Krieg ver­än­dert die Men­schen. Schon ein dro­hender Kon­flikt kann eine Bio­gra­phie nach­haltig beein­flussen. Wag­hal­sige Ent­schei­dungen müssen getroffen werden, die über Leben und Tod bestimmen können. Hätte Vater Pjanic nicht damals die Ent­schei­dung zur Flucht aus der Heimat getroffen, wer weiß, ob sein Sohn Miralem über­haupt Fuß­ball­profi geworden wäre, geschweige denn, ob seine Familie den blu­tigen Kon­flikt der Volks­gruppen auf dem Balkan Anfang der Neun­ziger Jahre über­lebt hätte. Doch das Fami­li­en­ober­haupt wollte raus, weg von dem dro­henden Unheil, und so ent­schloss er sich zu emi­grieren; in das Zen­trum Europas, weg vom Krieg in Jugo­sla­wien. Die Flücht­lings­fa­milie lan­dete in Luxem­burg und blieb.



Das win­zige Groß­her­zogtum ist nicht gerade als Fuß­ball­ta­lent­schmiede bekannt, eher für große Banken, nied­rige Arbeits­lo­sig­keit und für einen gewissen Jeff Strasser, der mal einige Jahre in Kai­sers­lau­tern und Glad­bach Bun­des­liga spielen durfte. Strasser ist vielen Bun­des­li­gafans zumeist nur wegen seiner niedrig hän­genden Stutzen im Gedächtnis geblieben, weniger auf­grund seiner Ball­vir­tuo­sität. Dass der Luxem­burger Klub FC Schiff­lange 95 mal eines der begehr­testen euro­päi­schen Talente her­vor­zau­bern würde, hätte wohl selbst Strasser nicht für mög­lich gehalten. Nur schade für das Land, dass Miralem Pjanic nicht den Weg in die luxem­bur­gi­sche Natio­nal­mann­schaft finden sollte. Pjanic selbst wird nicht ganz unglück­lich über seine Ent­schei­dung sein, für sein Hei­mat­land zu spielen. Die Qua­li­fi­ka­tion für die WM in Süd­afrika ist zum Greifen nahe.

Geboren im Kri­sen­ge­biet

Dabei trug Pjanic das Trikot »der roten Löwen« zwölf Mal in der Jugend. Als luxem­bur­gi­scher U17-Natio­nal­spieler schoss er 2006 das ein­zige Tor des Gast­ge­bers bei der Euro­pa­meis­ter­schaft. Schon vorher fiel der quir­lige und drib­bel­starke Mit­tel­feld­spieler aus Schiff­lange auf. Im Alter von 14 Jahren wollten ihn bereits Inter Mai­land und der PSV Eind­hoven für seine Jugend­in­ter­nate gewinnen, doch der FC Metz machte das Rennen und stat­tete ihn mit einem Jugend­ver­trag aus. Pjanic wollte nicht zu weit von seiner Familie ent­fernt sein, die im Kanton Esch-sur-Alzette lebt.

Geboren wurde das Talent 1990 zwar im damals noch jugo­sla­wi­schen Zvornik, doch bereits ein Jahr nachdem der kleine Miralem das Licht der Welt erblickte, begann der Bür­ger­krieg, und seine Familie ver­ließ das heu­tige Grenz­ge­biet zwi­schen Bos­nien und Ser­bien. Kurze Zeit später begannen ser­bi­sche Frei­schärler, die Stadt mit Artil­lerie zu beschießen. Viele Ein­wohner kamen ums Leben. Die meisten Mus­lime wurden ver­trieben oder umge­bracht. Noch heute finden sich gräss­liche Mas­sen­gräber in den Wald­ge­bieten um die Stadt an der Drina. Die Familie seines Mann­schafts­kol­legen Sejad Sali­hovic stammt eben­falls aus Zvornik und kann eine ähn­liche Bio­gra­phie vor­weisen, von Schmerz und Ver­trei­bung geprägt.

Ver­mut­lich war es dem jungen Miralem Pjanic des­halb ein so großes Anliegen, für das Land zu spielen, das bei seiner Geburt noch gar nicht exis­tierte. Als 17-Jäh­riger gab er einer Zei­tung ein Inter­view und unter­mau­erte seinen Willen für Bos­nien-Her­ze­go­wina die Fuß­ball­schuhe zu schnüren. Da gab es nur ein Pro­blem: Er hatte noch nie einen bos­ni­schen Pass besessen und nur die Staats­bür­ger­schaft Luxem­burgs. Nach fünf Jahren Auf­ent­halt in Frank­reich hätte er sogar für die »equipe tri­co­lore« auf Tore­jagd gehen können. Aber alles kein Anreiz für Pjanic, obwohl er bereits mit 19 Jahren zu einem der­ar­tigen Klas­se­spieler gereift ist, dass er sich wohl selbst bei den »les bleus« hätte durch­setzen können.

