Holger Strom­berg, wie viele LKW-Ladungen werden Anfang Juni das deut­sche EM-Quar­tier Oli­venhof“ in Danzig ansteuern, um die dor­tige Küche auf­zu­füllen?
Von LKW-Ladungen“ brau­chen wir gar nicht zu spre­chen. Es sind maximal zwei Euro­paletten, die wir für die Küche nach Danzig bringen lassen werden. In der einen sind ver­schie­dene Gewürze, Getrei­de­sorten und Öle – Zutaten, die ich ein­fach immer gerne dabei habe. Quasi mein Mal­kasten, wenn Sie so wollen. In der zweiten Palette sind ver­schie­dene Müs­lis­orten oder auch Din­kel­cra­cker von unserem Partner Rewe.
 
Sollen unsere Natio­nal­spieler bei Müsli und Cra­cker darben?
Natür­lich nicht. Der kom­plette Spei­se­plan wird mit regio­nalen Pro­dukten aus Danzig und Umge­bung auf­ge­füllt. Das mache ich eigent­lich immer so. Seit ich 2007 für die Natio­nal­mann­schaft koche, mache ich das immer so, dass wir Fleisch, Fisch, Gemüse und andere Pro­dukte vor Ort ein­kaufe. Wir wollen ja gute Gäste sein, da käme es sicher­lich nicht so gut an, wenn wir nur mit Pro­dukten aus Deutsch­land anrü­cken würden.
 
Aber der Spei­se­plan ist doch typisch deutsch sicher­lich bis zum Abrei­setag bis ins kleinste Detail schon auf­ge­stellt worden, oder?
Da muss ich Sie ent­täu­schen. Die erste Woche in Danzig steht. Aber alles was danach kommt, werden wir relativ kurz­fristig planen. Schließ­lich will ich mir und uns eine gewisse Fle­xi­bi­lität bewahren.
 
Wie sieht die aus?
Ich werde wäh­rend der EM häufig unter­wegs sein, um mög­lichst fri­sche und unbe­las­tete Lebens­mittel ein­zu­kaufen. Danzig ist ja eine Hafen­stadt. Wenn da etwa bei unseren Trai­nings­la­gern uf Sar­di­nien oder in Süd­frank­reich dann am Dienstag ein Fischer­boot fri­sche Osc­to­pusse bringt, kann es sehr gut sein, dass am Mitt­woch Octo­puss auf dem Spei­se­plan steht. Außerdem infor­miere ich mich vor Ort bei den Köchen und Küchen­hel­fern des Hotels, vor Ort, frage, was sie so im Hotel favo­ri­sieren und was sie zu Hause essen, welche Speisen sie unseren Jungs emp­fehlen können. Danach stimme ich bei­spiels­weise auch in Polen meinen Plan ab.
 
Sie spra­chen davon, dass die erste Woche der Pla­nung bereits steht. Was können die Spieler erwarten?
Wie jeden Tag im Quar­tier wird es eine reich­hal­tige Salatbar geben, an der sich das Team bedienen kann. Dazu Vor­speisen wie klare pol­ni­sche Suppen und die tra­di­tio­nellen Pie­rogi, Teig­ta­schen, die mit Kohl oder Hack­fleisch gefüllt sind. Bei den Haupt­speisen stehen unter anderem Zan­der­filet mit pol­ni­schem Spargel, ganzes Hühn­chen mit Ros­marin-Kar­tof­feln oder weißer gegriller Heil­butt mit Man­deln und Zitronen bereit.
 
Lecker. Und zum Nach­tisch?
Sicher­lich auch mal eine Créme brulée, ver­schie­dene Eis­sorten, Crepes und eine Aus­wahl der pol­ni­schen Teig­spe­zia­li­täten. Aber nicht zu deftig, ich bekoche ja Fuß­baller und keine Hoch­zeits­ge­sell­schaft.
 
Fri­scher Fisch, Hühn­chen, Spargel – Herr Strom­berg, wir ver­missen den Fuß­ball­klas­siker. Wo sind die Nudeln?!
Die sind längst in die Abtei­lung Bei­lage abge­rutscht. Natür­lich sind Nudeln täg­li­cher Bestand­teil unseres Spei­se­plans. Fuß­baller bekommen schon von Kind­heit an Pasta, Pasta, Pasta. Daher freuen sie sich über neue Alter­na­tiven, denn für die täg­liche Zufuhr an Koh­len­hy­draten braucht es nicht unbe­dingt immer Nudeln. Dafür ist auch ein Grau­pen­salat oder Cous­cous ganz wun­derbar geeignet.
 
