In unserem aktu­ellen 11FREUNDE-Spe­zial beschäf­tigen wir uns mit Die Zehn – Magier und Denker des Spiels“. Die Aus­gabe ist online bestellbar und am Kiosk eures Ver­trauens erhält­lich. »>

Die WM 2018 gab mal wieder Anlass über Typen wie ihn zu spre­chen. Wenn es im deut­schen Fuß­ball läuft, tröten Medien gern in das Horn, das die sport­liche Füh­rung des DFB bläst, von wegen der Star ist die Mann­schaft“ und nur das Kol­lektiv gewinnt Titel“. Läuft es aber daneben – und in Russ­land ist es so richtig in die Grütze gegangen – fragen sich plötz­lich alle, wie es nur angehen kann, dass es dem deut­schen Fuß­ball an Indi­vi­dua­listen, an Künst­lern und Ego­zen­tri­kern man­gelt, die, wenn‘s drauf ankommt, fast im Allein­gang den Gegner satt machen können.

Schuster hatte alles

Wer darauf eine ernst­hafte Ant­wort möchte, braucht sich nur die Kar­riere des Bernd Schuster anzu­schauen. Der Augs­burger hatte alles, was einen epo­chalen Zehner aus­zeichnet. Er ahnte Spiel­si­tua­tionen voraus. Schlug noch im fort­ge­schrit­tenen Alter mehr punkt­ge­naue Pässe aus der eigenen Hälfte an Geg­ners Straf­raum, als Netzer in seinen besten Jahren. Schuster besaß die Robust­heit des Teu­tonen, die Technik und den Inno­va­ti­ons­geist eines Süd­ame­ri­ka­ners, den Spiel­witz eines Nie­der­län­ders und die Cle­ver­ness und Zickig­keit, die damals noch Spa­niern und Ita­lie­nern nach­ge­sagt wurde.

Doch er teilte das Pro­blem vieler, die so reich­haltig mit einem spe­zi­ellen Talent gesegnet sind: Im sozialen Bereich fehlten ihm die ent­schei­denden Pro­zente, um sich in einem Land zu ent­falten, dass auch bei seiner fuß­bal­le­ri­schen Phi­lo­so­phie viel Wert darauf legt, dass alle im Gleich­schritt mar­schieren. Der ober­schwä­bi­sche Bruddler schnappte schnell ein, wenn ihm etwas nicht passte. Dabei hätte man es ihm nach­sehen können, schließ­lich war Schuster doch Licht­jahre ent­fernt von jenen Lauf­wun­dern und Zer­stö­rern, die damals für den DFB die Erfolge erkämpften.

Die kurze Epoche des Frei­geists

Mit knapp 19 wurde er schon beim frisch­ge­ba­ckenen Double-Gewinner, dem 1. FC Köln, von Hennes Weis­weiler zum Leader bestimmt. Er war viel zu früh viel zu gut, um sich vom hem­menden Kol­lek­tiv­ge­danken seiner Inno­va­tion berauben zu lassen. Günter Netzer, wie Schuster ein Frei­geist, ent­stammte einer anderen Genera­tion. Er war auf­ge­wachsen im Sport­schu­len­klima der frühen Sech­ziger, wo ein Fuß­baller gar nicht durchkam, wenn er nicht ein Min­destmaß an Anpas­sungs­fä­hig­keit besaß. Netzer musste sich erst frei schwimmen. Und er besaß genug Intel­lekt und Talent, um im pro­vin­zi­ellen Mön­chen­glad­bach zu einem Fürsten des Rasen­vier­ecks zu gedeihen, wie es vor ihm keinen gegeben hatte. Netzer nutzte auch sein Momentum bei der Natio­nalelf, als zu Beginn der Sieb­ziger beim DFB für einen Augen­blick Chaos und Frei­heit die Struktur im System vor­gaben – nicht zuletzt, weil neben ihm zahl­lose andere hoch­ta­len­tierte Spieler zau­berten. Und er war anschlie­ßend schlau genug zu erkennen, dass sein Rivale Wolf­gang Overath der geeig­ne­tere Natio­nal­spieler war, als sich der kurze Sturm der Euphorie zugunsten des gewohnten Ergeb­nis­fuß­balls zur WM 1974 wieder legte.