Es ist kein Geheimnis, dass die 11FREUNDE-Redak­tion ihren Sitz in Berlin hat. Genauso wenig ist es ein Geheimnis, dass in dieser Stadt der­zeit ein Groß­flug­hafen auf seine Fer­tig­stel­lung wartet. Er wartet aller­dings seit Jahren und wie zu ver­nehmen ist, wird er auch noch ein paar wei­tere Jahre warten müssen. Bau­stellen und Berlin, das ist so eine Sache. Und liest man täg­lich neue Hor­ror­mel­dungen aus den Tiefen der Pleiten, Pech und Pannen am Bau. Des­wegen waren wir froh, als wir uns auf­machten, um den Trainer des Zweit­liga-Tabel­len­füh­rers Ein­tracht Braun­schweig im beschau­li­chen Nie­der­sachsen zu besu­chen. Die klein­städ­ti­sche Ruhe sollte uns auch rein­wa­schen vom Wahn­sinn der Haupt­stadt. Ange­kommen an der Ham­burger Straße dann der Schock: Das Sta­dion der Ein­tracht ist eben­falls eine Groß­bau­stelle an der Flex­scheiben krei­schen, Press­luft­hammer tackern und ein Bau­ar­beiter eine Grube schu­felt, wäh­rend zwei andere rau­chend zuschauen.

Der Verein als Dau­er­bau­stelle

Und wenn man durch den Rohbau der Sta­di­on­ka­ta­komben geht, ver­nahm man wei­tere Geräu­sche des Grauens: pol­ternde Beton­mi­scher, brül­lende Poliere, das Kratzen eine Mau­rer­kelle. Man kann das Sze­nario immerhin als Par­al­lele für die der­zei­tigen Gescheh­nisse bei der Ein­tracht sehen: Auch der Klub ist nach dem Auf­stieg aus der Dritten Liga vor zwei Jahren im ste­tigen Umbau. Als Außen­seiter stürmten die Löwen in der Hin­runde an die Tabel­len­spitze der Zweiten Liga und werden mitt­ler­weile schon als sicherer Auf­stiegs­kan­didat gehan­delt. Ent­spre­chend gut gelaunt emp­fängt uns dann auch Torsten Lie­ber­knecht in der Heim­ka­bine seiner Mann­schaft. In eine flau­schige Dau­nen­jacke gehüllt bittet der Erfolgs­trainer zum Inter­view auf einer harte Holz­bank.

Es ist ein bemer­kens­wertes Gespräch mit einem Mann, der so gar nicht in das Bild des ver­bis­senen Profi-Trai­ners passen will, der in der Hin­runde auch des Öfteren durch bizarre Gesichts­ent­glei­sungen an der Sei­ten­li­nien auf­fällig wurde. Er spricht von den furcht­baren Beton­fri­suren in seinem Hei­matort Haß­loch, seinem rau­chenden Mann­schafts­kol­legen Jürgen Klopp, schwärmt vom Old-School-Stil“ an der Ham­burger Straße und gesteht, dass man sich in Braun­schweig mit Anek­doten über Paul Breitner nicht mehr die Liebe junger Spieler erschlei­chen kann. Im Gegen­teil, er sagt: Von der Geschichte können wir uns nichts mehr kaufen – außer viel­leicht ein altes Jäger­meister-Shirt.“ Lie­ber­knecht ist Rea­list. Tiefen­ent­spannt erzählt er von den cha­rak­ter­li­chen Vorraus­set­zungen, die neue Spieler mit­bringen sollten, ges­ti­ku­liert ab und an Fan­ta­sie­zeich­nungen in die Luft und lacht sehr gerne. Zum Bei­spiel über seinen kleinen Streit mit Holger Sta­nis­la­waski, der im End­ef­fekt nur posi­tive Folgen hatte: Das Wedeln seiner Win­ter­mütze heizte den Mer­chan­di­sin­gab­satz der Klubs extrem an.

Als es dann um seine aktu­ellen Spieler geht, wird Lie­ber­knecht jedoch ein­dring­lich. Die Mann­schaft ist extrem im Emp­fän­ger­modus“, sagt er und for­dert die nächste Ent­wick­lungs­stufe von seinen Jungs. Statt dem Trainer blind zu folgen, soll seine Mann­schaft zuneh­mend zum Selbst­ver­sorger werden. Nur zur Erin­ne­rung, hier spricht der Trainer des Tabel­len­füh­rers der Zweiten Liga, der die gesamte Hin­runde mit nur einer Nie­der­lage und rekord­ver­däch­tigen 44 Punkten abschloss.

Torsten Lie­ber­knecht sieht sich als Bau­leiter von Ein­tracht Braun­schweig. Sein Klub ist heute ein kleines nettes Rei­hen­end­haus, an das noch einige Anbauten gemacht werden müssen, damit es ein schönes Gesamt­bild ergibt.“ Und er hat die Mau­rer­kelle in der Hand. Jeden Tag aufs Neue. Und es ist nicht aus­zu­schließen, dass sein Pro­jekt schneller vor dem Abschluss steht, als der Groß­flug­hafen in der Haupt­stadt.