Seite 3: „Manchmal hilft ein Es-muss-ja-nicht-sein"

Wie war es denn nun, zum ersten Mal seit dreißig Jahren wieder Meister zu werden, dieser Titel war beim FC Liver­pool ja zu einer regel­rechten Obses­sion geworden?
Das stimmt, die Ver­gan­gen­heit hatte die Gegen­wart wie ein Unkraut über­wu­chert, und es war schon fast eine Kunst, wie der Klub in seiner ganzen Ver­kramp­fung die eine oder andere Meis­ter­schaft ver­stol­pert hat. Manchmal gibt dir ein Es-muss-ja-nicht-sein die nötige Locker­heit, etwas zu schaffen.

Also war es für Sie per­sön­lich eine gewal­tige Gefühls­ent­la­dung, als es end­lich pas­sierte?
Nein, weil sich das so lange ange­kün­digt hat. Da kann man sich selbst nicht bescheißen, noch über­rascht zu sein. Bei Jürgen und Pete war das anders. Bei ihnen gilt das Gesetz, dass der Sekt­korken in der Pulle bleibt, bis selbst die letzte theo­re­ti­sche Mög­lich­keit aus­ge­schlossen ist, dass es noch schief­gehen könnte. Das hat man bei Jürgen gesehen, als er sich dann end­lich den Gefühls­aus­bruch erlaubte und Tränen in den Augen hatte. Vorher wollte er sich nicht bei der Schwäche erwi­schen lassen, inner­lich schon gefeiert zu haben, mit dem Risiko, das Kuchen­stück doch noch weg­ge­zogen zu kriegen.

Ihr Band­kol­lege Breiti hat Sie früher nach Anfield begleitet, doch inzwi­schen ist ihm der Kom­merz­fuß­ball zuwider“. Wie viel von diesem Vor­wurf stimmt?
Man muss beide Augen zudrü­cken, um seine Romantik als Fan in dieser Elite des Fuß­balls leben zu können, denn natür­lich ist es auch Enter­tain­ment und Indus­trie. Es geht um krasse Zahlen, um Mul­ti­mil­li­ar­däre und Olig­ar­chen. Wenn ich ganz ver­nünftig über­legen würde, was man mit diesen ver­rückten Summen Sinn­volles“ machen könnte, wäre ich nicht mehr in der Lage, das lei­den­schaft­lich zu genießen.

Cam­pino

Als Andreas Frege wuchs der Front­mann der Toten Hosen in Mett­mann auf. Sein Vater ist Deut­scher, seine Mutter Eng­län­derin. In seinem gerade er­schienenen Buch Hope Street“ geht es um seine Fami­li­en­ge­schichte und die wich­tige Rolle, die Fuß­ball und ins­beson-dere der FC Liver­pool dabei spielt.

Muss man in Deutsch­land etwas weniger die Augen zudrü­cken?
Ich finde nicht. Ich kann zwar die Leute ver­stehen, die sagen: In Deutsch­land ist vieles lus­tiger, die Preise sind erschwing­lich, und der Bier­aus­schank ist auch lockerer. Das Prinzip Pro­fi­fuß­ball ist jedoch hier wie da ähn­lich, nur die Dimen­sionen lassen sich schwer ver­glei­chen. In Eng­land geht die Romantik des Fuß­balls, wie man ihn kannte, aber immer noch keine fünfzig Meter von den leuch­tenden Sta­dien ent­fernt los. Da stehen die Fish & Chips-Buden, wo eine Por­tion immer noch drei Pfund 50 kostet, da sind die schlichten Pubs. Gerade in Liver­pool, denn Anfield ist ein armer Stadt­be­zirk. Es bedeutet auch nicht, dass die Iden­tität eines Klubs nicht mehr stimmt, wenn der Klub erfolg­reich ist. Die Leute haben durchaus das Gefühl, die Erfolge haben etwas mit ihnen zu tun. Das sieht man bei den Stra­ßen­pa­raden, wenn eine Mil-
lion Men­schen den Gewinn der Cham­pions League feiern.

Wenn Jürgen Klopp den FC Liver­pool eines Tages ver­lässt, werden Sie dann auch noch Anhänger seines nächsten Klubs?
Egal, wo es ihn hin­zieht, ich werde ihm natür­lich alles Gute wün­schen. Mein Ver­hältnis zu Liver­pool wird sich sicher etwas ändern, weil ich dann ver­mut­lich nicht mehr so nah am Klub sein werde. Von mir aus kann das also gerne noch viele Jahre so wei­ter­gehen. Es könnte natür­lich auch pas­sieren, dass Jürgen eines Tages mal Natio­nal­trainer wird.

Wenn, es dürfte Sie gru­seln, würde es höchst­wahr­schein­lich für Deutsch­land sein.
Das will ich mir eigent­lich gar nicht aus­malen.

Klingt wie die ulti­ma­tive Zwick­mühle, Sie haben inzwi­schen ja sogar die bri­ti­sche Staats­bür­ger­schaft.
Trotzdem: Die Freund­schafts­ebene wäre für mich ent­schei­dend, ich würde wohl­wol­lender mit der deut­schen Mann­schaft sein. Aber nicht, wenn es gegen Eng­land geht.