete Steve. Dann werde man ihn zwingen, mit allen zur Ver­fü­gung ste­henden Mit­teln. So sah er seinen Bruder ein zweites Mal sterben. In Schwarz­weiß. 

Noch andert­halb Stunden, bis die Debatte beginnt. Das Manu­skript in Steve Rotherams Hand ist zer­knit­tert. Warum lag nicht er tot in einem Plas­tik­sack, abge­legt im pro­vi­so­ri­schen Lei­chen­schau­haus, einer kalten Turn­halle in Shef­field? Das hat er sich oft gefragt. Warum die 96 anderen, deren Namen er gleich ver­lesen wird? Wenn ich es von einem ein­fa­chen Maurer zum Abge­ord­neten gebracht habe“, sagt er, was hätten sie dann erst erreicht?“ 

Jon-Paul Gil­hooley etwa. Was wäre aus ihm geworden? Er spielte gern Fuß­ball mit seinem Cousin. Eines Tages selbst für die Reds auf­zu­laufen – das war ihr Traum. Sein Cousin schaffte es. Er ist heute Kapitän des FC Liver­pool, sein Name ist Steven Ger­rard. Jon-Paul Gil­hooley starb in der Lep­pings Lane. Er war gerade zehn Jahre alt. Das jüngste Opfer dieses Krieges.

Ich bete zu Gott, dass mein Junge voll war wie ein Eimer“

Den offi­zi­ellen Erklä­rungen zufolge, die in einer unhei­ligen Allianz von der Polizei von South York­shire lan­ciert und von dem Bou­le­vard­blatt The Sun“ ver­öf­fent­licht wurden, müsste der kleine Jon-Paul betrunken gewesen sein. Die Fans wurden pau­schal zu besin­nungs­losen Van­dalen ver­zerrt, die in ihrem Alko­hol­rausch das töd­liche Gedränge selbst ver­ur­sacht hätten. Noch im Lei­chen­schau­haus von Shef­field fragten die Poli­zisten die Hin­ter­blie­benen, wie viel Bier ihre Söhne, Brüder, Väter, Ehe­männer vor einem sol­chen Spiel denn zu trinken pflegten. Den Ver­stor­benen wurden Blut­proben ent­nommen. Ich bete zu Gott, dass mein Junge voll war wie ein Eimer“, schmet­terte Barry Devon­side den Ermitt­lern ent­gegen. Dann hat er wenigs­tens keine Schmerzen mehr gespürt.“ 

Bis heute werden die Opfer als Men­schen zweiter Klasse behan­delt“, sagt Sheila Coleman von der Hills­bo­rough Jus­tice Cam­paign“. Und das ist noch unter­trieben.“ Vor den Zäunen der Lep­pings Lane, an denen Men­schen zer­malmt wurden, standen die Poli­zisten wie vor einer Herde Vieh. Und als es schon Tote gab, wurde das Spiel ange­pfiffen. Liver­pools Keeper Bruce Grob­be­laar, der Schreie ver­nommen hatte, rannte sofort aus seinem Tor und brüllte die Poli­zisten an, sie sollten ver­dammt noch mal helfen. Aber sie halfen nicht. Sie hatten nicht den Befehl zu helfen. 

Ein­satz­leiter David Ducken­field, der die Fans in den über­füllten Block hatte leiten lassen, soll in seiner Kom­man­do­zen­trale vor dem Über­wa­chungs­bild­schirm gestanden haben, als hätte man ihn in seiner Uni­form ein­ge­mauert. Es war sein erster Ein­satz bei einem der­ar­tigen Groß­ereignis, er mag über­for­dert gewesen sein, aber das erklärt nicht alles. Über sein gespens­ti­sches Phlegma legt sich der Ver­dacht, dass er gar nicht helfen wollte. Ducken­field ver­hin­derte zunächst sogar, dass Sani­täter ins Sta­dion gelangen konnten. Wäh­rend draußen die Kran­ken­wagen vor einer Absper­rung im Stau standen, rissen drinnen Fans Wer­be­banden aus der Ver­an­ke­rung, um sie als Trage zu benutzen. Oder, wenn es zu spät war, als Bahre. Ver­ein­zelte Poli­zisten fühlten wäh­rend­dessen mit dicken Leder­hand­schuhen an den Fin­gern den Puls der Leb­losen und erklärten auch die für tot, denen noch hätte geholfen werden können. Eine has­tige Inventur des Todes.

