INFO: Dieser Text erschien bereits im November 2011 in 11FREUNDE.

22 Jahre haben sie gekämpft. 8000 Tage. 200 000 Stunden. Und jetzt sind es nur noch drei bis zur Ent­schei­dung. 

Drei Stunden, bis Steve Rotheram, Abge­ord­neter aus Liver­pool, seine Rede im bri­ti­schen Unter­haus halten wird. Es ist die Rede seines Lebens. Eine Rede, die end­lich, nach schier end­losem Kampf, die Wahr­heit ans Licht bringen soll.

Sie eröffnet eine his­to­ri­sche Debatte. An diesem 17. Oktober wird sich das Par­la­ment der Tra­gödie stellen, vor der es so lange die Augen ver­schlossen hat: dem Tod von 96 Men­schen bei einem Fuß­ball­spiel. 

Vor dem Pokal-Halb­fi­nale 1989 zwi­schen dem FC Liver­pool und Not­tingham Forest im Hills­bo­rough-Sta­dion von Shef­field hatte die Polizei Tau­sende FC-Fans in einen über­füllten Block geleitet, die Steh­tri­büne an der Lep­pings Lane. Die, die von oben hin­ein­drängten, um den Anpfiff nicht zu ver­passen, drückten, ohne es zu wissen, mit einer Ton­nen­last auf die, die weiter unten standen und keinen Ausweg fanden.

Binnen Minuten wurde der Block zur Todes­falle. Väter hielten ihre bewusst­losen Kinder in die Höhe, bis sie selbst kol­la­bierten. Andere ver­suchten, sie über den drei Meter hohen Zaun zu werfen. Einige Wenige wurden in die dar­über lie­gende Tri­büne gezogen, den West Stand. Wer über­lebte, trug Biss­wunden an den Beinen davon. Die Nie­der­ge­tram­pelten hatten in ihrer Ver­zweif­lung um sich geschnappt. Den sanf­testen Tod fanden noch die, die in der Menge das Bewusst­sein ver­loren und erstickten. 

Drei Stunden noch, bis Steve Rotheram all dies auf­rollen und rest­lose Auf­klä­rung for­dern wird. Das Par­la­ment soll die Ereig­nisse vom 15. April 1989 end­lich als das behan­deln, was sie immer gewesen sind: eine natio­nale Tra­gödie.

Seit dem Tag der Tra­gödie lässt man uns im Dun­keln tappen“

Steve Kelly hielt den Kampf schon für ver­geb­lich, auf­ge­geben hat er trotzdem nie. Darum ist er ins Unter­haus gekommen: Er will wissen, ob er jemals erfahren wird, warum sein Bruder Michael starb. Und ob er noch leben könnte, wenn ihm geholfen worden wäre. Michaels Schicksal liegt ver­borgen hinter einer Zahl im Register der Toten.

Steve selbst war nicht in Hills­bo­rough, er ist Fan des FC Everton. Das war der ein­zige Unter­schied zwi­schen uns. Michael war ein Roter und ich ein Blauer“, sagt er. Das Bild, das er mit­ge­bracht hat, zeigt seinen Bruder im Reds-Trikot, lebens­froh und kraft­strot­zend, einen Mann von Mitte 30. Es ent­stand drei Wochen vor seinem Tod.

Auch Barry Devon­side hat ein Foto bei sich. Darauf ist sein Sohn Chris­to­pher zu sehen, ein 18-Jäh­riger im Jeans­hemd und mit Pop­per­scheitel, wie es damals Mode war. Er war das Licht unseres Lebens“, sagt Barry. Kurz danach erlosch es. Chris­to­pher starb in Hills­bo­rough. Warum, das hat sein Vater nie erfahren. Seit dem 
Tag der Tra­gödie lässt man uns im Dun­keln tappen.“ 

Steve Kelly und Barry Devon­side sind auch nach London gereist, um durch ihre Anwe­sen­heit die Volks­ver­treter in die Ver­ant­wor­tung zu zwingen. Groß­bri­tan­nien ist diesen Män­nern und den anderen Hin­ter­blie­benen die Wahr­heit schuldig. 

Es ist das erste Mal in der Geschichte der bri­ti­schen Demo­kratie, dass eine Online­pe­ti­tion die Abge­ord­neten dazu gebracht hat, eine Ent­schei­dung zu fällen: 140.000 Bürger haben sie auf­ge­for­dert, die bis­lang unter Ver­schluss gehal­tenen Hills­bo­rough-Akten – ein fast 800.000 Ein­zel­seiten umfas­sendes Kon­volut aus Pro­to­kollen, Gut­achten und Memo­randen – einer unab­hän­gigen Kom­mis­sion zu über­geben. 

