Echtes Der­by­fieber zwi­schen ver­bissen um die Vor­herr­schaft rin­genden Nach­barn gibt es heute nur noch in Aus­nah­me­fällen, wie zum Bei­spiel in Glasgow, Istanbul oder Athen. Oder da, wo es fast aus­schließ­lich Ver­lierer gibt, die ihr letztes biss­chen Stolz bewahren wollen, wie in vielen Ligen des ehe­ma­ligen Ost­blocks. Oder in Süd­ame­rika. Nicht ohne Grund finden sich zahl­reiche ost­eu­ro­päi­sche und latein­ame­ri­ka­ni­sche Derbys in den Bes­ten­listen von foot​ball​der​bies​.com, einer enga­gierten, wenn auch ein biss­chen nerdigen Web­site zum Thema, die für jedes Derby von Bedeu­tung ein Rating ver­gibt, wobei die Macher zwi­schen Stadt­du­ellen, regio- nalen Derbys wie Dort­mund / Schalke oder New­castle / Sun­der­land und gewach­senen Riva­li­täten unter­scheiden. Zu letz­teren zählt nicht nur der spa­ni­sche Super­cla­sico, son­dern auch so heikle Auf­ein­an­der­treffen wie das von Ajax Ams­terdam und Feye­noord Rot­terdam oder der kroa­ti­sche Kriegs­schau­platz Hajduk Split gegen Dinamo Zagreb. Eigent­lich ist die Idee des Derbys aller­dings eine andere: Es geht darum, wer der Herr im gemein­samen Haus ist.



Was aber macht ein echtes Derby zu einem so ein­zig­ar­tigen Spiel, das oft­mals eine Bedeu­tung hat, die mit der Tabel­len­si­tua­tion nicht ansatz­weise argu­men­tativ zu begründen ist? Egal, wie ihr abschneidet, wenn ihr gegen die Stadt bei Lüden­scheid gewinnt, ist es eine gute Saison.“: So schwa­dro­niert man gerne auf Schalke zuun­gunsten Borussia Dort­munds, wogegen die Dort­munder beim Blick auf das Klas­se­ment schon mal gnädig ein Auge zudrü­cken, solange nur Herne-West“ in den direkten Duellen ordent­lich eins auf die Mütze bekommt. Eine Über­hö­hung, die Trai­nern graue Haare wachsen lässt, weil sie sich von den Rängen auf das Spiel­feld über­tragen kann und für eine Ver­schie­bung der Prio­ri­täten sorgt, die im Pro­fi­fuß­ball sonst eigent­lich gelten sollten: Für ein Spiel gibt es maximal drei Punkte, und wer am Ende der Saison die meisten Zähler gesam­melt hat, schneidet am besten ab. In dieser nüch­ternen Arith­metik ist aber nicht berück­sich­tigt, dass sich Spieler in Derbys die Seele aus dem Leib rennen und dabei einen Sub­stanz­ver­lust beklagen, der ein paar Tage später zu einer über­ra­schenden Heim­nie­der­lage gegen einen ver­meint­li­chen Abstiegs­kan­di­daten führen kann; dass sich erhitzte Gemüter zu einer Tät­lich­keit hin­reißen lassen, in deren Nach­gang sie wochen­lang aus dem Ver­kehr gezogen werden; dass ein Erfolg oder Miss­erfolg im Derby eine ganze Spiel­zeit kippen kann.

Dieses warme Gefühl der Zuver­sicht“

Der ehe­ma­lige eng­li­sche Natio­nal­spieler John Col­lins, der in seiner Kar­riere unzäh­lige Der­by­er­fah­rungen gesam­melt hat (u.a. in Edin­burgh, Glasgow und Liver­pool), hat das Phä­nomen in einem Inter­view mit der eng­li­schen Zei­tung The Inde­pen­dent“ sehr gut beschrieben. Ein Derby ist etwas Ein­zig­ar­tiges und in seinem Ver­lauf völlig unvor­her­sehbar“, sagt Col­lins. Du kannst einen fürch­ter­li­chen Nega­tiv­lauf haben und alle deine Schlüs­sel­spieler sind außer Form. Dann aber schießt du ein frühes Tor, die Zuschauer gehen aus sich heraus und plötz­lich spürst du dieses warme Gefühl der Zuver­sicht durch deine Adern strömen.“