Sollten die Hills­bo­rough-Akten nun geöffnet werden und noch voll­ständig sein, wird belas­tendes Mate­rial zutage treten: ein Sit­ten­ge­mälde der bri­ti­schen Exe­ku­tive, eines Appa­rats auf kon­fron­ta­tivem Kurs gegen das eigene Volk. Es war die Hoch­phase der Arbei­ter­streiks, der IRA und zugleich die Hoch­phase des That­che­rismus mit seinen sozialen Res­sen­ti­ments. Bei aller Ver­herr­li­chung der eng­li­schen Fuß­ball­kultur jener Zeit darf eines nicht ver­gessen werden: Fans galten damals als Staats­feinde, spä­tes­tens seitdem Liver­pool-Anhänger beim Euro­pa­po­kal­fi­nale 1985 im Brüs­seler Heysel-Sta­dion eine Mas­sen­panik ver­ur­sacht hatten, der 39 Zuschauer zum Opfer gefallen waren. Es scheint auf die depri­mie­rendste Weise logisch, dass eine derart kon­di­tio­nierte Polizei blind für das Leiden in Hills­bo­rough war. Sie wollte um jeden Preis einen Platz­sturm ver­hin­dern und begriff nicht, wie hoch dieser Preis sein würde. Oder wollte sie es nicht begreifen?

The Sun“ ist in Liver­pool nicht erwünscht

Vier Tage danach erschien die Sun“ mit dem Auf­ma­cher Die Wahr­heit“. Chef­re­dak­teur Kelvin McKenzie behaup­tete in Beru­fung auf die Polizei von South York­shire: Einige Fans haben die Opfer aus­ge­raubt“, Einige Fans uri­nierten auf die tap­feren Poli­zisten“ und Einige Fans ver­prü­gelten Poli­zisten bei Wie­der­be­le­bungs­ver­su­chen“. That­chers Pres­se­spre­cher Ber­nard Ingham erklärte: Dieser Unfall wäre nicht pas­siert, wenn ein offenbar betrun­kener Mob sich nicht gewaltsam Zutritt ver­schafft hätte.“ Der sinistre Ver­such, von der eigenen Ver­ant­wor­tung abzu­lenken, hatte Erfolg: Bis heute werden in vielen Sta­dien Schmäh­ge­sänge ange­stimmt, die sug­ge­rieren, die 96 hätten sich selbst tot­ge­tram­pelt. Im Krieg, so heißt es, stirbt die Wahr­heit zuerst. In Hills­bo­rough war sie das 97. Opfer. 
Zwar sprach der Taylor-Report, in dem noch 1989 die Ursa­chen der Kata­strophe ana­ly­siert wurden, die Liver­pool-Fans von jeg­li­cher Mit­schuld frei. Viel­mehr gei­ßelte er das Ver­sagen der Ein­satz­kräfte, die Sicher­heits­mängel im Sta­dion – und been­dete so die Ära der fatalen Beton­schüs­seln. Dass heute überall in Eng­land moderne Arenen ohne Steh­platz­sek­tionen stehen, ist eine direkte Folge des Reports. Doch der Tod der 96 blieb unge­sühnt: Ein Straf- und etliche Zivil­rechts­pro­zesse im Laufe der Jahre zogen nie­manden zur Ver­ant­wor­tung, sie endeten alle­samt mit dem Urteil Tod durch Unfall“. Zuvor sollen Zeugen, dar­unter auch Poli­zisten, zu Falsch­aus­sagen gezwungen und Beweise bei­seite geschafft worden sein – mut­maß­lich eine kon­zer­tierte Aktion höchster Poli­zei­funk­tio­näre, bis hinauf ins Innen­mi­nis­te­rium. Ein­satz­leiter Ducken­field könnte, was immer die Hills­bo­rough-Akten offen­baren würden, ohnehin nicht mehr belangt werden. Er wurde zwar wegen Tot­schlags ange­klagt, 2001 aber für nicht ver­hand­lungs­fähig erklärt. Dia­gnose: post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­rung.