Diese soll unter dem Vor­sitz des Bischofs von Liver­pool die Doku­mente sichten, kata­lo­gi­sieren und so den Her­gang der Kata­strophe trans­pa­rent machen. Zunächst sollen die Betrof­fenen Akten­ein­sicht bekommen, dann die Öffent­lich­keit. Auch nach 22 Jahren sind zu viele Fragen unbe­ant­wortet: Wie konnte das geschehen? Hätte es ver­mieden, hätte zumin­dest Schlim­meres ver­hin­dert werden können? Waren wirk­lich alle, die nicht mehr lebend aus dem Sta­dion kamen, schon um 15.15 Uhr tot, wie von der Gerichts­me­dizin behauptet? Oder hätte schnel­lere medi­zi­ni­sche Hilfe ihr Leben noch retten können? Wer hat die Fehler der Polizei von South York­shire, vor allem ihres Chefs David Ducken­field, ver­tuscht? Warum wurde nie­mand zur Ver­ant­wor­tung gezogen? Wer hat die Medi­en­kam­pagne initi­iert, die die Opfer zu Tätern machte?

Und nicht zuletzt: Wie tief ist die poli­ti­sche Klasse selbst in diesen Skandal ver­wi­ckelt? Warum hat sie den Her­gang der Kata­strophe mehr als zwei Jahr­zehnte lang gehütet wie ein Staats­ge­heimnis? Wollte sie Schaden von der Exe­ku­tive abwenden oder Schmer­zens­geld­for­de­rungen unter­binden? Wie zynisch kann ein System sein?

Er tauschte kurz vor dem Anpfiff sein Karte – und warf sich vor den Zug

Der Abge­ord­nete Steve Rotheram wird die Regie­rung heute mit ihrer Schuld kon­fron­tieren. Er wird sie auf­for­dern, sich zu ent­schul­digen. Er hat selbst erlebt, was vier Kabi­nette seit Mar­garet That­cher sys­te­ma­tisch igno­riert haben: Rotheram war am 15. April 1989 in Hills­bo­rough. Eine Vier­tel­stunde vor dem Anpfiff tauschte er seine Karte für die Lep­pings Lane gegen ein Sitz­platz­ti­cket ein. Glück nennt er das nicht. Wie könnte er? Glück, das war für den Liver­pooler Maurer Steve Rotheram, mit seinen Kum­pels zu einem Fuß­ball­spiel zu gehen. Zu siegen. Wieder nach Hause zu kommen. 

Hills­bo­rough war ein grau­sames Rou­lette, und wer dabei nicht verlor, hatte ebenso wenig gewonnen. Im Januar 2011 warf sich Ste­phen Wittle, ein Bekannter Rotherams, nahe Bolton vor den Zug. Auch er hatte damals seine Karte getauscht. Der Mann, der statt seiner in die Lep­pings Lane gegangen war, starb unter einem Berg aus Fleisch. Wittle, seither von Depres­sionen gepei­nigt, hat sein Über­leben nicht über­lebt.

Steve Rotheram hat seines dem Kampf um die Wahr­heit gewidmet. Hills­bo­rough war seine poli­ti­sche Initia­tion. Aus dem ein­fa­chen Maurer ist der par­la­men­ta­ri­sche Spre­cher der Hin­ter­blie­benen geworden. Und der 96, die keine Stimme mehr haben.
Anfangs kämpften die Fami­lien noch nicht gemeinsam. Sie hatten unter­schied­liche Vor­stel­lungen davon, mit wel­chen Mit­teln die Wahr­heit zutage geför­dert werden könnte, und auch von dem Grad, zu dem sie sie über­haupt ertragen würden. Nicht alle wollten alles wissen. Manche wollten nicht einmal kämpfen. Doch je härter sich das Kar­tell der Igno­ranz prä­sen­tierte, desto besser orga­ni­sierten sie sich. Heute treten in der Haupt­sache zwei Ver­bände auf: die Hills­bo­rough Family Sup­port Group“ und die Hills­bo­rough Jus­tice Cam­paign“ unter dem Vor­sitz von Sheila Coleman. Die Juristin hat den staat­li­chen Umgang mit Sta­di­on­ka­ta­stro­phen erforscht, bevor sie sich 1998 der Orga­ni­sa­tion anschloss. Ich werde oft gefragt, warum wir seit so vielen Jahren an den Türen der Macht rüt­teln“, sagt sie. Viele meinen, wir sollten end­lich wieder zur Nor­ma­lität über­gehen. Aber es gibt keine Nor­ma­lität, solange die Wahr­heit unter Ver­schluss bleibt.“