Col­lins weiß aber auch zu berichten, dass ins­be­son­dere das Old Firm“ in Glasgow nicht allen Spie­lern gut getan hat. Wäh­rend einer wie er es liebte, dabei zu sein, fingen andere Akteure ange­sichts der Atmo­sphäre buch­stäb­lich an zu zit­tern. Die all­ge­meine Auf­re­gung führte dazu, dass der Ball in den ersten Minuten oft wie in einem Flipper unkon­trol­liert hin und her sprang, außerdem waren die Gesetze von Raum und Zeit außer Kraft gesetzt. Im Ibrox-Sta­dion gibt es eine große Uhr“, erzählt Col­lins. Du hast hoch­ge­blickt und gesehen, dass bereits 43 Minuten um sind. Dabei hät­test du gedacht, dass das Spiel gerade erst begonnen hat.“



In solch einem Ambi­ente kann sich Außer­or­dent­li­ches zutragen, auf den Rängen wie auf dem Spiel­feld. Im besten Fall kul­mi­niert beides zu einem vibrie­renden Etwas, an das sich noch Jahre später alle Betei­ligten leb­haft erin­nern. Als am 5. April 1992 im argen­ti­ni­schen La Plata ein gewisser José Per­domo mit einem wun­der­schönen Frei­stoß das 1:0 für Esgrima gegen den Lokal­ri­valen Estu­di­antes erzielte, ras­teten die Leute auf den Rängen derart aus, dass das in der Nähe gele­gene seis­mo­lo­gi­sche Institut ein leichtes Erd­beben regis­trierte.

Wer hat Old Traf­ford bom­bar­diert? Uwes Opa!

Womit nicht ver­schwiegen werden soll, dass es in Derbys auch die tor­losen Unent­schieden der öden Art gibt, viel­leicht öfter noch als in anderen Kon­stel­la­tionen, weil die Bedeu­tung des Ereig­nisses auch die Beine lähmen kann. Und nicht alles, was sich Fans anläss­lich eines Lokal­du­ells ein­fallen lassen, ent­spricht der Men­schen­rechts­kon­ven­tion der Ver­einten Nationen. Dass die Ver­pflich­tung des Deut­schen Uwe Rösler die Anhänger von Man­chester City zu dem Schlachtruf Wer hat Old Traf­ford bom­ba­diert? Uwes Opa!“ ani­mierte, mag noch als typisch bri­ti­scher Humor durch­gehen. Doch gerade im Osten Europas, zum Teil auch in Süd­ame­rika, wird die dritte Halb­zeit mit einer Verve aus­ge­tragen, die immer wieder Opfer for­dert. So wurde ein füh­rendes Mit­glied des Boca-Fan­klubs La 12“ im Früh­jahr 1994 beschul­digt, nach dem argen­ti­ni­schen Super­cla­sico die Ermor­dung zweier River-Plate-Fans in Auf­trag gegeben zu haben. Gera­dezu per­vers auch, was Ultras von Aris Salo­niki nach einem ver­lo­renen Derby gegen PAOK ein­fiel: Als ihnen einen schwarz-weißer Hund über den Weg lief (die Ver­eins­farben von PAOK), über­gossen sie den armen Köter mit Benzin und zün­deten ihn an.

Im besten Fall aber sind Derbys ein erfreu­li­cher Ana­chro­nismus der Fuß­ball­ge­schichte, ein Ereignis, wo an einem guten Tag noch die Magie des Moments über Geld und Kalkül tri­um­phieren kann. Die gele­gent­lich mons­trösen Neben­ge­räu­sche muss man dabei in Kauf nehmen – Derbys sind nicht gerecht und schon gar nicht poli­tisch kor­rekt. Natür­lich ist es für jeden auf­ge­klärten Men­schen ein hane­bü­chener Schwach­sinn, dass Alex Fer­guson die Glasgow Ran­gers ver­lassen musste, weil er die fal­sche Frau zur Braut gewählt hatte. Aber es ist ihm ja auch danach noch eine ganz ordent­liche Kar­riere gelungen. Und er ist seit 44 Jahren glück­lich ver­hei­ratet.