11FREUNDE WIRD 20!

Kommt mit uns auf eine wilde Fahrt durch 20 Jahre Fuß­ball­kultur: Am 23. März erschien​„DAS GROSSE 11FREUNDE BUCH“ mit den besten Geschichten, den ein­drucks­vollsten Bil­dern und skur­rilsten Anek­doten aus zwei Jahr­zehnten 11FREUNDE. In unserem Jubi­lä­ums­band erwarten euch eine opu­lente Werk­schau mit unzäh­ligen unver­öf­fent­lichten Fotos, humor­vollen Essays, Inter­views und Back­s­tages-Sto­­ries aus der Redak­tion. Beson­deres Leckerli für unsere Dau­er­kar­ten­in­haber: Wenn ihr das Buch bei uns im 11FREUNDE SHOP bestellt, gibt’s ein 11FREUNDE Notiz­buch oben­drauf. Hier könnt ihr das Buch be­stellen.

Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Ein Wie­der­sehen mit dem Angst­gegner aus der Kind­heit.

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Als ich zwölf Jahre alt war, hatte ich Angst davor, dass mein Opa stirbt, vor Saddam Hus­sein – und vor Stefan Rosen­thal vom FC Sulingen.

Mein Opa kam nicht mehr allein die Treppe runter, in der Tages­schau brannten die Ölquellen von Kuwait, und zwei Mal im Jahr verlor mein Verein, der TuS St. Hülfe-Heede, haus­hoch gegen den FC. Ein halbes Dut­zend Tore schoss jeweils Stefan Rosen­thal und legte noch acht vor, zwei davon sich selbst. Er war ein Schwein­s­teiger, bevor es Schwein­s­teiger gab, überall zu finden, meis­tens dort, wo ich zu spät kam. Ich war sein Bewa­cher ohne Zugriff. Nicht da, nicht hier, die Nummer vier. Jedes ver­dammte Mal.

Seid doch mal ehr­lich: Kennt ihr, die ihr selbst mit­tel­mäßig Fuß­ball gespielt habt, nicht alle einen sol­chen Angst­gegner? Einen, von dem ihr nur die Hacken saht. Der euch abkochte, hun­dert­fach. Der euch, schon in der D‑Jugend, der Illu­sion beraubte, jemals über die Kreis­klasse hin­aus­zu­kommen. Gegen den spielen zu müssen die erste nar­ziss­ti­sche Krän­kung in eurem Leben war, noch bevor ihr beim Tanz­kurs von der dicken Nadine gewählt wurdet.

Ich behaupte sogar, dass – Messi hin, Zidane her – dieser Angst­gegner uns allen ins­ge­heim noch immer als bester Spieler aller Zeiten erscheint. Denn an einem ver­nie­selten Samstag im November auf einem dilet­tan­tisch abge­krei­deten Matsch­platz getun­nelt zu werden und auf den Rücken zu fallen wie ein Käfer, die unmit­telbar kör­per­liche Schei­ßer­fah­rung also, hin­ter­lässt doch den tie­feren Ein­druck, als wenn man vom Sofa aus den Top­stars bei der Über­kreuz­flanke zuschaut. Sie bewun­dert man. Vor den Rosenthals hat man Angst.

