Andreas Thom, Franz Becken­bauer behauptet: Andreas Thom war das größte deut­sche Fuß­ball­ta­lent der neun­ziger Jahre…

(unter­bricht)
Tat­säch­lich?

Tat­säch­lich. Wie gut waren Sie denn nun wirk­lich?

Wie gut ich wirk­lich war? Das ver­mögen andere besser zu beur­teilen, aber ich denke, ich war ein ganz ordent­li­cher Fuß­baller.



1974 sollen Sie bei einem Hal­len­tur­nier ent­deckt worden sein…


Richtig, in Ost­berlin. Damals habe ich noch für meinen Hei­mat­verein, die TSG Herz­felde gespielt. Der Kon­takt zum BFC Dynamo kam über den Vater eines Mit­spie­lers, Frank Rohde, zu Stande. Der hatte mich spielen sehen, wollte mich haben und mit neun Jahren war ich dann beim BFC in Berlin.

Wie muss man sich das vor­stellen?

Zunächst habe ich ja weiter in Herz­felde gewohnt. Zwei‑, dreimal die Woche bin ich unter großen Ent­beh­rungen – gerade was meine Eltern betraf – zum Trai­ning nach Berlin gefahren. Mit Bus und Bahn. Zwei Stunden Fahrt. Spät­abends nach Hause, ab in die Kiste und am nächsten morgen in die Schule.

Unter wel­chen Bedin­gungen haben Sie in Berlin trai­niert?


Zunächst noch ganz normal in Jugend-Mann­schaften, wo man uns das Fuß­ball-ABC bei­gebracht hat. Mit zwölf Jahren war ich bei einem zen­tralen Sich­tungs­lehr­gang. Damals war es üblich, dass alle talen­tierten Spieler dieses Jahr­gangs aus dem Ein­zugs­ge­biet nach Berlin ein­ge­laden worden. Quasi zum Pro­be­trai­ning. Als einer der wenigen wurde ich da aus­ge­sucht und bin schließ­lich auf die Kinder- und Jugend­sport­schule gekommen. Schule und Fuß­ball kom­bi­niert, so wie es heute auch wieder üblich ist. Von da an habe ich in Berlin gewohnt.

Welche Erin­ne­rungen haben Sie an die Zeit?

Wir hatten eine sehr gute Aus­bil­dung mit hoch qua­li­fi­zierten Trai­nern. Nach der zehnten Klasse wurde erneut son­diert. Je nach Talent wurde man dann zu den Ver­einen dele­giert. In der DDR wurde ja nicht trans­fe­riert, son­dern dele­giert. Wer nicht den Ansprü­chen der Trainer gewachsen war, ist zu seinem Hei­mat­verein zurück­ge­kehrt. Ich bin nicht durchs Raster gefallen und spielte weiter für den BFC.

Und Ihr Debüt im Senio­ren­be­reich…


…habe ich mit 18 gegeben. Ober­liga-Spiel Carl Zeiss Jena gegen BFC Dynamo Berlin und Andreas Thom mit auf dem Platz.

Wenig später durften Sie Ihr erstes Euro­pacup-Spiel machen. Das inter­na­tio­nale Debüt 1983 hatte aller­dings einen pikanten Hin­ter­grund.


Kurz vor dem Aus­wärts­spiel gegen Par­tizan Bel­grad haben sich Falko Götz und Dirk Schlegel abge­setzt. Das ergab dann eine neue Kon­stel­la­tion. Auf der Bank saßen nur noch drei Ersatz­spieler plus Tor­wart, der sich dann auch noch als Feld­spieler umziehen musste. Kurz vor dem Anpfiff kam der Trainer zu mir und sagte: ´Thom, du spielst!´ Mensch, ich war ein junger Kerl, 18 Jahre alt mit gerade einmal fünf Minuten Ober­liga-Erfah­rung! Das war ja keine ein­fache Kiste, aus­wärts in Bel­grad vor 55.000 Zuschauern. Das Hin­spiel in Berlin hatten wir mit 2:0 gewonnen. Logisch war ich auf­ge­regt, aber es hat schließ­lich geklappt. Wir kamen eine Runde weiter, aber alles drehte sich natür­lich nur um die beiden, die auf dem Rück­flug nicht mehr mit in der Maschine saßen.

Wie sehr wurde dieses Thema inner­halb der Mann­schaft dis­ku­tiert?


Kar wurden ein paar Äuße­rungen dazu gemacht, warum die beiden nicht mehr da waren. Die sind ja mit­tags, wenige Stunden vor dem Spiel, ver­schwunden, in jeder Hin­sicht eine heikle Sache. Aber wir wussten, dass die nicht mehr wieder kommen und haben ver­sucht uns auf den Gegner zu kon­zen­trieren.

