Seite 2: „Ich flehe euch auf meinen Knien an“

Die Aus­sagen erwe­cken den Anschein, dass Drogba vor allem dank seine Ath­letik zu einem der gefähr­lichsten Stürmer der ver­gan­genen Jahr­zehnte wurde. Dabei war auch seine Technik eine Augen­weide. Wie er Bälle mit einem ein­zigen Kon­takt aus der Luft pflückte. Wie raf­fi­niert er Tor­hüter aus­guckte. Wie er Bälle mal ins Tor häm­merte und mal locker ins Tor hob. Immer durch­dacht, selten bis nie kopflos.

Oder wie es sein enger Freund und Ex-Mit­spieler Salomon Kalou einst gegen­über 11FREUNDE for­mu­lierte: Der Stürmer, der das Spiel am besten ver­standen hat, war Didier Drogba. Die Leute denken immer, er war so gut, weil er so robust und kräftig war, doch das ist Quatsch. Er war so gut dank seiner Spiel­in­tel­li­genz und seiner Lauf­wege. Er hat für andere Spieler Räume kre­iert. Er wich im rich­tigen Moment auf den Flügel aus. Wenn ich ins Eins gegen Eins ging, hat er mir Platz geschaffen, indem er zur anderen Seite sprin­tete und Gegen­spieler ver­wirrte.“

Einen wie ihn will man stolz machen

Heute wird er ein letztes Mal Gegen­spieler als Prof ver­wirren. Bevor mit ihm, genau wie in den ver­gan­genen Jahren mit John Terry oder Steven Ger­rard, einer der ganz großen Anführer des Welt­fuß­ball abtritt. Ein Spieler, dem andere bedin­gungslos ver­trauten. Dem sie sich gerne fügten. Weil er seine Teams mit einem Mix aus Locker­heit (wun­derbar zu sehen in einem der besten Pro­mo­clips dieses Jahr­zehnts) und natür­li­cher Auto­rität führte.

Wer Drogba nach dem skan­da­lösen Cham­pions-League-Aus gegen den FC Bar­ce­lona wut­ent­brannt in die Kata­komben ver­schwinden sah, der weiß außerdem: Einen wie ihn will man nicht wütend machen. Im Gegen­teil: Einen wie ihn will man stolz machen, für einen wie ihn legt man sich ins Zeug. Auch, weil Drogba harte Arbeit zu schätzen weiß.

Ich flehe euch auf meinen Knien an“

Schließ­lich musste er sich selber alles hart erar­beiten. Schon als 5‑jähriger Junge schickten seine Eltern ihn aus Abidjan zum Onkel ins nord­fran­zö­si­sche Kaff Dun­kerque. Erst mit 25 Jahren wurde ein Verein der Grö­ßen­ord­nung Mar­seilles auf ihn auf­merksam, erst mit 24 Jahren wurde er Natio­nal­spieler. Es folgten 105 Län­der­spiele und 65 Tore für die Elfen­bein­küste. Und aus­ge­rechnet mit der Mann­schaft, für die er die meiste Lei­den­schaft ent­wi­ckeln konnte, kein Titel.

Gleich dreimal stand er mit seiner Genera­tion, der gol­denen, also mit Yaya und Kolo Toure, mit Salomon Kalou, mit Ger­vinho und Ema­nuel Eboué, im Finale des Afrika-Cups. Dreimal schei­terte er. Obwohl das Wort schei­tern, wenn es um die Elfen­bein­küste und ihren lang­jäh­rigen Kapitän Didier Drogba geht, Fehl am Platz ist. Was wie­derum mit dem Moment am 08.10.2005 zu tun hat, mit dem Moment, als Drogba mit Mikrofon in der Hand vom Sudan aus zum ivo­ri­schen Volk spricht: Ivo­re­rinnen und Ivorer“, sagt er. Egal ob aus dem Norden, dem Süden, dem Zen­trum oder dem Westen. Wir haben heute bewiesen, dass alle Bewohner der Elfen­bein­küste zusam­men­leben und dass wir gemeinsam für ein Ziel spielen können, die WM-Qua­li­fi­ka­tion. Ich flehe euch auf meinen Knien an: Lasst nicht zu, dass unser rei­ches Land durch einen Krieg ver­wüstet wird.“

Drogba und seine Mann­schafts­ka­me­raden gehen auf die Knie. Ich bitte euch: Legt die Waffen nieder. Orga­ni­siert Wahlen, und alles wird besser werden.“ Danach singt er minu­ten­lang mit der Mann­schaft. Noch an dem Abend kommt es (wenn auch nur vor­über­ge­hend) zur Waf­fen­ruhe. Zwei Jahre später ist der Krieg, auch dank Drogbas ver­mit­telnder Rolle, vorbei. Wieder zwei Jahre später nimmt ihn das US-Maga­zine Time“ in die renom­mierte Liste der 100 ein­fluss­reichsten Men­schen des Pla­neten auf. Acht Jahre später ist klar. Wenn Didier Drogba heute seinen Abschied als Profi feiert, werden nicht nur Fuß­ball­fans froh sein, dass es einen wie ihn gab.