Der Achter, Rosen­thal heißt er“

Ich jeden­falls. Seit damals, seit dem Herbst 1991. Am frühen Sams­tag­nach­mittag wurden wir, wie Schwein­chen, mit dem vom St. Hülfer Mazda-Händler gelie­henen Kleinbus die Bun­des­straße 214 hin­un­ter­ge­karrt. Am Rats­keller ging es links ab zur Schlacht­bank, dem Gelände des FC Sulingen. Anschnall­gurte gab es nicht an Bord, im Radio lief Bacardi Fee­ling“ von Kate Yanai, unser Trainer rauchte bei geschlos­senem Fenster einen Ziga­rillo. Mir war schlecht vom Qualm und von der Angst. Denn beim FC, mun­kelte man im Mann­schaftsbus, spiele einer, der Achter, Rosen­thal heißt er“, der sei gerade in die Bezirks­aus­wahl berufen worden. Schock­schwe­renot, die Bezirks­aus­wahl! Die Nach­folger von Rudi, Klinsi und Lothar, die Welt­meister der Zukunft, auf Jahre hinaus unschlagbar. Und du bewachst den heute!“, hus­tete unser Trainer mir von vorn zu. Ich könnte jetzt, dachte ich bei mir, auch zu Hause sein und die Teenage Mutant Ninja Turtles“ auf RTL gucken. Statt­dessen preschten wir weiter die Nie­der­säch­si­sche Spar­gelstraße hin­unter, unserem Ver­derben ent­gegen. Die Kühe auf den Weiden blickten mich gleich­gültig an.

Wir parkten in der Nähe eines Müll­ei­mers. Und kaum waren wir aus dem Mazda geklet­tert, raunte einer von uns: Da hinten isser! Der aus der Bezirks­aus­wahl!“ Stefan Rosenthals Extra­klasse fing schon beim Lun­gern an, der ersten Phase des Zwei­kampfs: Scheinbar zufällig saß er auf der Bier­bank vor dem Ver­eins­heim, ließ uns vor­bei­de­fi­lieren und schüt­telte hämisch den Kopf. Als wären wir seiner nicht würdig. Aber na gut, er hatte ja sonst nichts vor heute. Das war, wenn es einer sol­chen über­haupt bedurfte, natür­lich die Vor­ent­schei­dung.

Ein Stürmer mit dem Kampf­namen King“

Im ganzen Land­kreis Diep­holz war nur einer ähn­lich begabt in der Selbst­in­sze­nie­rung wie Stefan Rosen­thal: Ein Mit­tel­stürmer vom FC Hachetal mit dem Kampf­namen King“, der bereits in der Früh­pu­bertät als pro­fi­lierter Dis­ko­schläger galt und bei unserer Ankunft stets auf seinem fri­sierten Moped thronte, umringt von Vasallen. Allein, beim FC Hachetal waren meis­tens wir es, die gewannen – was Kings“ Impo­nier­ge­habe mit der Zeit recht hohl wirken ließ. Doch viel­leicht hatte auch er bloß Angst, konnte sie nur nicht zeigen.

Stefan Rosen­thal hin­gegen spielte schon mit zwölf so sou­verän auf der Psy­cho­kla­viatur wie ein Großer. Die Schlacht­rufe seiner Elf drangen in unsere Kabine, wo wir unsere nach Lenor rie­chenden Tri­kots aus dem Alukoffer zogen. Ofen­frisch – Bäcker Mester“ war darauf geflockt. Auf denen der Sulinger stand Bul­len­schluck“. Bröt­chen gegen Kräu­ter­schnaps – ein Klas­sen­un­ter­schied, auch hier. Später musste der Schriftzug übri­gens auf Geheiß des Kreis­ver­bandes abge­klebt werden – keine Alko­hol­wer­bung in der D‑Jugend, bitte.

Als wir her­aus­traten und vor­bei­liefen an einer Ver­ti­ku­tier­walze, einem Schwenk­grill und Haake-Beck trin­kenden Rent­nern, standen die Sulinger schon auf dem Platz und grinsten wie gefähr­liche Tiere. Stefan Rosen­thal hielt den Ball hoch und unter­hielt sich nebenbei mit seinen Fans. Meine größte Leis­tung war es bis­lang gewesen, dass ich bei einem Spiel gegen den Lokal­ri­valen TSV Aschen, um das 1:0 zu sichern, kurz vor Schluss den Ball von der Sei­ten­linie aufs Dach der Grund­schule gedro­schen hatte. Richtig, Giesi!“, hatte unser Trainer gerufen, und ich war für den Augen­blick sehr stolz. Aber würde ich dem Ball heute über­haupt nah genug kommen, um ihn irgend­wohin zu dre­schen?