Noch 370 Tage. Noch ein Jahr und fünf Tage, bis im al-Bayt-Sta­dion in Al-Chaur das Eröff­nungs­spiel der WM 2022 ange­pfiffen wird. Die ersten Mann­schaften sind bereits qua­li­fi­ziert, auch die ersten Teil­nehmer der Play­offs stehen fest. Die meisten Sta­dien sind bereits fer­tig­ge­stellt. Fer­tig­ge­stellt von Migranten, die dort unter wid­rigen Bedin­gungen arbeiten – und die in vielen Fällen mit ihrem Leben dafür bezahlt haben. Berichten zufolge starben seit der Ver­gabe der WM an Katar Tau­sende Arbeits­mi­granten.

Ange­sichts des inter­na­tio­nalen Drucks führte Katar im August 2020 umfas­sende Arbeits­markt­re­formen ein: Min­dest­löhne, Strafen für aus­blei­bende Lohn­zah­lungen, ver­ein­fachte Arbeit­ge­ber­wechsel, erleich­terte Aus­reisen. Rund 15 Monate später hat Amnesty Inter­na­tional diese Reformen einem Rea­lity Check“ unter­zogen. Die Bilanz fällt ernüch­ternd aus.

Die Akte Katar

Wie der Wüs­ten­staat sich eine WM kaufte und Wan­der­ar­beiter dafür teuer bezahlten

In dem Papier kommt die Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tion zu dem Schluss, dass Fort­schritte 2021 sta­gnierten und alte miss­bräuch­liche Prak­tiken sogar wieder auf­ge­taucht sind.“ So würden Arbeits­kräfte immer noch berichten, dass sie beim Arbeits­platz­wechsel wei­terhin auf erheb­liche Hürden stoßen und von Arbeit­ge­bern unter Druck gesetzt würden. Auch würden Löhne wei­terhin gar nicht oder ver­spätet gezahlt. Zugänge zu Gewerk­schaften oder Justiz seien blo­ckiert, Todes­fälle, die mög­li­cher­weise im Zusam­men­hang mit den Arbeits­be­din­gungen stehen könnten, würden nicht unter­sucht.

Was es jetzt braucht, ist echter poli­ti­scher Wille der kata­ri­schen Regie­rung, die ange­sto­ßenen Reformen kon­se­quent und ohne Wenn und Aber umzu­setzen“, sagt Katja Müller-Fahl­busch, Expertin für die Region Naher Osten und Nord­afrika bei Amnesty Inter­na­tional in Deutsch­land. Alle bis­he­rigen Fort­schritte werden zunichte gemacht, wenn sich Katar damit zufrie­den­gibt, dass die Maß­nahmen quasi nur auf dem Papier exis­tieren und in der Praxis nicht umge­setzt werden.“

Ver­bände in der Pflicht

Im Hin­blick auf die nach wie vor pre­käre Situa­tion vieler Arbeits­mi­granten nimmt Amnesty Inter­na­tional auch die Fuß­ball­ver­bände in die Pflicht: Die FIFA muss die mit dem Tur­nier ver­bun­denen Men­schen­rechts­ri­siken erkennen, ver­hin­dern, min­dern und beheben“, heißt es. Der Welt­ver­band müsse öffent­lich seine Stimme erheben, um die Regie­rung Katars auf­zu­for­dern, ihre Arbeits­re­formen noch vor dem Eröff­nungs­spiel der Welt­meis­ter­schaft umzu­setzen.“

Auch für natio­nale Ver­bände wie den DFB müssten die Ergeb­nisse des Berichts ein Weckruf“ sein. Wenn sie sich ernst­haft und nach­haltig für die Rechte der Arbeitsmigrant_​innen in Katar ein­setzen möchten, müssen sie mehr tun – und zwar jetzt“, sagt Müller-Fahl­busch. Gegen­über dem Kicker fand sie aber auch lobende Worte für den Ver­band, der im April eine Posi­tio­nie­rung zu Katar ver­ab­schiedet hatte : Auch die Spieler der Natio­nal­mann­schaft haben mit ihrer T‑S­hirt-Aktion ein wich­tiges Zei­chen gesetzt.“

Öffent­liche Äuße­rungen dürfen nicht ein­malig sein, wenn sie etwas bewirken sollen“

Katja Müller-Fahlbusch

Gleich­zeitig for­derte die Expertin, in der Ange­le­gen­heit nicht nach­zu­lassen. Das alles ist ein guter Aus­gangs­punkt. Öffent­liche Äuße­rungen dürfen aus unserer Sicht aber nicht ein­malig sein, wenn sie etwas bewirken sollen.“

Und Reformen dürften nicht nur auf Papier stehen. Sie müssten eben auch einem Rea­li­tätscheck stand­halten.

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