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3. Liga

Seite 2: Von blanker Angst zu grenzenlosem Jubel

Ich saß auf der Tri­büne und bekam es mit der blanken Angst zu tun. Ich stu­dierte Mimik und Gestik des Sta­di­on­spre­chers, der schräg vor mir saß. Er müsste doch eine Ahnung haben. Die schei­ßende Angst oder doch das lockere sichere Gefühl, dass die Jungs das da unten noch biegen werden. Ich wurde jedoch nicht recht schlau.

Und dann! Elf­meter für Hansa in der 41. Minute. Bentley Baxter Bahn über­nahm Ver­ant­wor­tung, ver­zö­gerte kurz beim Anlauf und brachte den Ball schließ­lich unter. Die Augen wurden feucht, die Fäuste geballt. Alter Schwede, was für eine Ent­las­tung. Dreimal brüllte der Sta­di­on­spre­cher das Bentley Baxter Bahn“ in das Mikro. Auf der Süd­tri­büne wurde nun wieder Fahrt auf­ge­nommen. Kurios: Draußen im Leicht­ath­le­tik­sta­dion gab es kurz zuvor bereits einen Jubel. Irgendwer hatte eine fal­sche Nach­richt ins Spiel gebracht, und plötz­lich ver­brei­tete sich der Jubel wie eine Welle durch die dort anwe­senden Massen.

Schwing dein Teil!

Die Nerven. Das Herz. Und auch der Magen schmerzte nun. Zur Pause ging ich eine Brat­wurst und ein bier­ähn­li­ches Getränk holen. Wäh­rend ich 20 Minuten in der Schlange stand, ließ ich noch einmal alles Revue pas­sieren. Das legen­däre 1:1 gegen Ein­tracht Frank­furt im Ber­liner Olym­pia­sta­dion im Oktober 1995, als beim Ros­to­cker Aus­gleichs­treffer die Freu­den­tränen aus den Augen schossen. Ich musste an den Ros­to­cker Auf­tritt im alten Kölner Mün­gers­dorfer Sta­dion am 2. Mai 1992 denken. Oben die Kölner Hools im Block 38, unten die schmerz­freien Hansa-Fans. Einer von ihnen zog in der zweiten Halb­zeit blank, prä­sen­tierte den Jungs auf dem Ober­rang sein bestes Stück und ließ die Fleisch­peit­sche schwingen. Ähn­li­ches trug sich auf dem Rasen des Leicht­ath­le­tik­sta­dions zu: Nur mit Schuhen lief ein Ros­to­cker eine Runde über die Tar­tan­bahn und schwenkte in Mara­dona-Manier das Shirt.

Ich hin­gegen ließ in der zweiten Halb­zeit nichts schwingen, son­dern rieb immer wieder meine Hände an den Knien, knautschte am Hansa-Schal, stopfte die Wurst als Ganzes in mich rein, trank das Bier auf Ex und konnte kaum noch hin­schauen. Groß­artig war aber zu sehen, wie sich die Mann­schaft wieder rein­hängte. Trainer Jens Härtel hatte wirk­lich ein Team geschaffen. Zwar nicht das spiel­stärkste der Liga, dafür aber eins, für wel­ches das Motto Einer für alle – alle für einen!“ maß­ge­schnei­dert war. Sen­sa­tio­nell, wie Jan Löh­manns­röben kurz vor Schluss wie ein Ber­serker an der Außen­bahn einem vor­an­stür­menden Lübe­cker hin­ter­her­rannte, ihn ein­holte und ihm anschlie­ßend sogar den Ball abnehmen konnte! Was für eine Moral! Was für Fighter! Machte einer einen Fehler, bügelte ein anderer diesen aus. Diese Mann­schaft hat den Auf­stieg defi­nitiv ver­dient.

Bra­chiales Ahu!“

Die letzten Minuten liefen. Gän­se­haut. Die Zuschauer wurden immer lauter, die Vor­freude wuchs ins Uner­mess­liche. Erste Ben­galen wurden auf der Süd gezündet, Ober­körper wurden frei­ge­legt, blauer Rauch stieg auf. In den letzten Minuten hatte Hansa schließ­lich alles im Griff. Der VfB Lübeck hatte groß­artig auf­ge­spielt, aber viel­leicht wollte man so kurz vor Schluss nicht mehr die Party ver­sauen. Als nach zwei Minuten Nach­spiel­zeit Schieds­richter Robert Schröder schließ­lich das Spiel abpfiff, gab es kein Halten mehr. Das Ost­see­sta­dion stand Kopf. Von draußen drängten zahl­reiche Fans auf die Süd­tri­büne, die recht bald prop­pen­voll war und Sup­port vom Feinsten bot. Bra­chial hallten das Ahu!“ und das Scheiß St. Pauli!“ über die Ränge. Auf dem Rasen fei­erten die Spieler fre­ne­tisch den Auf­stieg und rannten geschlossen zur Süd­tri­büne. Ton­nen­lasten fielen ab. So recht begreifen und glauben konnte man das Ganze jedoch noch nicht.

Danke für Euren Rück­halt! 3. Liga end­lich vorbei – der FCH in Liga in zwei“ war auf einem von den Spie­lern gehal­tenen Trans­pa­rent zu lesen. Schalke, Bremen, HSV, St. Pauli, Nürn­berg, Dresden, Düs­sel­dorf und even­tuell noch die Geiß­böcke aus Köln. Was wird das für eine Saison!

Nach einem Hansa forever“ ver­la­gerte sich die Party langsam nach draußen. Vor der Nord­tri­büne ließen vor den Augen der Polizei ein paar Fans die Töpfe qualmen, als sei es das Nor­malste der Welt. Glück­liche Gesichter so weit das Auge reichte. Wäh­rend später tau­sende Hansa-Fans zum Rat­haus zogen und dort bis in die Abend­stunden eine wei­tere sen­sa­tio­nelle far­ben­frohe Party fei­erten, gaben zahl­reiche ältere Ros­to­cker ihr Stell­dichein vor dem Ver­eins­heim Rote Erde“. In wohl gefüllte Ein­kaufs­tüten durfte stets hin­ein­ge­griffen werden, der Alkohol floss in Strömen, manch einer lag sich glück­selig in den Armen. Wäh­rend weiter hinten der Rauch auf­stieg, wurden vor dem Ver­eins­heim ein paar Fackeln ange­rissen. Nie mehr dritte Liga, nie mehr, nie mehr“, hallte es laut über den Platz. Der FCH ist wieder da! Und selbst bei den ganz Alten, die wahr­lich schon einiges mit­er­lebt haben, wurden in Anbe­tracht dessen die Augen feucht.

Marco bertram kaperfahrten

Der Autor Marco Bertram (Jahr­gang 1973) brachte Ende 2020 den 512-sei­tigen Wälzer Kaper­fahrten – mit der Kogge durch stür­mi­sche See“, an dem rund 20 Hansa-Fans mit­ge­ar­beitet haben, auf den Markt. Infos zum Buch: www​.marco​-bertram​.de

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