Seite 3: Wir sangen in München: "Wenn wir wollen, kaufen wir euch auf!"

Unan­ge­nehm auf­ge­fallen war die Arminia bereits direkt nach dem Auf­stieg, als Manager Rüdiger Lamm affek­tiert grin­send im ZDF-Sport­studio ein­ge­schweißte Arminia-Tri­kots ins ent­geis­terte Publikum geworfen hatte. Nun aber brach sich der Grö­ßen­wahn end­gültig Bahn. In der Saison 2002/03 gewann Arminia das Auf­takt­spiel mit 3:0 gegen ein offenbar mit Chlo­ro­form grund­se­diertes Werder Bremen und reiste als Tabel­len­führer nach Mün­chen zu den Bayern.

Die ganze Hin­fahrt über legten wir, gegen wen Arminia in der Gruppen phase der Cham­pions League spielen würde und wie man billig an Karten fürs Ber­nabéu kam. Einer hatte eine Meister schale gemalt und trug sie fünf Stunden lang tri­um­phie­rend durch den Zug. Als wir im Münchner Haupt­bahnhof ein­fuhren, dröhnte es durch die Halle: Spit­zen­reiter, Spit­zen­reiter, hey, hey!“ Später im Sta­dion skan­dierten wir: Wenn wir wollen, kaufen wir euch auf!“ Der FC Bayern gewann das Spiel 6:2, und am Ende der Saison stiegen wir ab.

Was wir bereits für einen nie­der­schmet­ternden Tiefst­punkt hielten, sollte jedoch erst der Beginn eines dau­er­haften Sink­fluges sein, der die Arminia bis in die Kase­matten der dritten Liga und an den Rande des finan­zi­ellen Ruins führen sollte. Denn auch die Funk­tio­näre hatten offenbar fest mit einer Dau­er­prä­senz in der Königs­klasse gerechnet und eine derart luxu­riöse neue Haupt­tri­büne errichtet, dass selbst der groß­spu­rige Rüdiger Lamm vor Neid erblasst sein dürfte. Der Alt­ma­nager ließ noch preis­güns­tige Logen im rus­ti­kalen Con­tai­ner­stil errichten, in denen es nie­manden über­rascht hätte, wenn zwi­schen­durch plötz­lich ein schlecht gelaunter Bau­ar­beiter mit Bild“-Zeitung unter dem Arm zur Ver­rich­tung des großen Geschäfts her­ein­ge­schlurft gekommen wäre.

Kör­per­liche Aus­ein­an­der­set­zung im Bor­dell

In der neuen Tri­büne musste hin­gegen alles vom Feinsten sein. Bei der Eröff­nung war man­chem Besu­cher die herbe Ent­täu­schung anzu­merken, dass in den Nass­zellen kein Evian aus den Was­ser­hähnen geschossen kam. Anfangs galt dabei noch als größter Schön­heits­fehler, dass durch die auf­ge­bockte Haupt­tri­büne der Gäs­te­be­reich plötz­lich wirkte wie eine zwei­ge­schos­sige Tief­ga­rage mit Sicht­weiten unter fünf Metern. Später wurde jedoch offen­kundig, dass für die Finan­zie­rung zu erwar­tende Ein­nahmen aus zahl­rei­chen Euro­pa­po­kal­spielen ver­pfändet worden waren. Das Foto, auf dem zu Bau­be­ginn Funk­tio­näre und Bau­un­ter­nehmer gemeinsam über­heb­lich grin­send in einer Bag­ger­schaufel posiert hatten, wurde zum Sym­bol­bild für einen zum bal­digen Abriss frei­ge­ge­benen Klub.

Bei uns Anhän­gern, die nor­ma­ler­weise mit einem wohl­tem­pe­rierten Mix aus Fata­lismus und Gal­gen­humor die Gescheh­nisse auf der Alm ver­folgten, machte sich plötz­lich und viel­leicht zum ersten Mal nackte Panik breit. Was würden wir eigent­lich machen, wenn es den Verein nicht mehr gab? Etwa Dort­munder werden, wie das ganze treu­lose Pack aus den Markt­fle­cken rund­herum? Oder end­lich alle Hoff­nung fahren lassen und künftig Spiele von Han­nover 96 besu­chen? Die Ereig­nisse über­schlugen sich jeden­falls, wie immer bei Arminia nicht ohne ein paar unter­halt­same Sei­ten­stränge.

Unser alter Fan­zine-Kol­lege Hans-Joa­chim Faber grüßte plötz­lich als Not­prä­si­dent, nutzte zu unserer Ent­täu­schung die plötz­liche Macht­fülle aber nicht für die radi­kale Sen­kung der Bier­preise. Und ein zwi­schen­zeit­li­cher Geschäfts­führer kam in einem Augs­burger Bor­dell auf die schlaue Idee, über ange­mes­sene Preise dis­ku­tieren zu wollen, was zu den erwar­tenden kör­per­li­chen Aus­ein­an­der­set­zungen mit der ört­li­chen Sicher­heit und mit­tel­fristig zur Demis­sion bei Arminia führte, nachdem die erwart­bare Ent­schul­di­gung eines Film­risses durch Voll­suff zwar die dies­be­züg­lich fach­kun­digen Gre­mien über­zeugt hatte, nicht aber die Öffent­lich­keit und die zahl­rei­chen Gläu­biger.

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In der Folge ging es immer mal wieder hoch und wieder runter und wieder hoch. Und das Rele­ga­ti­ons­spiel um den Ver­bleib in der zweiten Liga im Jahr 2014 gegen Darm­stadt 98 wurde dann gerne her­an­ge­zogen, um die enorme Lei­dens­fä­hig­keit der ost­west­fä­li­schen Anhänger zu beschreiben. In der Tat blickte ich an diesem Abend auf der Tri­büne in unzäh­lige kalk­weiße Gesichter, die wie ich Zeuge eines bru­talen Spek­ta­kels geworden waren, an dessen Ende die Darm­städter nach einem Tor in der letzten Minute der Ver­län­ge­rung jubelten und sämt­liche Arminen auf dem Platz zusam­men­sanken wie Mario­netten, denen die Fäden abge­schnitten worden waren.

Es war ein Abend, an dem alles zusam­menkam, was Arminia in schlechten Momenten aus­macht: Hybris, Unver­mögen und die nötige Por­tion Pech, die Arminia nach dem Darm­städter Tor noch mal den Pfosten treffen ließ. Es hätte wohl nie­manden über­rascht, wären nach dem Schluss­pfiff auch noch rie­sige, glü­hende Gesteins­bro­cken aus dem All auf den Alm­rasen nie­der­ge­regnet.

Doch in der Rück­schau liegt längst ein milder Weich­zeichner über dem Spiel. Neu­lich habe ich mir die Ver­län­ge­rung mal wieder in voller Länge ange­schaut. Es tut gar nicht mehr weh. Weil Arminia danach prompt wieder auf­stieg und tat­säch­lich ab Herbst sogar in der Bun­des­liga spielt. Wir sollten wieder für die Cham­pions League planen. Und eine neue Tri­büne bauen, gerne auch über­teuert. Denn jetzt ist alles mög­lich. Wenn sogar der Schipp­lock trifft.