Seite 3: „Wir hatten uns zuletzt vor zehn Jahren beim HSV gesehen“

Statt mit van Nistel­rooy auf dem Platz zu stehen, wech­selten Sie 2011 nach Babels­berg. Wie viel Spaß macht der Beruf Pro­fi­fuß­baller ein paar Etagen weiter unten? Finan­ziell aus­sorgen können die meisten Dritt­li­ga­spieler in ihrer aktiven Kar­riere ja eher nicht.
Heute kann ich natür­lich sagen: Oben ist es schöner. Aber auch die 3. Liga macht Spaß. Ich zum Bei­spiel konnte mir schon als ganz junger Kerl durch den Fuß­ball finan­ziell ein biss­chen was auf­bauen. Oder mir, wenn ich Urlaub gemacht habe, das Rei­se­ziel quasi aus­su­chen. Wer kann das schon mit Anfang 20? Das wusste ich immer zu schätzen, auch wenn Sie recht haben: In der 3. Liga ist man für den Moment finan­ziell zwar gut auf­ge­stellt, aus­sorgen kann man aber nicht. Dazu kommen andere Sorgen. In Babels­berg habe ich mir zum Bei­spiel das Kreuz­band gerissen, da konnte ich sieben Monate meinen Beruf nicht aus­üben. Und dann springt als Dritt­li­ga­spieler sofort der Kopf an, du fängst an zu über­legen: Ist das der rich­tige Weg? Wo führt das über­haupt hin? Du schaust dich im Freun­des­kreis um, wo die Leute in ihren Jobs die Kar­rie­re­leiter hoch­steigen, wäh­rend du genau weißt: Deinen Job kannst du nur noch ein paar Jahre machen, dann ist das vorbei. Und den­noch: Für mich haben auch weiter unten ganz klar die Vor­teile über­wogen. Vor Zuschauern gegen große Ver­eine auf­laufen, Osna­brück gegen Münster, Osna­brück gegen Bie­le­feld, und dafür auch noch Geld bekommen – besser geht es nicht. Das ist ein Pri­vileg.

Haben Sie sich damals viele Gedanken über das Leben nach der aktiven Kar­riere gemacht?
Ich habe in meinem Jahr in Lotte ganz bewusst ein Stu­dium ange­fangen und bin zur Fach­hoch­schule gegangen. Das hatte zwei große Vor­teile: Ich habe mich auf die Zukunft vor­be­reitet – und über den Tel­ler­rand geschaut. Das war, finde ich, extrem wichtig.

Wieso?
Weil ich mich nicht mehr nur über den Fuß­ball defi­niert habe. Ein Leben, das nur um den Fuß­ball kreist, ist nicht gesund. Vor allem in Phasen, in denen du ver­letzt bist oder deine Leis­tung nicht bringst. Dann ein Thema im Leben zu haben, bei dem du unab­hängig von dem, was auf dem Platz pas­siert, Erfolgs­er­leb­nisse hast, fängt dich auf. Dann geht auch alles andere leichter.

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Apropos alles geht leichter: Was haben Sie sich eigent­lich von Ihrem ersten Bun­des­li­ga­profi-Gehalt im November besorgt? Jung­profis kaufen sich dem Kli­schee zu Folge ja erstmal irgend­einen Blöd­sinn. Was war es bei Ihnen als erwach­sener Fami­li­en­vater: Ein Satz neue Ter­ra­cotta-Fliesen für die Ter­rasse?
Nein! (Lacht.) Erstmal wird natür­lich gespart! Ich muss dazu außerdem auch sagen: Mein Ver­trag war schon lange vor diesem November von Werder ange­passt worden, zu Bun­des­liga-Kon­di­tionen. Da hat sich der Verein wirk­lich fair ver­halten, da wurde sehr schnell die Leis­tung hono­riert. Jetzt im November habe ich nur einen Lizenz­spieler-Ver­trag unter­schrieben, das war alles.

Also keine schwach­sin­nige Anschaf­fung? Nicht mal ein Gold-Steak oder so?
Der Bank­be­rater wollte mir natür­lich sofort diverse Immo­bi­lien andrehen.

Wirk­lich?
Quatsch. (Lacht.) Ich hatte mir schon vor den ersten Bun­des­li­ga­spielen ein Haus gekauft, da haben die neuen finan­zi­ellen Mög­lich­keiten natür­lich für Ent­span­nung gesorgt. Nicht mehr, nicht weniger.

Wenn es nicht der Blick aufs Konto ist, was macht Ihnen an der Bun­des­liga dann so richtig Spaß?
Das große Hobby zum Beruf zu haben, ist das schönste, was dir pas­sieren kann. Ich darf Fuß­ball spielen! Das ist toll. Außerdem erlebe ich in der Bun­des­liga aktuell auch immer wieder schöne Geschichten.

Zum Bei­spiel?
Zum Bei­spiel, als neu­lich beim Spiel in Mün­chen Choupo-Mou­ting bei den Bayern ein­ge­wech­selt wurde. Er lief auf den Platz, schaute mich an und sagte: Ey, geil! Freut mich, man!“ Wir hatten uns zuletzt vor zehn Jahren beim HSV gesehen. Hätten wir wahr­schein­lich beide nicht gedacht, dass wir uns irgend­wann mal bei einem Bun­des­li­ga­spiel zwi­schen Bayern und Werder wieder treffen würden.