Nein, das würde ich mir nicht ansehen. Nach dem ersten Elf­meter hatte ich mich ent­schieden. Kein Blick mehr aufs Spiel­feld, die Augen waren auf die rauen Holz­bänke unter mir gerichtet. Ich hörte Men­schen schreien und rufen. Schul­ter­klopfen. Herz­rasen. Alles zu viel.

Fuß­ball in Ver­bin­dung mit über­mä­ßigen Emo­tionen waren mir stets suspekt gewesen. Natür­lich, in den großen Spielen begannen irgend­wann die Beine zu zit­tern. Wenn der Span­nungs­bogen über Gebühr stra­pa­ziert wird, dann ist es nach­voll­ziehbar, dass Sta­di­on­beton bebt. Und auch wenn Bill Shankly im über­tra­genen Sinne recht hat, hängen Leben und Tod nicht vom Fuß­ball ab, dachte ich. Dann kam der SV Meppen.

Finde ich nicht schlecht“

Mein Vater ist ein intro­ver­tierter Mann. Nie­mand, der zu plötz­li­chen Gefühls­aus­brü­chen neigt und wohl auch des­halb ist unser Ver­hältnis eher von Auto­rität geprägt. Wahr­schein­lich und natür­lich sorgt sich mein Vater nur darum, dass seine Kinder die glei­chen Fehler wie er begehen könnten. Und seine Erzie­hung führte schließ­lich dazu, dass mein Bruder und ich seine Ent­schei­dungen nicht oft infrage stellten, aber eben auch sonst nur selten tie­fer­ge­hende Worte mit­ein­ander wech­selten. Ein Finde ich nicht schlecht“ von ihm kam zu dieser Zeit oft einem Son­derlob gleich.

Nur an einem Ort war das immer anders: auf dem Fuß­ball­platz.

Zwei Jahre trai­nierte mein Vater unsere Mann­schaft. In der D‑Jugend, dessen Kern bis heute freund­schaft­lich ver­bunden ist. Wenn mein Vater den Ball­sack aus dem Kof­fer­raum hievte, begannen für mich die glück­lichsten Stunden meiner Kind­heit. Mit Freunden und Freude auf den abge­le­genen Trai­nings­plätzen meiner Heimat umrahmt von Dou­gla­sien und dunklem Sand.

Der Daumen

Und am Sei­ten­rand mein Papa, der aus sich her­aus­ging. Extra-Ein­heiten im Schnee orga­ni­sierte und frei­willig zu ent­fern­teren Tur­nieren fuhr. An was ich mich aber beson­ders erin­nere, war sein Daumen. Nach jedem Tor, nach jeder guten Aktion, stand er an der Linie und reckte seinen Daumen. Sonst nichts, aber es bedeu­tete mir alles. Also schoss ich Tore, strengte mich an und schaute anschlie­ßend sofort zur Seite. Da war dann der Daumen. So viel mehr als ein Finde ich nicht schlecht“. Ein echtes richtig gut gemacht“.

Neben­säch­lich, dass wir zu dieser Zeit einen ganz guten Fuß­ball spielten. Zwei Wochen vor Sai­son­ende fehlte uns ein ein­ziger Sieg, um im Finale der Kreis­meis­ter­schaft zu stehen. Und natür­lich ver­geigten wir es. Erst ein Unent­schieden gegen den Stadt­ri­valen Union. Wir ver­schossen in letzter Minute einen Elf­meter. Dann, am letzten Spieltag, zit­terten unsere Beine schon vor Anpfiff. Weil auf dieser platten Wiese in Herz­lake kein Beton zum Beben oder nur zum Dahinter-Ver­ste­cken zu finden war, gingen wir ein­fach unter. 0:4 nach zehn Minuten. Es tut mir bis heute sehr leid.