Seite 2: Der Absturz: Spiele in Schöppingen, Buer-Hassel und Marl-Hüls

Nach etwa einer Stunde traf das Schlitzohr Mat­thias Wes­ter­winter zum 1:0, und die Alm explo­dierte derart, dass Seis­mo­logen im benach­barten Aven­wedde sicher noch ihre Nadeln zit­tern sahen. Zwanzig Minuten lang rannte Arminia nun an, begleitet vom infer­na­li­schen Gebrüll der Zuschauer. Nie wieder war dieses Sta­dion so laut.

Und nie wieder war es so leise wie in der 78. Minute, als der Saar­brü­cker Sascha Jusufi aus dem Nichts per Frei­stoß zum Aus­gleich traf. Etwas später pfiff der Referee ab, neben mir rauchte ein Rentner sieben Packungen Ernte 23 in fünf Minuten, und unten auf dem Rasen saß der Mit­tel­fel­drecke Uli Büscher minu­ten­lang regungslos, bis ihn jemand in die Kabine gelei­tete.

Und jähr­lich grüßt der gleiche Sai­son­ver­lauf

Kann ein Mensch mehr Schmerz ertragen, fragte ich mich damals, gerade 13 Jahre alt geworden. Und ahnte nicht, dass mein Klub ohne grö­ßere Umwege in die Ober­liga West­falen durch­ge­reicht werden und Bill Murray die Arminia später als Inspi­ra­tion nutzen würde, um seine Rolle im Block­buster Und täg­lich grüßt das Mur­mel­tier“ beson­ders glaub­haft spielen zu können. Nur lag unser Punx­s­utawney eben in Münster, wo wir uns jedes Jahr aufs Neue eine Nie­der­lage ein­fingen, und unser Orakel war kein Mur­mel­tier, son­dern Franz Josef Colli, ein Jour­na­list der mit knar­ziger Stimme am Sonntag im WDR die Ergeb­nisse von den Plätzen in Schöp­pingen, Buer-Hassel und Marl-Hüls ver­mel­dete.

Jene Resul­tate vari­ierten, eines blieb jedoch immer gleich: Im Spät­sommer rief Arminia stets den Auf­stieg als Ziel aus, obwohl meis­tens aus Geld­mangel nur ein paar fuß­kranke Ergän­zungs­spieler ver­pflichtet worden waren, um im Früh­herbst die ersten Grot­ten­kicks abzu­lie­fern und spä­tes­tens im Februar nach der obli­ga­to­ri­schen Nie­der­lage bei Nie­sel­regen in Münster für ein wei­teres Jahr in der dritten Liga zu planen.

Arminia arminia 01 5 WEB

Thomas von Heesen! Armin Eck! Echte Bun­des­li­ga­stars im Küchen­studio

Und wer da alles durch­ge­schleust wurde! Mit­tel­feld­mann Torsten Köppe, der nach einem Tor vor dem Fan­block ent­hemmt das Trikot hoch­riss und seinen präch­tigen Bier­bauch prä­sen­tierte. Dann Stürmer Thomas Oster­mann, der immer erst beim Auf­prall auf dem Zaun der Hin­ter­tor­tri­büne begriff, dass die Flanke früher hätte kommen müssen. Und Lan­des­li­ga­spieler André Neu­städter, dem beim Sprinten links und rechts stets die Hoden aus der Buchse kul­lerten.

Sie alle mühten sich red­lich, litten aber doch sehr unter dem Zynismus, der sich über die Jahre auf der Alm breit­ge­macht hatte und der gerade unter Alko­hol­ein­fluss dazu führte, dass die Spieler oft schon nach dem ersten Fehl­pass wüst beschimpft wurden. Als 1992 Nick Hornbys Fever Pitch“ her­auskam, in dem der Autor die reich­lich kühne These ver­trat, wir Fans würden uns unseren Lieb­lings­klub nicht aus­su­chen, er würde uns statt­dessen gegeben, schauten wir ver­bit­tert hin­über aufs Spiel­feld, wo die Arminia gerade wieder mal gegen eine Kir­mes­truppe aus Holzwi­ckede, Erken­schwick oder Sölde verlor, und fragten, wel­cher ver­bit­terte, bös­ar­tige Greis uns aus­ge­rechnet diesen Klub zuge­teilt haben sollte.

Fritz Walter und Ali Daei

Wir waren des­halb auch fest davon über­zeugt, dass gleich Kurt und Paola Felix fei­xend aus der Kulisse gesprungen kommen würden, als 1995 plötz­lich echte Bun­des­li­ga­stars im Küchen­studio als Neu­zu­gänge prä­sen­tiert wurden. Thomas von Heesen! Armin Eck! Und sogar Fritz Walter, der zwar deut­lich gedrun­gener und schnauz­bär­tiger wirkte als damals in Wank­dorf, aber wir wollten ja nicht schon wieder meckern. Statt­dessen kniffen wir uns ungläubig in die Arm­beuge, weil Arminia plötz­lich sogar in Münster gewann, erst in die zweite Liga auf­stieg und dann sogar in die Bun­des­liga durch­mar­schierte. Für ein paar Jahre schien der Fluch der Erfolg­lo­sig­keit gebannt, wir erfreuten uns am alten Fritz, der Tore wie am Fließ­band schoss und nach einer Ver­let­zung von der Pro­gnose des Arztes berich­tete: Wenn es gut läuft, dauert es drei Monate, wenn es schlecht läuft, ein Vier­tel­jahr!“

Wir staunten über den ira­ni­schen Welt­tor­jäger Ali Daei, der seinen ganzen Monats­lohn in Fern­ge­spräche nach Teheran inves­tierte, und über Gian­luca Vialli, der in seiner Para­de­rolle als Giu­seppe Reina den geg­ne­ri­schen Abwehr­reihen Dop­pel­knoten in die Beine spielte. Und hatten wir uns nach der Rück­kehr in die Bun­des­liga zunächst noch so gefühlt wie ein über­ge­wich­tiger Tou­rist in San­dalen, der durch den Lie­fe­ran­ten­ein­gang irr­tüm­lich auf einer VIP-Party an der Côte d’Azur gelandet ist und gleich von Flavio Bria­tore kum­pel­haft in den Schwitz­kasten genommen wird, gewöhnten wir uns ein biss­chen zu rasch an den Gedanken, nun wieder dau­er­haft zur fuß­bal­le­ri­schen Elite zu gehören.