Wer sucht, der findet. Zum Bei­spiel Gemein­sam­keiten zwi­schen Paolo Guer­rero und Claudio Pizarro. Beide kamen in Peru zur Welt, beide ver­su­chen seitdem, mög­lichst viele Tore zu schießen, beide taten oder tun dies in Deutsch­land, ent­weder für die Bayern oder für einen Verein aus dem Norden. Beide wurden Natio­nal­spieler, beide trugen die Kapi­täns­binde ihres Landes.

Wer sucht, der findet zwi­schen den zwei Spie­lern aber eigent­lich vor allem: Unter­schiede. Denn wo sich Claudio Pizarro in den ver­gan­genen 20 Jahren zum kleinsten gemeinsam Nenner Fuß­ball­deutsch­lands lächelte und zu dem Stürmer wurde, auf den sich wirk­lich alle einigen können, da ver­binden viele mit dem Namen Paolo Guer­rero nach wie vor einen Fla­schen­wurf aus dem Jahr 2010, der zwar auf unge­ahnte Ziel­si­cher­heit schließen ließ, der den jungen Mann damals unterm Stricht aber knapp 100.000 Euro kos­tete. Wo sich Pizarro seit Jahren als Vor­zeige-Veteran ohne zu murren in den Dienst der Mann­schaft stellt, hätte Geur­rero wegen einer Doping-Sperre fast eine Welt­meis­ter­schaft ver­passt. Und als sich Pizarro zum erfolg­reichsten aus­län­di­sche Tor­schützen der Bun­des­liga-Geschichte gemau­sert hatte, da war Guer­rero schon längst zurück nach Süd­ame­rika gewech­selt, weil er in Deutsch­land dann doch nie so richtig glück­lich geworden war.

Zu Hause lie­ferte Guer­rero ab

Obwohl es über ihn doch hieß, dass er mal ein ganz, ganz Großer werden würde. Was nicht irgendwer pro­phe­zeit hatte, son­dern ein ganz, ganz, ganz, ganz Großer. Gerd Müller näm­lich, der Guer­rero wäh­rend dessen Zeit bei Bayern II trai­niert hatte und der wohl ein­schätzen konnte wie kein anderer, ob ein Stürmer stürmen kann. Aus deut­scher Sicht muss man aller­dings sagen: Gerd Müller hat sich geirrt. Mehr als neun Tore in einer Saison schoss Guer­rero in der Bun­des­liga nie, egal ob beim FC Bayern oder beim HSV. Ande­rer­seits, und damit kommen wir wieder zu den Dingen, die ihn von Pizarro unter­scheiden, hat Guer­rero auf seinem Hei­mat­kon­ti­nent abge­lie­fert.

Egal ob bei Corin­thians Sao Paolo in Bra­si­lien, die er 2013 zur Klub­welt­meis­ter­schaft schoss, oder für die perua­ni­sche Natio­nal­mann­schaft, die er sowohl 2011 als auch 2015 auf den dritten Platz der Copa bal­lerte. 2011, als Guer­rero Tor­schüt­zen­könig des Tur­niers wurde, war Pizarro gar nicht dabei. 2015, als Guer­rero schon wieder vier Tore schoss, saß Pizarro meist nur noch auf der Bank. Und wenn Guer­rero am Sonntag, im Finale der dies­jäh­rigen Copa-Aus­gabe, mit seiner Mann­schaft tat­säch­lich Bra­si­lien schlägt, dann kann man Gerd Müller aus inter­na­tio­naler Sicht und mit etwas Ver­spä­tung wohl doch noch Recht geben. Denn wenn Guer­rero mit Peru die Copa gewinnt, zum ersten Mal seit 1975, dann ist er ein Großer.

35 Jahre, 91 Spiele, 36 Tore – und end­lich der Titel?

Um die Chance zu bekommen, die sich Guer­rero am Sonntag bietet, musste er einige Umwege nehmen. Er grätschte sich in mona­te­lange Sperren, so wie im März 2012 nach einer bru­talen Knie­kehlen-Attacke gegen Sven Ulreich oder im Sommer 2009 bei einem Län­der­spiel. Einmal drohte er einem Fan Prügel an, und erst in diesem Früh­jahr musste er seine für die WM 2018 kurz­zeitig aus­ge­setzte Doping-Sperre – die er nach wie vor als große Ver­schwö­rung gegen seine Person bei Seite schieben möchte – absitzen. Manchmal fiel er in Ungnade, weil er ob seiner Flug­angst das Trai­ning in Ham­burg ver­passte und manchmal auch ein­fach, weil er einen Schieds­richter belei­digte. Zum unum­strit­tenen Kapitän Perus, unum­strit­tener übri­gens, als es Pizarro je war, reifte er trotzdem.

Weil er weiß, wo das Tor steht. Und weil sie, seine Mit­spieler und der Groß­teil der perua­ni­schen Fans, auch immer das Gute in ihm sahen. Die Lei­den­schaft, die er auf dem Platz an den Tag legt. Die Bereit­schaft, nach dra­ma­ti­schen Nie­der­lagen wie der im Copa-Halb­fi­nale 2011 gegen Uru­guay wieder auf­zu­stehen und dann eben das Spiel um Platz Drei im Allein­gang zu ent­scheiden. Die Liebe zu seinen Kol­legen. Mitt­ler­weile ist Guer­rero 35 Jahre alt, hat 91 Län­der­spiele auf dem Buckel und dabei 36 Tore erzielt. 13 davon alleine bei seinen Copa-Teil­nahmen, kein anderer aktiver Spieler traf häu­figer beim wich­tigsten Wett­be­werb des Kon­ti­nents. 

Auf Bra­si­lien ist Guer­rero mit Peru bei dieser Copa schon getroffen, im dritten Grup­pen­spiel setzte es eine 0:5‑Klatsche. Nach der Partie hätte kaum jemand gedacht, dass Peru nur wenige Tage später eine Chance auf den Titel haben würde. Ande­rer­seits sollte nie­mand ernst­haft über­rascht sein, wenn Guer­rero im Finale, wenn es wirk­lich drauf ankommt, zu Höchst­form auf­läuft. So machen das große Spieler nun mal.