Es ist ja all­ge­mein ver­pönt, hier­zu­lande Welt­macht­be­stre­bungen zu äußern. Ist ja auch besser so. Nur beim Fuß­ball gehen mit uns öfter mal die Gäule durch. Bis heute klingen mir die ble­chernen Stimmen der Sport­re­porter in den Ohren, die um die Wen­de­zeit – und den Gewinn der WM 1990 in Ita­lien – mit plär­rendem Lands­er­stolz ver­kün­deten, die Bun­des­liga sei die stärkste Spiel­klasse der Erde. Mein Gott, was waren wir geil.

2013 bra­chen die All­machts­phan­ta­sien wieder heraus

Bald darauf aber geriet die deut­sche Eli­te­liga ins Hin­ter­treffen. Der Bedeu­tungs­ver­lust war grausam. Wie ein Fixer, der sehn­süchtig dem aller­ersten Schuss nach­hängt, sehnten wir uns fortan nach der ver­lo­ren­ge­gan­genen Hege­monie. In der Fünf­jah­res­wer­tung der UEFA fiel die Bun­des­liga auf Platz vier zurück. Wir quit­tierten die Ver­bandsa­rith­metik mit stiller Depres­sion – und in der Hoff­nung, dass wir irgend­wann in unseren recht­mä­ßigen Rang in der Welt­spitze zurück­kehren würden. Als 2013 nach der andau­ernden Dürre die Cham­pions League plötz­lich vom BVB und dem FCB domi­niert wurde, bra­chen die unter­drückten All­macht­phan­ta­sien wieder heraus. Und obwohl im März 2014 in der Europa League kein deut­scher Klub mehr ver­treten ist und auch in der Königs­klasse nur noch zwei Ver­eine mit­spielen dürfen, lassen wir uns die gute Laune nicht ver­miesen: Wir sind wieder wer! Wir sind oben, und selbst als wir unten waren, war unten irgendwie oben. Sollte jemand frech werden, lautet das Tot­schlag­ar­gu­ment neu­er­dings: Aus wel­chem Land kamen 2013 die beiden Cham­pions-League-Fina­listen?

Wie furchtbar pro­vin­ziell diese Per­spek­tive ist, durfte ich soeben wäh­rend eines Urlaubs in Fernost besich­tigen. Schon wäh­rend des Fluges berie­selte mich ein Wer­be­spot, der den Zuschauer in ein fik­tives Fuß­ball­me­tro­polis ent­führt. Dort herrscht jedoch nicht etwa der amtie­rende Welt­po­kal­sieger, son­dern das Team des FC Bar­ce­lona. Gerard Pique spielt den Zöllner, Andres Iniesta malt in Jackson-Pol­lock-Manier mit Fuß­bällen Gemälde an öffent­liche Wände und Carles Puyol mimt den Schutz­mann der alte Omas rettet, indem er fal­lende Blu­men­töpfe aus der Gefah­ren­zone köpft.

Nach der Lan­dung begrüßten mich die Spieler von Man­chester United mit dem tra­di­tio­nellen Gruß, dem Wai, auf Wer­be­pla­katen einer thai­län­di­schen Bier­marke. Beim Schlen­dern über die Basars quollen die Klei­der­stangen der flie­genden Händler über vor Tri­kots. Doch so sehr ich auch suchte, es gab aus­schließ­lich Jer­seys von Pre­mier-League-Ver­einen im Angebot. Sogar die Pro­dukt­pi­ra­terie hat offenbar noch nicht geschnallt, wie rasant es gegen­wärtig im deut­schen Fuß­ball abgeht. Am Strand spielten die Kids in Jer­seys mit Messi- und Ronaldo-Beflo­ckung. Schweini, Neuer, Reus? Fehl­an­zeige. Die Bars warben mit Auf­stel­lern für die Live­über­tra­gungen der ersten Cham­pions-League-KO-Runde, aller­dings aus­schließ­lich für Spiele mit eng­li­scher, spa­ni­scher und sogar ita­lie­ni­scher Betei­li­gung.

Ich sah Chelsea, Barca, Real, sogar Juve – aber wo waren die Deut­schen?

Kurzum: Ich kam mir vor wie ein DFL-Funk­tionär, der in George Rom­eros Zombie“-Klassiker auf­wacht. Eben war ich noch über­zeugt, dass die Welt gut ist und den Men­schen ein Wohl­ge­fallen. Ein Ort, wo wieder mit Freude auf das Gekicke der bes­seren Bun­des­li­ga­ge­sell­schaft geblickt wird. Doch nun muss ich mit Grausen fest­stellen, dass öst­lich von Bel­grad kaum jemand Notiz davon nimmt, dass der FCB – wie mir jeder Groß­kop­ferte in deut­schen Fuß­ball-Talks ständig erklären – der gegen­wärtig wohl beste Verein der Welt“ ist. Statt­dessen beherr­schen Schein­tote – Klubs wie der FC Chelsea, Man United, Barca, Real oder Juve – das düs­tere Schat­ten­reich des Welt­fuß­balls, in dem weder vitale Borussen, noch die roten Über­flieger von der Säbener und schon gar nicht die Schalker und Bayer Lever­kusen von grö­ßerer Bedeu­tung sind.

Immerhin, kurz vor meiner Abreise war ich in der Nähe eines Flug­ha­fens auf der Suche nach einem Imbiss. An einer sechs­spu­rigen Straße fand ich einen Bret­ter­ver­schlag mit Holz­ti­schen, an denen sich Ein­hei­mi­sche bei Gebra­tenem, chi­lischarfem Papa­ya­salat und eis­ge­kühltem Brandy ver­gnügten. Ich war unver­kennbar der ein­zige Euro­päer, was all­ge­mein schmun­zelnd zur Kenntnis genommen wurde, ins­be­son­dere als ich bei einer Bestel­lung todes­mutig auf die Teller deu­tete, die auf einem Nach­bar­tisch standen. Wo ich denn her­käme, wurde gefragt. Als ich Ger­many“ zur Ant­wort gab, schallte es durchaus mit Hoch­ach­tung über den Hof: Ahh, Biiier, Hitler.“ Mit einem hilf­losen Lächeln quit­tierte ich die Begriffe, die offenbar auch hier in Fernost eine gewisse Nach­hal­tig­keit im Zusam­men­hang mit meiner Heimat erzeugt haben mussten. Doch ehe ich zu einer Replik ansetzen konnte, kom­plet­tierte mein Gegen­über seine Asso­zia­ti­ons­kette: „ Ger­many: Bier, Hitler, FC Bayern!“ Es ist also noch nicht aller Tage Abend. Die Bun­des­liga ist wieder groß im Kommen.