Es geht nicht um Rache“, sagt Steve Kelly, der Mann, der seinen Bruder ver­loren hat. Es geht um die Wahr­heit. Michael war kein Hoo­ligan, er trank nie Alkohol, er hätte auch keine Poli­zisten ver­prü­gelt oder die Toten aus­ge­raubt. Er war nur zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort. Ich will eines Tages an sein Grab treten und sagen: ›Die Wahr­heit hat gesiegt.‹“
Noch eine Stunde, bis die Debatte beginnt. Die letzte von 200 000, die der Kampf nun schon andauert. Das Leben ging weiter, jeden Tag“, heißt es in einem Lied der Liver­pooler Band Gerry and the Pace­ma­kers“. Jeden Tag wurden Herzen zer­rissen, und die Fähre über­querte den Mersey.“ Keinen der 96 hat sie je nach Hause gebracht.
Steven Rotheram spürt die Last auf seinen Schul­tern, als er jetzt durch sein Büro läuft, immer wieder seine Rede probt, Pas­sagen streicht und ersetzt. Er kann nie­manden zum Leben erwe­cken, aber er kann heute die Ehre der Toten wie­der­her­stellen.

Auf der Zuhörerem­pore denkt Barry Devon­side unter­dessen zurück an jenen son­nigen Samstag im April 1989. Wie er mit seinem Sohn Chris­to­pher ins Auto sprang und nach Shef­field fuhr. An die kar­ne­val­eske Stim­mung in den Straßen. Und an Chris­to­phers Lachen, als er ihm erlaubte, in die Lep­pings Lane zu gehen. Steve Kelly fällt wieder ein, wie er sich einmal mit seinem Bruder Michael wegen eines Pos­ters von Alan Hansen stritt, der Ver­tei­di­ger­le­gende vom FC Liver­pool – Steve, der Everton-Fan, hatte es ver­steckt. Wie sie des­wegen tage­lang nicht mit­ein­ander spra­chen und beide dar­unter litten. Und wie sie sich ver­söhnten, als er es ihm wieder zurückgab.

Auch wenn die Wahr­heit nach der heu­tigen Debatte ans Licht kommen sollte – für Barry Devon­side und Steve Kelly wäre es kein Tag der Freude. Sie würden ihre Lieben noch einmal in den Tod begleiten – und im Zweifel erfahren, dass sie noch leben könnten, wenn ihnen geholfen worden wäre. Man­cher Kampf kennt keine Gewinner.

Fünf­zehn Minuten noch. Ein letztes Mal hat Steve Rotheram seinem Pres­se­spre­cher Gavin Cal­laghan die Rede vor­ge­tragen, nun richtet er die Kra­watte und die kleine Flamme am Revers, dann tritt er hinaus in den Saal. Die grünen Bänke, das dunkle Holz. Hier hielt Win­ston Chur­chill am 13. April 1940 seine Blut, Schweiß und Tränen“-Ansprache. Um Punkt 17 Uhr ruft der Vor­sit­zende des Unter­hauses den Abge­ord­neten Rotheram, den gelernten Maurer und gebo­renen Reds-Fan, ans Red­ner­pult. 

Rotheram bedankt sich zunächst bei den 140 000 Unter­zeich­nern der Online-Peti­tion. Dies ist ein Sieg für die Demo­kratie“, sagt er, seine Lippen zit­tern wie die Blätter in seiner Hand. Aber wird es auch ein Sieg für die Fami­lien sein? Oder wird man sie ein wei­teres Mal im Stich lassen?“ Dann wird seine Stimme fester, er ruft: Denen, die glauben, dass diese Debatte so ergeb­nislos enden wird wie alles andere zuvor, ent­gegne ich: Sie werden diesen Fall nicht mehr los, bis wir end­lich die Wahr­heit kennen!“

Die beste Rede, die das Unter­haus seit Genera­tionen gesehen hat

Was dann folgt, werden nicht wenige Jour­na­listen als die beste Rede bezeichnen, die seit Genera­tionen im Unter­haus gehalten worden ist. Im Laufe meines Berufs­le­bens bin ich, was Politik anbe­langt, zynisch geworden“, schreibt Par­la­ments­kor­re­spon­dent Andrew Sparrow auf der Inter­net­seite des Guar­dian“. Aber heute war ich stolz, dabei zu sein.“ In klaren Sätzen, gemessen und wür­de­voll, ergrei­fend, aber sach­lich, führt Rotheram seinen Zuhö­rern die über­wäl­ti­gende Tragik jenes 15. April 1989 vor Augen. Und auch wenn er von ein­zelnen Schick­salen erzählt, etwa dem des kleinen Jon-Paul Gil­hooley, so wird doch eines deut­lich: Hills­bo­rough betrifft alle, weil es alle hätte treffen können.