Schon ein Jahr später waren Sie Natio­nal­spieler und als Nach­wuchs­star in der DDR gefeiert. Wie sehr hat sich Ihr Leben damals ver­än­dert?


Erheb­lich. Fuß­ball war ja auch in der DDR die Sportart Nummer eins. Ich konnte mit Fuß­ball mein Geld ver­dienen, habe nebenbei noch das Abitur gemacht und im Sommer 1989 ange­fangen Sport­päd­agogik zu stu­dieren. Mein Leben hatte sich geän­dert. Als die Mauer gefallen war, musste ich mich ent­scheiden: Bleibe ich beim BFC in Berlin oder gehe ich zu Bayer Lever­kusen. Ich habe mich dann für Lever­kusen ent­schieden. Wäre die Mauer nicht gefallen: Ich hätte mein Stu­dium beendet und wäre irgend­wann auch in die Trai­ner­schiene gerutscht. Das war immer mein Ziel.

Zwei Pokal­siege, fünf Meis­ter­titel: Mit dem BFC haben Sie in der DDR alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Und trotzdem das Siege, ohne Popu­la­rität. Auf den Rängen sang man Schie­ber­meister BFC“. Wie haben Sie das auf dem Platz mit­be­kommen?

Sehr intensiv. So etwas geht ja nicht spurlos an dir vorbei, zumal ich auch noch ein sehr junger Spieler war. Auf­grund dieser Anti­pa­thie dem Verein gegen­über durfte bei uns nie Still­stand sein, wir konnten es uns nicht erlauben auch mal nur mit halber Kraft zu spielen. Der BFC war in der DDR ver­hasst ohne Ende. Wir hatten dadurch auch den Anspruch immer etwas Beson­deres auf dem Platz zu zeigen, wollten guten und gleich­zeitig erfolg­rei­chen Fuß­ball spielen. 

Dem BFC, Lieb­lings­klub von Stasi-Chef Mielke, wurde vor­ge­worfen, jah­re­lang Schieds­richter besto­chen und Spiele ver­schoben zu haben, um die Meis­ter­schaft zu gewinnen…


Sicher­lich waren einige Schieds­richter-Ent­schei­dungen dabei, die nicht sauber waren. Aber: man doch nicht fünfmal hin­ter­ein­ander Meister durch Fehl­ent­schei­dungen der Schieds­richter! Ein biss­chen Arbeit und ein biss­chen Klasse steckt dann auch dahinter…

Erich Mielke hatte Sie, Tor­jäger und außer­ge­wöhn­lich talen­tierten Jung­fuß­baller, als seinen Zieh­sohn“ adap­tiert. Standen Sie dadurch unter beson­derem Druck?

Ach, das hat mich doch nicht inter­es­siert, ob ich als Zieh­sohn“ von Mielke dar­ge­stellt wurde, oder nicht. Ich habe ver­sucht guten Fuß­ball zu spielen. Das war mir viel wich­tiger, als irgend­welche Dinge, die da hinein inter­pre­tiert worden.

War das nicht schwierig Politik und Fuß­ball zu trennen?


Ich habe beim BFC Fuß­ball gespielt und nichts anderes. Logisch wussten wir, wusste ich von den Rand­er­schei­nungen in der DDR, aber ich sag Ihnen ganz ehr­lich: Ich habe mich nicht dafür inter­es­siert. Man könnte meine Zeit beim BFC auch so zusam­men­fassen: Fuß­ball spielen unter beson­deren Vor­aus­set­zungen.

Bereits 1988 sollen Sie gesagt haben: Ein Wechsel in die Bun­des­liga würde mich reizen.“ Gab es dafür denn keinen Maul­korb?


Sicher­lich werden sich einige des­wegen geschüt­telt haben. Sie wissen ja wo ich damals gespielt habe. Nach dieser Aus­sage stand ich mit Sicher­heit unter beson­derer Beob­ach­tung“.

Haben Sie eigent­lich jemals Ein­sicht in Ihre Stasi-Akten ver­langt?


Nein. Weil ich glaube, dass da sicher­lich nicht wenig drin stehen würde. Wer weiß, was ich darin alles lesen muss. (zögert) Das Ganze ist jetzt 20 Jahre her und weiß nicht, ob das noch not­wendig ist, wenn ich mir das antue.

Ihr Wechsel nach Lever­kusen soll auch des­halb so zügig geklappt haben, weil Reiner Cal­mund Ihnen eine Spiel­zeug­ei­sen­bahn für die Kinder geschickt haben soll…

Haben sie das Buch von Reiner Cal­mund („fuß­ball­be­kloppt!“, d. Red.) gelesen?

Nein.


Er sucht die Eisen­bahn und ich suche sie heute auch noch! (lacht) Viel­leicht kommt sie ja irgend­wann noch mal.

