Als Regis­seur Peter Jackson im Winter 2012 den Kino­film Der Hobbit“ prä­sen­tierte, war das eine uner­war­tete Reise. Nicht nur für ihn, son­dern vor allem auch für die Zuschauer, denn erst­mals wurde ein Film mit der soge­nannten dop­pelten Frame­rate gezeigt. Statt der bis dahin indus­trie­üb­li­chen 24 Bil­dern, die pro Sekunde abge­spielt einen Film dar­stellten, waren jetzt 48 Bilder in rasender Geschwin­dig­keit zu sehen. Der Effekt: In schnellen Bewe­gungen der Prot­ago­nisten war das Bild wesent­lich schärfer – und die Zuschauer bekamen teil­weise in den ersten Minuten etwas Kopf­schmerzen von der höheren Bild­rate, ehe sich der Seh­nerv an die neuen Mög­lich­keiten gewöhnt hatte.

Ist Abseits wirk­lich Abseits?

Kopf­schmerzen bereitet seit diesem Wochen­ende übri­gens auch der Video­be­weis dem eng­li­schen Fuß­ball. In dieser Saison durch­gängig ein­ge­setzt, klagen in der Pre­mier League schon seit dem ersten Wochen­ende die Fans über das neue Regel­in­stru­ment. Der Aus­löser ist eine Abseits­stel­lung von Raheem Ster­ling beim 5:0 gegen West Ham United. Eine Ent­schei­dung, die nach Mei­nung von der Daily Mail“ nicht hätte fallen dürfen. Und an der – irgendwie – auch Peter Jackson Schuld trägt.

Es ist völlig egal, ob es ein knappes Abseits ist – Abseits ist Abseits“, sagte Eng­lands Ex-Natio­nal­spieler Alan Shearer zu den Bil­dern, in denen Raheem Ster­lings Schulter ein klein wenig hinter der Abseits­linie her­aus­ragte, wes­halb das Tor seiner Mei­nung nach regel­kon­form abge­pfiffen wurde. Denn klar, Abseits ist Abseits – oder etwa nicht?

Stand­bilder schnell abge­spielt

Grund für die Zweifel bietet tat­säch­lich die Auf­lö­sungs­rate der TV-Kameras, die für den VAR ein­ge­setzt werden und die sogar mit 50 Bil­dern pro Sekunde arbeiten. Ein­fach gesagt: Alle 0.02 Sekunden nimmt die Kamera ein Stand­bild auf, legt die Bilder in dieser Geschwin­dig­keit wieder auf­ein­ander und zeigt sie dem Zuschauer, dessen Augen einen Film sehen. Das Pro­blem: In der Rea­lität bewegen sich Fuß­baller und Fuß­ball nicht nur alle 0.02 Sekunden, son­dern eben ständig. Und der VAR ist für Abseits­ent­schei­dungen mit so knappem Aus­gang zu ungenau.

Die Daily Mail“ zeigte für die Beweis­füh­rung des­halb nur genau zwei direkt auf­ein­an­der­fol­gende Situa­tionen: In der ersten Auf­nahme hatte der Spieler den Ball noch nicht gespielt, Ster­ling stand in diesem Moment auch noch nicht im Abseits. Im dar­auf­fol­genden Bild, das exakt 0.02 Sekunden später auf­ge­nommen wurde, hatte der Ball den Fuß des Pass­spie­lers klar ver­lassen. Und Ster­ling stand in dieser Auf­nahme 2,4 Zen­ti­meter im Abseits. Das Pro­blem: Der Spieler hatte sich zu diesem Zeit­punkt mit 23,4 km/​h über den Platz bewegt und inner­halb der 0.02 Sekunden 13 Zen­ti­meter nach vorne gemacht.

So minimal diese Abstände auch sind, so ist doch völlig unklar, was inner­halb dieser 0.02 Sekunden geschehen ist. Wann genau wurde der Ball gespielt? Stand Ster­ling in exakt diesem Moment schon im Abseits oder noch nicht? Und wie bewegte sich die Vie­rer­kette in diesen 0.02 Sekunden? Einen Beweis gibt es nicht, die Kamera kann nicht mehr Bilder hin­ter­ein­ander auf­nehmen – und schei­tert im Hun­der­stel­be­reich an der Rea­lität.

Grau­be­reich

Laut der Daily Mail“ dürften Abseits­ent­schei­dungen, die sich anhand dieser zwei Bilder nicht auf­lösen lassen, gar nicht gefällt werden. Es sind so knappe Ent­schei­dungen, in denen weder mit dem mensch­li­chen Auge noch mit hoch­auf­lö­senden Kameras zwei­fels­frei ent­schieden werden kann, ob Abseits wirk­lich Abseits war. Und in denen Tore des­halb zählen müssten.

Oder wie es in der ana­logen Zeit noch hieß: Im Zweifel für den Angreifer.