Carles Puyol musste einen sehr weiten Weg auf­nehmen, ehe er seine Glück­wün­sche in Form eines seichten Schul­ter­klop­fers ablie­fern konnte. Wie üblich war der Abwehr­chef vom FC Bar­ce­lona tief in der eigenen Hälfte über den Rasen geti­gert, immer auf einen schnellen Konter des Geg­ners lau­ernd. Jetzt aber durfte selbst der Kapitän ruhigen Gewis­sens die Mit­tel­linie über­queren, es galt schließ­lich einen Neu­ling zu begrüßen.



Zlatan Ibra­hi­movic, 1,92 Meter, Stürmer, Schwede, hatte mit einem Flug­kopf­ball sein erstes Tor für den neuen Klub geschossen. Das 3:0 gegen Spor­ting Gijon in der 83. Minute war Ibra­hi­movic´ Begrü­ßungs­prä­sent für die erfolgs­ver­wöhnten Zuschauer im weiten Rund des Camp Nou, die nichts anderes von ihrem teuren Neu­zu­gang erwarten: Tore. Dafür wurde er aus Mai­land zum Cham­pions-League-Sieger trans­fe­riert und dafür hatte sich auch Carles Puyol auf den Weg gemacht, um seine Glück­wün­sche zu über­bringen. Die ganze Mann­schaft her­zelte den neuen Offen­siv­mann, der einen alten Bekannten im Kosmos Barca ersetzen soll.

Samuel Eto´o. Fünf Jahre lang das Bin­de­glied zwi­schen Mit­te­feld und Angriff im varia­blen Spiel des FC Bar­ce­lona. 200 Spiele, 130 Tore. Öfter haben für den amtie­renden spa­ni­schen Meister nur Cesar Rodri­guez und Laszlo Kubala getroffen. Zweimal Cham­pions-League-Sieger, drei Meis­ter­schaften, ein Pokal­sieg. Alles mit dem Klub aus Kata­lo­nien. Im Sommer 2009 war die erfolg­reiche Liaison zwi­schen dem Kame­runer und Bar­ce­lona beendet. Sie wollten ihn nicht mehr. Sie wollten Ibra­hi­movic.

»Barca ist nervös geworden«

»Barca ist nervös geworden«, schätzt Jour­na­list Ronald Reng die Trans­fer­po­litik des Klubs ein, »jeden Tag kam eine neue Sen­sa­ti­ons­mel­dung aus Madrid: Ronaldo da! Kaka da! Ben­zema da! Im Sommer hast du gedacht, Bar­ce­lona hat das Tripple vor circa 20 Jahren gewonnen.« Auch in Bar­ce­lona sehnten sie sich plötz­lich nach nam­haften Neu­lingen. Nach langem finan­zi­ellen Gezerre einigten sich Inter und Barca auf einen mons­trösen Spieler-»Tausch«. 46 Mil­lionen Euro über­wies Bar­ce­lona an den ita­lie­ni­schen Meister, gab zusätz­lich noch Eto´o ab, und bekam für das Gesamt­paket den schwe­di­schen Aus­wahl-Stürmer Zlatan Ibra­hi­movic.

Was war dieser Wechsel wert? Jour­na­list Reng, seit Jahren in Bar­ce­lona wohn­haft, ist skep­tisch: »Meiner Mei­nung nach passt Ibra­hi­movic deut­lich schlechter zu Bar­ce­lona, als Samuel Eto´o.« Der Schwede, so Reng, habe bis­lang noch nicht zeigen können, »dass er den spiel­ma­chenden Stürmer mimen kann. Ibra­hi­movic spielt sehr unsau­bere Pässe, bei der Ball­an­nahme hat er Pro­bleme.« Vor­gänger Eto´o war für sein extrem schnelles, extrem varia­bles Spiel im Sturm­zen­trum bekannt. Flan­kiert von außer­ge­wöhn­li­chen Außen­stür­mern, wie Messi, Henry oder zuvor Ronald­inho, schaffte Eto´o das, was Bar­ce­lona in den ver­gan­genen Spiel­zeiten so gefähr­lich machte: er riss Lücken im Offen­siv­zen­trum, zog die Innen­ver­tei­diger mit und bot den schnellen Kol­legen von rechts und links somit die nötigen Frei­räume. »Das Spiel­feld auf­ma­chen«, nennt Reng das. Diese Option besitzt Bar­ce­lona zwar auch mit Ibra­hi­movic, so viel Tempo wie Eto´o besitzt der aber nicht.

Der Haupt­ver­ant­wort­liche an dieser Dis­kus­sion wird das ganz sicher beachtet haben, als er im Sommer darauf drängte seine Angriffs­spitze aus­zu­tau­schen. Josep Guar­diola, seit Mai 2008 Trainer in Bar­ce­lona, wollte neue Mög­lich­keiten, jetzt hat er sie. In seinem Zen­trum steht nun ein 1,92 Meter große Hüne mit explo­siver Durch­schlags­kraft. Ibra­hi­movic ist eine beson­dere Form der Brech­stange. Seine exzel­lente Technik, sein schneller Antritt und eine beson­dere Form der Spiel­in­tel­li­genz erlauben ihm die Posi­tion viel­fältig aus­zu­legen: für die in Bar­ce­lona han­dels­üb­li­chen Dop­pel­pässe mit den nach­rü­ckenden Mit­te­feld­spie­lern ist er genauso geeignet, wie für lange hohe Bälle aus dem Halb­feld.

Extrem variabel, flan­kiert von Genies

Ist er damit besser als Eto´o? »Auf jeden Fall«, bekräf­tigt Inters Ex-Trainer Roberto Man­cini seine Vor­liebe für den langen Schweden: »Er ist der beste Stürmer der Welt und jeden erdenk­li­chen Preis wert.« Fabio Capello stößt ins gleiche Horn: »Seine Bewe­gungen erin­nern mich an Marco van Basten.« Der war bereits in den frühen neun­ziger Jahren dafür bekannt eine ideale Mischung zwi­schen wuch­tigem Stoß­stürmer und fein­fü­ßigem Spiel­ma­cher zu sein. Wie auch immer die Dis­kus­sion um die Qua­li­täten der beiden Stürmer aus­ge­legt wird, am heu­tigen Mitt­woch­abend treffen Eto´o und Zlatan Ibra­hi­movic erst­mals auf­ein­ander. Zwei Tore gelangen dem Neu­zu­gang von Bar­ce­lona in der Pre­miera Divi­sion, zwei Tore schoss auch Samuel Eto´o in der Seria A. Auf Welt­klasse-Niveau bewegen sich die beiden seit Jahren, die inter­na­tio­nalen Erfolge gehen aller­dings auf das Konto des Kame­ru­ners. Ob Josep Guar­diola und der FC Bar­ce­lona mit ihre neuen Stürmer einen Spieler gewonnen haben, der nicht nur Tore schießt, son­dern auch Titel gewinnt, muss sich erst noch zeigen. Ein erster Schritt wäre der Erfolg gegen Inter Mai­land. Trifft Ibra­hi­movic auch gegen die alten Kol­legen, wird sich Carles Puyol sicher­lich gerne wieder dazu auf­raffen die eigene Platz­hälfte zu ver­lassen.