Der Auf­stieg des Miralem Pjanic geschah in Win­des­eile. Nachdem der Teen­ager in Metz das Jugend­in­ternat absol­vierte hatte, bekam er bereits mit 17 Jahren die Chance, sich in der Ligue 1 zu beweisen. Wenige Wochen nach seinem Debüt schoss er für den FCM ein Tor gegen den FC Sochaux und wurde so zu einem der jüngsten Tor­schützen in der ersten fran­zö­si­schen Liga. Nach 32 Sai­son­ein­sätzen wech­selte das Talent im Jahr 2008 für 7,5 Mil­lionen Euro zu Olym­pique Lyon. Pjanic sollte behutsam an die Fuß­stapfen von Jun­inho her­an­ge­führt werden, um diesen viel­leicht eines Tages auf der Spiel­ma­cher­po­si­tion ersetzen zu können.

Offerten der zah­lungs­kräf­tigen Kund­schaft


Zum ersten Mal las­tete Druck auf dem jungen Aus­nah­me­spieler. Zunächst war Pjanic ver­letzt und spielte kaum. Doch dann schaffte er den Durch­bruch. Er erzielte spek­ta­ku­läre Frei­stoß­tore und bekam sogar die Rücken­nummer 8 von Jun­inho ver­macht, als der Bra­si­lianer Ende letzten Jahres mit großer Geste abtrat. Fran­zö­si­sche Sport­me­dien loben Pjanic beson­ders wegen seiner her­vor­ra­genden Technik und wegen über­ra­gender Genau­ig­keit. Egal ob es töd­liche Pässe oder prä­zise Frei­stöße sind; der Bos­nier beherrscht alles, was einen modernen Spiel­ma­cher aus­zeichnet. In der aktu­ellen Cham­pions-League-Saison sorgte er in vier Auf­tritten bereits für zwei Tore und zwei Vor­lagen.

Solche Leis­tungen auf der großen Bühne wecken natür­lich Begehr­lich­keiten. Und die zah­lungs­kräf­tige Kund­schaft steht bereits Schlange. Der FC Chelsea, Man­chester City und der FC Bar­ce­lona sollen Lyon bereits Offerten vor­ge­legt haben. Sein Lieb­lings­klub ist aller­dings Real Madrid. Für die »König­li­chen« will Pjanic eines Tages unbe­dingt spielen, wie er erst kürz­lich in einem Inter­view ver­riet. Egal ob Chelsea oder Madrid – sein Happy-End auf der großen euro­päi­schen Bühne scheint vor­pro­gram­miert. 

Dass der Spiel­ma­cher schluss­end­lich für Bos­nien-Her­ze­go­wina auf­laufen durfte, ist dem Ein­satz eines Poli­ti­kers zu ver­danken. Nach acht­mo­na­tiger Gedulds­probe inklu­sive medialer Dis­kus­si­ons­runde bekam Pjanic im Jahr 2008 end­lich seinen Pass vom Staats­prä­si­di­ums­mit­glied Zeljko Komsic aus­ge­hän­digt. Nach starker WM-Qua­li­fi­ka­tion darf er seitdem zusammen mit dem Quin­tett aus der Bun­des­liga von Süd­afrika träumen.

Im Play-Off-Hin­spiel gab es gegen die favo­ri­sierten Por­tu­giesen bekannt­lich eine 0:1‑Niederlage. Pjanic kam erst in der 87. Minute in die Partie. Bos­niens Trai­ne­rikone Miroslav Bla­zevic hätte zwar im offen­siven Mit­tel­feld eine Top­be­set­zung auf­bieten können; mit Misi­movic, Sali­hovic und eben dem jungen Pjanic, doch drei Spiel­ma­cher waren dem Trainer im Estadio da Luz dann aller­dings doch einer zuviel. Und so gab Bla­zevic dem rou­ti­nierten und defensiv stär­keren Samir Mura­tovic den Vorzug vor dem zier­li­chen Mann aus Zvornik.

Wenn es am Mitt­woch­abend im Hexen­kessel »Bilino Polje« in Zenica um die letzte WM-Chance für Bos­nien-Her­zi­go­wina geht, wird Bla­zevic mit großer Wahr­schein­lich­keit eine andere Wahl treffen. Zve­djan Misi­movic wird als Spiel­ma­cher ver­letzt aus­fallen. Der heim­ge­kehrte Sohn Miralem Pjanic wäre wie gemacht für diese Hel­den­rolle, in einem Land, dass so viel Leid ertragen musste.

Selbst Jeff Strasser müsste dann dem 19-Jäh­rigen, der seine Kind­heit einst in Luxem­burg ver­brachte, ganz fest die Daumen drü­cken. Denn Pjanic wäre bei einem Sieg mit min­des­tens zwei Toren Unter­schied der erste Teil­nehmer aus Luxem­burg bei einer Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft.