Seite 2: 120 Minuten und ein letzter Schuss

Das Ver­lieren gehört zur DNA des SV Meppen. Ich erin­nere mich kaum an große Momenten bei diesem Verein. Aber an Pleiten in bit­ter­kalten Tagen. Mein erstes Spiel: ein 0:2 gegen Carl Zeiss Jena. Kurz darauf folgte der Abstieg aus der zweiten Liga. Nie­der­lagen um Nie­der­lagen in einem Mikro­kosmos. Par­allel dazu ver­loren wir auch fast jedes Jugend­spiel. Meppen bedeu­tete immer Ver­lieren. Und stures Warten auf den Moment, in dem die alten Zeiten wieder auf­leben würden.

Meppen bedeu­tete aber auch immer Papa. Der Mann, der später dann meinen Bruder trai­nierte (neben­säch­lich zu erwähnen, dass er mit ihm, natür­lich, unzäh­lige Kreis­meis­ter­meis­ter­schaften gewann) und noch heute in der Jugend­ab­tei­lung des Ver­eins aktiv ist. Des­halb war der SV Meppen immer auch der Schlüssel zu einem Gespräch. Als ich längst nicht mehr daheim lebte, aber zu Besuch war, öff­nete sich die Tür, sobald ich nach dem SV Meppen fragte. Leben­dige Dis­kus­sionen. Wei­tere Nie­der­lagen.

Hinter der Bank von Waldhof

Bis zu dieser Saison. Plötz­lich war in Meppen alles anders. Die Mann­schaft, sogar gespickt mit einigen Ein­hei­mi­schen und tollen Fuß­bal­lern, gewann Spiel um Spiel. Und ver­geigte es nicht, son­dern wurde jede Woche besser und am Ende sogar Meister der Regio­nal­liga. Was für ein Team! Zum Rele­ga­ti­ons­fi­nale zur 3. Liga hatten wir uns alle­samt Urlaub nehmen müssen, waren aber wieder vor Ort. Die Freunde aus der D‑Jugend saßen, wie üblich, direkt hinter der Gäs­te­bank, wo an diesem Abend die Mann­schaft von Waldhof Mann­heim saß, und gemeinsam 120 dra­ma­ti­sche Minuten sah. Bis es zum Elf­me­ter­schießen kam und ich ent­schied, dass es nun genüge. Nein, es ging nicht um Leben und Tod, und trotz­dessen wuchs in den Sekunden, als die Trainer ihre Schützen bestimmten, die Erkenntnis, dass der Verein eine Nie­der­lage nicht über­leben würde. Jetzt oder nie. Und ich konnte nicht hin­sehen. Alles zu viel.

Bis zum letzten Elf­meter. Bis zum letzten Schuss.

Dann schritt Wald­hofs Sebas­tian Gärtner nach vorne. Mep­pens Tor­wart war schon beim Anlauf geschlagen, völlig in der fal­schen Ecke unter­wegs. Und Gärtner schoss den Ball auf die anderen Seite – an den Pfosten. Dann: Pause. Für einen Hun­der­s­tel­bruch­teil stand alles still, bis Gärtner auf den Boden fiel und der Beton zu beben begann.

Ich rannte umher, sprang über die mor­schen Holz­bänke; in die Arme von Freunden und Fremden, Jajaaja“ brül­lend und noch viel mehr. Es war ein unbe­schreib­li­ches Gefühl, als der wahn­wit­zige Fuß­ball mich und mein Herz im Innersten gepackt hatte.

Echter Fuß­ball eben

Es sollte nur der Auf­takt zu einem wun­der­baren Abend werden. Und sport­lich nur der hellste Moment eines Jahres, das in dieser Nacht im Mai erst begonnen und Der­by­siege gegen Osna­brück, Spiele in Ros­tock und Nie­der­lagen in Würz­burg ver­spro­chen hatte. Echter Fuß­ball eben. Davon ahnten wir höchs­tens, als wir uns beru­higt hatten und an der Balus­trade lehnten. Und nahezu unbe­merkt, weil der Blick auf dem Rasen lag, der gefüllt war von den Fans und Men­schen der Stadt, kam mein Vater die Treppen hin­unter. Stellte sich zu mir und sagte: Nicht schlecht“. Und mir liefen die Tränen übers Gesicht, waren nicht mehr auf­zu­halten. Wir erlebten diesen Moment gemeinsam. Mein Moment des Jahres.