Sie waren der erste nam­hafte Fuß­baller, der nach der Wende in den Westen gewech­selt ist. Für die Presse waren Sie ein begehrtes Thema, Ihr Transfer hat Wellen geschlagen. Wie haben Sie das damals ver­ar­beitet?


Für mich war das alles ja auch ein Aben­teuer. Ein wenig unge­wohnt war das schon, aber in Lever­kusen bin ich sehr gut auf­ge­nommen worden. Ein halbes Jahr später kam Ulf Kirsten, später noch einige andere ehe­ma­lige Kol­legen aus der ehe­ma­ligen DDR. Zusammen haben wir eine gute Mischung abge­geben. Eine erfolg­reiche Mischung. Siehe Pokal­sieg 1993. Ein­fach war es am Anfang nicht, aber ich hatte nicht wirk­liche Anlauf­schwie­rig­keiten. Auf und neben dem Platz hatte ich mich bald zu Recht gefunden.

Bei Ihrem Debüt im ersten Spiel einer gesamt­deut­schen Mann­schaft gegen die Schweiz gelang Ihnen kurz nach der Ein­wechs­lung für Mat­thias Sammer in der 75. Minute das 3:0. Ein his­to­ri­sches Tor. Später machten Sie nur noch neun Spiele und erzielten ein wei­teres Tor. Was lief schief in der DFB-Kar­riere?

Das müssen mir andere sagen. Sicher­lich hätten es ein paar mehr Spiele sein können, aber hätte, wenn und aber: Es war nicht so.

Wurmt es Sie nicht trotzdem nie­mals an einer Welt­meis­ter­schaft teil­ge­nommen zu haben?


Sie spre­chen die WM 1994 an. Im Vor­feld war es ja so, dass man mal ver­sucht hat Ulf und mich zusammen in der Natio­nal­mann­schaft stürmen zu lassen. Gegen die Ver­ei­nigten Ara­bi­schen Emi­rate. Wir haben auch 2:0 gewonnen, aber es war nicht unbe­dingt mein bestes Spiel. (Thom wurde nach 59 Minuten aus­ge­wech­selt, d. Red.) Den Sprung in den 94er-Kader habe ich damit ver­passt. Dafür war ich 1992 im EM-Kader und bin Vize-Euro­pa­meister geworden.

Mit immerhin einem Ein­satz.


Ganz genau. Im Finale gegen Däne­mark. Da war das Spiel aller­dings schon gelaufen. (Thom kam in der 81. Minute beim Stand von 0:2 für Stefan Effen­berg, d. Red.).

1994/95 gab es unter Dra­goslav Ste­pa­novic den großen Bruch bei Bayer. Kirsten ist geblieben. Sie sind zu Celtic Glasgow gewech­selt. Was waren die Gründe für die Tren­nung?


Dass ich eine neue Her­aus­for­de­rung gesucht habe. Ich wollte nach meiner Kar­riere immer mal sagen können, bei ver­schie­denen inter­es­santen Ver­einen gespielt zu haben. Dann kam das Angebot von Celtic und ich bin nach Glasgow gegangen.

Vor dem Wechsel hat man Sie fol­gen­der­maßen zitiert: In Glasgow bin ich ein Mann ohne Ver­gan­gen­heit.“ Hatte der Wechsel nicht auch mehr Gründe als nur eine neue Her­aus­for­de­rung?


Als ich ging, war Ste­pa­novic ja schon weg, und Erich Rib­beck da. Es war unge­wiss, ob ich unter Rib­beck dau­er­haft bei Bayer zum Ein­satz würde kommen. In der Zei­tung las ich, dass Celtic angeb­lich an mir inter­es­siert sei. Zu diesem Zeit­punkt war ich 29 und war bereit den Schritt ins Aus­lang wagen.

Im Old Firm Derby“ gegen die Ran­gers, gelang Ihnen dann wun­der­schönes Fern­schusstor erzielen. Können Sie sich daran noch erin­nern?

Aber sicher! 3:3 ist das Spiel damals aus­ge­gangen. Eine Woche vor dem Derby wird im Trai­ning nur noch dar­über gespro­chen, dann gibt es kein anderes Thema mehr. Die Ran­gers waren uns damals indi­vi­duell über­legen, und aus­ge­rechnet in diesem Spiel zu treffen war ein­fach eine geile Sache! Das war kein all­täg­li­ches Tor. 30 Meter und der Ball rauschte wie ein Strich durch die Luft. Zu dem Zeit­punkt habe ich gar nicht gewusst, dass ich so hart schießen konnte. So ein Tor ver­gisst man nicht.

20 Jahre nach der Wende – Ihr per­sön­li­ches Kar­riere-Fazit?

Ich würde alles wieder genau so machen.