Rotheram pran­gert das Ver­sagen der Sicher­heits­kräfte an und rühmt den Hel­denmut der Über­le­benden, die, selbst schwer ver­letzt, halfen, wo kein anderer helfen wollte. Er ver­dammt die Ver­leum­dungs­kam­pagne der Sun“ als schänd­lich“ und for­dert von der Redak­tion die Schlag­zeile Wir haben gelogen“ ein. Dann ersucht er Pre­mier­mi­nister David Cameron, für das Fehl­ver­halten seiner Vor­gänger um Ver­zei­hung zu bitten, so wie er es unlängst für den Bloody Sunday“ getan habe, die Tötung von 13 nord­iri­schen Demons­tranten durch bri­ti­sche Sol­daten im Jahre 1972.
Rotheram ist nun im Begriff, ein Cham­pion zu werden. Aber das ist ihm gleich­gültig. Er kämpft mit den Tränen. 96!“, ruft er bebend. Diese Zahl sagt sich allzu leicht. Erst wenn man jeden Namen liest, wird einem klar, wie viele Men­schen ihr Leben in Hills­bo­rough ver­loren haben.“ Schließ­lich trägt er sie vor, die 96 Namen. Alpha­be­tisch, von John Anderson bis Graham Wright. 96 Namen, die für 96 aus­ge­löschte Leben stehen und für 96 zer­störte Fami­lien.

Gra­bes­stille umfängt das Unter­haus wäh­rend dieses Nekro­logs. Ein ums andere Mal hält Rotheram inne, weil ihm die Stimme weg­bricht. Auf der Empore werden Barry Devon­side und Steve Kelly von einem epo­chalen Schmerz geschüt­telt, der erst jetzt, nach 22 Jahren, so aus­bre­chen kann, klar, heiß, end­gültig. Rest in Peace“, sagt Rotheram stimmlos. Jus­tice for the 96.“ Dann geht er zurück zu seinem Platz und sieht, dass etliche Abge­ord­nete weinen. Er rea­li­siert, was seine Rede aus­ge­löst hat, und setzt sich, still, wie zum Gebet. 
Nach ihm tritt The­resa May ans Pult, die Innen­mi­nis­terin, auch sie ist sicht­lich bewegt. Es ist an ihr, das aus­zu­spre­chen, was längst gewiss ist, gewiss sein muss. Ich werde keine Worte finden, die den Ver­lust all dieser Leben wie­der­gut­ma­chen“, sagt sie – und dann: Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um die Wahr­heit ans Licht zu bringen. Alle Doku­mente werden geöffnet, kein ein­ziges wird zurück­ge­halten, kein Stein bleibt auf dem anderen.“

Ein Dut­zend wei­terer Reden wird im Laufe des Abends gehalten, auch von den Abge­ord­neten aus Not­tingham und Shef­field. Die junge Alison McGo­vern aus Wirral bei Liver­pool spricht eine Vier­tel­stunde unter Tränen. Dies ist keine Debatte mehr, es ist eine Toten­messe für die 96. Um 20.30 Uhr ruft der Spre­cher des Unter­hauses die Volks­ver­treter zur offenen Abstim­mung auf: Sollen die Hills­bo­rough-Akten frei­ge­geben werden? Es gibt keine Gegen­stimme.

Doch wie schwer es sein wird, die Mit­schuld der Politik bis in den letzten Winkel aus­zu­leuchten, deutet ein Kom­mentar von Pre­mier­mi­nister Cameron am Tag danach an: Die Hin­ter­blie­benen erin­nern mich an einen blinden Mann, der in einem dunklen Zimmer eine schwarze Katze sucht, die gar nicht da ist.“ 
Bis zu einem Jahr kann es dauern, bis die unab­hän­gige Kom­mis­sion alle Doku­mente gesichtet und auf­be­reitet hat. Nach dann 23 Jahren werden die Hin­ter­blie­benen erfahren, warum ihre Ange­hö­rigen gestorben sind. Ob sie noch leben könnten. Und, wenn man sie lässt, welche Schuld der Staat trägt. Die Wahr­heit.
In einem Kor­ridor des Unter­hauses hat Sheila Coleman von der Hills­bo­rough Jus­tice Cam­paign“ einen Umtrunk vor­be­reitet. Ein tap­ferer Ver­such zu feiern, was nicht zu feiern ist. Ein Fern­seh­team ist gekommen und sucht nach Steve Rotheram. Nie­mand weiß, wo er ist. Steve Kelly hält sich an einem Glas fest, er starrt auf die Fliesen zu seinen Füßen. Und Barry Devon­side geht, ohne sich umzu­drehen, hinaus in die Nacht. Er braucht Luft.