Mit Mesut Özil, Sami Khe­dira und Ilkay Gün­dogan stehen drei Spieler mus­li­mi­schen Glau­bens im Kader. Inwie­weit berück­sich­tigen Sie das bei der Wahl des nächsten Menüs?
Da unsere Gerichte ohnehin zumeist ohne Schwei­ne­fleisch zube­reitet werden stellt sich die eigent­lich gar nicht. Viel­leicht gibt es auch mal Nudeln mit Speck, aber das ist eher die Aus­nahme. Und wenn, dann habe ich für die drei genü­gend Aus­wahl am Büf­fett zur Ver­fü­gung. Man­chen Spie­lern ist das sogar manchmal zu viel.


Wie meinen Sie das?
Die stehen dann vor dem Buffet und rufen: Mensch, Holger, da stehen drei meiner Leib­ge­richte, wie soll ich die alle essen?“
 
Was sind denn so die Lieb­lings­essen der deut­schen Natio­nal­mann­schaft?
Das ist schwer zu sagen. Es sind ja nicht nur die Spieler, die ich bekoche, son­dern auch Trainer, Offi­zi­elle, Team­mit­glieder. Ins­ge­samt 65 Per­sonen! Da kann man es nicht immer allen recht machen. Was ich bemerkt habe in den ver­gan­genen Jahren: Die Spieler sind ver­rückt nach guter deut­scher Haus­manns­kost, wenn es die spo­ra­disch mal gibt. Wenn ich ihnen ganz klas­sisch Rahms­pinat mit Kar­tof­feln und Rührei hin­stelle, dann sind sie völlig aus dem Häus­chen.

Und sonst: Wie viele Gour­mets hat Joa­chim Löw zur Ver­fü­gung?
Bis auf wenige Aus­nahmen sehen die Spieler das Essen nicht nur als reine Nah­rungs­auf­nahme, son­dern haben erstaun­lich viel Spaß dabei etwas Neues aus­zu­pro­bieren. Die sind wiss­be­gierig, inter­es­siert…
 
…und sicher­lich jeden Tag sehr hungrig.
Eher weniger! Die Hotel­be­diens­teten sind jedes Mal sehr erstaunt dar­über, wie wenig unsere Spieler essen. Wir haben eher die Lieb­haber als die Scheu­nendre­scher.
 
Wenn Sie sich einen Natio­nal­spieler als stell­ver­tre­tenden Küchen­chef aus­wählen müssten, wer wäre das?
Eigent­lich hätte ich Simon Rolfes gesagt, aber er hat es ja leider nicht in den Kader geschafft. Simon war immer extrem an meiner Arbeit inter­es­siert und sehr begeis­te­rungs­fähig. Da er nicht dabei ist, würde ich wohl Mario Gomez wählen.
 
Warum?
Als ich neu­lich das erste Mal Kanin­chen ser­vierte, da wusste Mario als ein­ziger, wie das schmeckt. (lacht) Muss wohl an seinem spa­ni­schen Vater liegen, in Spa­nien steht Kanin­chen regel­mäßig auf der Spei­se­karte!
 
Herr Strom­berg, jetzt müssen Sie als Ster­ne­koch ganz stark sein. Sie kennen doch die Geschichte von der däni­schen Natio­nal­mann­schaft, die sich vor dem Finale gegen Deutsch­land mit einem gigan­ti­schen Ein­kauf bei McDo­nalds gestärkt haben soll?
Natür­lich.
 
Undenkbar für die deut­sche Natio­nal­mann­schaft, oder?
Undenkbar ist gar nichts. Glauben Sie bloß nicht, dass ich als Ster­ne­koch nicht auch ab und zu bei McDo­nalds esse.
 
Sie wollen uns doch nur ver­kohlen.
Nein, das ist die Wahr­heit! Und auch für die Mann­schaft gibt es ab und zu mal Ham­burger, mit richtig gutem und fri­schem Fleisch. Einmal habe ich vor einigen Jahren für die Spieler sogar mal selbst einen Stapel Ham­burger in einer Filiale mit dem großen M“ besorgt.
 
Bitte?
Ich weiß leider nicht mehr, wann genau das war. Aber wir hatten gerade in Dort­mund ein wich­tiges Spiel gewonnen, der Bus rollte auf dem Weg zum Flug­hafen an einer Filiale mit dem großen M“ vorbei. Oliver Bier­hoff und ich schauten uns an. Oliver nickte, also sprang ich raus und kam mit ein paar Tüten zurück. Solche Aktionen gehören auch mal dazu, um eine Mann­schaft zu begeis­tern.